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(19.06.2013, 13:52)
Eine neue Studie zeigt: Leser wollen eine Wirtschaftsberichterstattung, die vor allem die gesellschaftspolitischen Auswirkungen stärker berücksichtigt und den Verantwortlichen den Spiegel vorhält und Grenzen aufzeigt.
Frankfurt - “Wir vertrauen Euch nicht!” - das denkt knapp die Hälfte der Printleser (47 Prozent) der Republik über Wirtschaftsjournalisten. Zumindest, wenn man einer Studie des Fachgebiets für Kommunikationswissenschaft und Journalistik der Universität Hohenheim und der ING-DiBa AG Glauben schenkt, die am Dienstagabend in Frankfurt vorgestellt wurde. Das Ergebnis lässt auf einige Missstände zwischen der täglichen Wirtschaftsberichterstattung und der Erwartungshaltung der Leser schließen.
Noch größer ist das Misstrauen gegenüber Politikern und Unternehmensvertretern: Lediglich 44 Prozent der Befragten halten den Bundestag für glaubwürdig, der Bundesregierung sprechen gerade einmal 31 Prozent ihr Vertrauen aus. Gerade die aktuellen und andauernden Schreckensmeldungen und Krisenszenarien aus der Wirtschaftswelt haben zudem dem Image und der Glaubwürdigkeit von Banken und Versicherungen geschadet. Nur 26 Prozent der Bevölkerung hält diese noch für vertrauenswürdig.
"Neuorientierung im Wirtschaftsjournalismus - Erwartungen der Bürger an den Wirtschaftsjournalismus" hieß die gemeinsame Podiumsdiskussion von Frankfurter Presseclub und ING-DiBa AG am Dienstagabend. Foto: Steffen Fabian Schmidt für NEWSROOM
Und eben dieses schlechte Image der Finanzdienstleister und Politiker färbt auf den guten Ruf der Wirtschaftsjournalisten ab, die reine Nabelschau der Wirtschaft genügt den Menschen nicht mehr. Sie wollen, dass Wirtschaftsjournalismus seiner gesellschaftspolitischen Verantwortung nachkommt, die Verantwortlichen identifiziert und in ihre Schranken verweist: Die Medien sollen sich kritisch mit Missständen in der Wirtschaft befassen, sagen 90 Prozent der Befragten und den Managern moralische Grenzen aufzeigen (87 Prozent).
Doch in wieweit sollen und wollen sich die Medien in das Geschehen einmischen? Der Einladung zur Diskussion in Frankfurt folgten Robert von Heusinger ("Frankfurter Rundschau"/"Berliner Zeitung", stellvertretender Chefredakteur), Prof. Dr. Claudia Mast (Inhaberin des Lehrstuhls für Kommunikationswissenschaft und Journalistik an der Universität Hohenheim), Roland Tichy ("Wirtschaftswoche", Chefredakteur), Nicole Bastian ("Handelsblatt", Finanzzeitung, Leiterin) und Rainer Hank ("Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung", verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und "Geld & Mehr"). Moderiert wurde der Abend von Hendrik Buhrs ("Hessischer Rundfunk" Hörfunk, Wirtschaftsredakteur).
Für Roland Tichy, Chefredakteur der "Wirtschaftswoche", ist das ein klarer Fall: “Wir machen die Finanzpolitik nicht, wir berichten darüber”, erklärt er bei der Podiumsdiskussion. Und auch Nicole Bastian, die Leiterin der Finanzzeitung beim "Handelsblatt" sieht das ähnlich. Sie überlässt es prominenten Gastautoren, die Missstände gezielt anzusprechen und sieht die Aufgabe der Medien darin, eine Diskussionsplattform zu bieten, nicht aber zu politischen Akteuren zu werden.
Claudia Mast, Professorin für Kommunikationswissenschaft und Journalistik an der Universität Hohenheim (Stuttgart) und Autorin der Studie „Neuorientierung im Wirtschaftsjournalismus – Redaktionelle Strategien und Publikumserwartung“ nimmt die Medien aber dennoch in die Pflicht. “Die Leser erwarten nicht, dass Journalisten die Politik machen, aber sie sollen die Wirklichkeit durchschauen und auf das Pro und Contra hinweisen.” Besonders, so sagt die Medienforscherin, sollten Journalisten spezifischer über die Konsequenzen der Euro-Krise berichten und “Horror-Begriffe” wie den Ausdruck “unabsehbare Folgen” vermeiden.
Die Leser wollten besser über die Auswirkungen der Krise auf Deutschland (21 Prozent), sich selbst (17 Prozent) aber auch auf andere, wie Griechenland (15 Prozent) informiert werden. Wenn es darum geht, den Fokus von den betriebswirtschaftlichen Aspekten zu lösen, sieht sich Rainer Hank, verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und “Geld & Mehr” der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" klar im Vorteil. “Als Sonntagszeitung haben wir den Vorteil, dass wir keine Pflicht auf Berichterstattung haben. Es gibt keine Pressekonferenzen oder Wirtschaftstermine, über die wir berichten müssen, was uns die Freiheit gibt auch mehr dieser Themen zu behandeln.”
Einen Perspektivenwechsel hält Mast zudem für sehr wichtig. “Die Leser erfahren zurzeit viel darüber, was wirtschaftliche und politische Entscheidungen für sie als Verbraucher bedeutet. Gerade die Sichtweise der Steuerzahler aber auch die der Anleger und Sparer wird nicht ausreichend beleuchtet. Damit könnte der Wirtschaftsjournalismus punkten.”
Am Ende des Tages ist das Fazit der anwesenden Medienvertreter aber ein einstimmiges “wir machen das heute schon so.” “Den intellektuellen Diskurs führen wir heute besser als in der Bankenkrise”, fasste Bastian zusammen.
Die Leser wollen, dass Wirtschaftsjournalismus seiner gesellschaftspolitischen Verantwortung nachkommt - Blick auf das Podium am Dienstagabend. Foto: Steffen Fabian Schmidt für NEWSROOM
'Am Rande der Veranstaltung erklärte "WiWo"-Chefredakteur Roland Tichy im Gespräch mit NEWSROOM, dass die Studie durchaus auf andere Medien in Deutschland zutreffe, jedoch nicht auf sein Wochenmagazin: “Die Studie beleuchtet den Status quo in der gesamten deutschen Medienlandschaft. Wir können aber nicht über “die” Medien sprechen, denn das würde mich ja mit einschließen, was die Diskussion über diese Studie und ihre Ergebnisse aber keineswegs hinfällig macht.”
Und auch Claudia Mast erläutert im Gespräch, dass die bei der Diskussion anwesenden “Leitmedien” nicht unbedingt die Berichterstattung in Deutschland widerspiegeln und sieht den Nachholbedarf eher bei den regionalen wie lokalen sowie den Fachmedien.
Wenn die Todesanzeigen und Werbeangebote nicht der entscheidende Kaufgrund sein sollen, müssten die Redaktionen sich näher zum Leser hinbewegen, denn der sei “oft ein stiller Leidender.”
Steffen Fabian Schmidt
NEWSROOM-Tipp: Hier geht es zur Präsentation von Prof. Claudia Mast beim Frankfurter Presseclub.