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Vermischtes vom 11.10.2012

Jeff Jarvis: "Warum Nachrichtenagenturen sich ändern müssen"

"In der Medienwelt der Zukunft gibt es keinen Platz für Nachrichtenagenturen, die so arbeiten, wie sie immer gearbeitet haben, die sich nicht weiterentwickeln möchten", erklärt Jeff Jarvis in einem Debattenbeitrag für NEWSROOM.

New York - Jeff Jarvis, Professor an der Graduate School of Journalism an der City University of New York und einer der bekanntesten Blogger der Welt, stößt damit die Debatte über die Zukunft von Nachrichtenagenturen an.

NEWSROOM hat in den vergangenen Tagen und Wochen intensiv über die schwierige Situation bei dapd geschrieben. Die Nachrichtenagentur, die neben Marktführer dpa als einzige Nachrichtenagentur in Deutschland komplett alle Sparten bedient, musste Insolvenz anmelden, der Unterdeckungsbedarf liegt nach NEWSROOM-Informationen bei monatlich mindestens einer Million Euro. Wie der neue dapd-Geschäftsführer Wolf-Rüdiger von der Fecht im NEWSROOM-Interview deutlich erklärte, betrifft die Krise von dapd aber alle Medien, die in Zeiten des Internets mit Qualitätsjournalismus Geld verdienen möchten.

Lesen Sie hier, wie Jeff Jarvis die Zukunft der Nachrichtenagenturen einschätzt.

Unser Gastautor Jeff Jarvis, Journalismusprofessor und Star-Blogger, Jahrgang 1954, sagt, dass Nachrichtenagenturen ihre Schwerpunkte ändern müssen, um zu überleben. Sein neues Buch „Mehr Transparenz wagen!“ erscheint am heutigen Freitag, 12. Oktober, auf Deutsch.

"In der Medienwelt der Zukunft gibt es keinen Platz für Nachrichtenagenturen, die so arbeiten, wie sie immer gearbeitet haben, die sich nicht weiterentwickeln möchten. Aber diesen Platz wird es auch nicht für Tageszeitungen, Zeitschriften oder Fernsehsender geben, die meinen, sie müssten den auf der Stelle treten.

Blicken wir doch mal kurz in die Vergangenheit. Als die ersten Nachrichtenagenturen entstanden, mussten sie ganz besondere Wünsche ihrer Kunden erfüllen. Sie mussten für die Redaktionen, für die Leserinnen und Leser Augen und Ohren in der Welt sein, Nachrichten auch in den entlegensten Gebieten sammeln, bearbeiten und verbreiten.

Aber heute muss ein Artikel nicht mehr hundertfach im Netz publiziert werden. Alles, was wir benötigen, können wir auch verlinken. "Mach das, was du am besten kannst, und verlinke zum Rest" – diesen Satz wiederhole ich regelmäßig, wenn ich vor Verlagen oder Fernsehsendern spreche.

Wer diese Regel befolgt, entdeckt schnell Inhalte von hochspezialisierten Nachrichtenquellen, von Journalisten, die sich mit einem Thema schlichtweg besser auskennen.

Die Frage, die wir uns heute stellen müssen, ist, ob es für Nachrichtenagenturen, die sich öffnen, in einer Medienwelt, die sich immer schneller dreht, neue Einsatzfelder gibt.

Und die Antwort ist ja, die gibt es.

Zum Beispiel:

Die gemeinsame Berichterstattung über Themenfelder, über die sonst niemand berichtet.

Oder:

Die Koordination von größeren, für die Gesellschaft relevanten Nachrichtenprojekten.

Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.

Bei mir in New Jersey konnte ich kürzlich mithelfen, ein Gemeinschafts-Nachrichten-Projekt zu gründen. Bei der Struktur haben wir uns von dem Genossenschafts-Modell der Associated Press inspirieren lassen, das schließlich auf Gemeinschaft beruht.

Diese gemeinnützige Organisation wird den Mitgliedern des neuen Journalismus-Ökosystems in meinem Bundesstaat viele Dienstleistungen anbieten - für die großen Tageszeitungen und für die kleinen, lokalen Blogger. Wir nutzen dort zum Beispiel den Dienst repost.us. Dort werden Artikel veröffentlicht, die auf anderen Websiten kostenlos eingebunden werden können. Einzige Bedingung - die mitgelieferte Werbung und der Urheber müssen ebenfalls publiziert und genannt werden.

Mit dem Einsatz dieses Dienstes schaffen wir es, mehr Leser für die Artikel der einzelnen Autoren zu erreichen. Die Berichte werden öfter gelesen, die Werbeeinnahmen steigen.

Diese Genossenschaft fördert und regt außerdem gemeinsame Rechercheprojekte an. Und sie bietet Schulungen, also Unterricht in New Media, Journalismus und Wirtschaft sowie weitere Dienstleistungen an, vielleicht wird es einmal soweit sein, dass sogar Rechtsschutz- und Krankenversicherung direkt abgeschlossen werden können – und die notwendige Technik, um im Internet zu veröffentlichen, gibt es dann vielleicht auch noch.

Gerade haben wir die Diskussion damit begonnen, dass wir abfragen, was die Mitglieder – egal ob groß oder klein - tatsächlich benötigen, um ihren Lesern und Nutzern die beste Leistung, die aufregendsten Beiträge anbieten zu können.

Genau dort, bei den Kunden, müssen sich auch die Nachrichtenagenturen umhören, fragen, was benötigt wird, und nicht einfach daran festhalten, in der Form weiter zu berichten, wie sie es immer getan haben. Es geht schon lange nicht mehr darum, eine alte Institution am Leben zu erhalten, um die alten Probleme von der alten Medienwirtschaft zu lösen."

Jeff Jarvis

NEWSROOM-Debatte: Hat Jeff Jarvis Recht? Müssen Nachrichtenagenturen alte Zöpfe abschneiden, um zu überleben? Wie sehen Sie die Zukunft von Nachrichtenagenturen in einer sich immer schneller drehenden Nachrichtenwelt? Gibt es noch Platz für Nachrichtenagenturen oder werden wir noch das große Sterben der Nachrichtenagenturen erleben? Welche Nischen können Nachrichtenagenturen besetzen, wie müssen sie sich wandeln? Wird es noch Nachrichtenagenturen geben, die wirklich alle Sparten bedienen? Die NEWSROOM-Redaktion freut sich über Ihre Einschätzung an redaktion@newsroom.de. Eine Auswahl werden wir auf NEWSROOM veröffentlichen.

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