TXT I PDA I Print I Full

newsroom.de - nachrichten für journalisten

Vermischtes vom 25.01.2013

Journalist-werden-Debatte: "Der Röper hat Recht"

"Weshalb also sollte heute ein junger Mensch noch das Abitur machen, studieren, endlose unbezahlte Praktika machen und unterbezahlt volontieren, um dann nur einen befristeten Arbeitsvertrag zu bekommen und - früher oder später - wegen Leistungen gemäß SGB anzustehen?", fragt der Stuttgarter Journalist Bernd D. Behnk und schaltet sich in die aktuelle Journalismus-Debatte ein.

Dortmund - Bei einem Vortrag über die Zeitungslandschaft im Wandel hatte der Zeitungsforscher Horst Röper auf NEWSROOM-Frage geantwortet, dass er jungen Leuten guten Gewissens heute nicht mehr empfehlen könne, Journalist zu werden. In den sozialen Netzwerken wie Twitter und Facebook wird über die Röper-Aussage heftig debattiert. Unterstützung bekommt Horst Röper von NEWSROOM-Leser Bernd D. Behnk.

Bei uns Pressephotographen fing es mit Einführung der Digitalkameras vor etwa 15 Jahren an: Fortan wurden immer mehr Lokalredakteure damit ausgestattet und zum  selber Knipsen auf die Piste geschickt.
 
Man drückt seitdem solange auf den Auslöser, bis etwas dabei ist - Verbrauchsmaterialkosten fallen ja nicht mehr an.

Hat Journalismus wirklich keine Zukunft mehr? Senden Sie Ihre Einschätzung an die NEWSROOM-Redaktion per E-Mail: redaktion@newsroom.de. Eine Auswahl werden wir veröffentlichen.

Und genau das sieht man den meisten Photos heute auch an. Der von Henri Cartier-Bresson postulierte "entscheidende Augenblick" versteckt sich nur noch manchmal im Geratter der Blitzer oder - schlimmer noch - er taucht, trotz der inzwischen 2,5 Millionen, von "Bild" ernannten Hobbyreporter - gar nicht mehr als Photodokument auf.

Der fest angestellte Photojournalist wurde damit zur aussterbenden Spezies - und balanciert nun als Freelancer dauernd am wirtschaftlichen Abgrund.

Seit der Einführung des Privatfernsehens ergeht es den Fernsehleuten nicht viel anders: der Reporter bekommt eine Digicam, mit Headlight und fertig ist die Aufnahme-Crew und so war es für mich eine seltene Freude, anlässlich der TV-Berichterstattung über Stuttgart 21 mal wieder ein komplettes Team mit Reporter, Kameramann, Tonmann und einer Assistentin im Getümmel zu entdecken, welche sich mit dem schweren Sachtlerstativ durch die Masse der Demonstranten kämpfte.

Selbstredend war dies ein öffentlich-rechtliches Team - die Privaten schicken, wenn es brennt, auch schon mal die PraktikantIn als One-Woman-Show los.

Und last, but not least, die schreibende Zunft: The same procedure as . . .

Der investigative Journalismus stirbt aus. Zu teuer, zu aufwändig, zu langsam. Wofür gibt es schließlich das Internet? Die "News" von heute werden oft ergoogelt, geschickt und plagiatsunverdächtig umgetextet oder gleich mit eigener Dichtung aufgehübscht.

Zur Person: Bernd D. Behnk, Jahrgang 1951, seit 1995 Photojournalist bei OMNIPRESS Stuttgart und Mitglied in der DJU Verdi und seit 2010 auch freier Filmemacher. Seit der Reportage "Stuttgart 21 - Horror im Schlossgarten" und den Folgediskussionen für Pressefreiheit und gegen unangemessene staatliche Gewaltanwendung besonders sensibilisiert.

Welcher notleidende Printmedienverleger gibt seinen Journalisten denn noch den Freiraum für solide, umfassende und damit aufwändige Recherchen die spannende Geschichten und echte Neuigkeiten zu Tage fördern?

Kein Wunder also, dass der geneigte Leser immer öfter sein Abo für die Tageszeitung kündigt und die Neuigkeiten kostengünstig lieber selbst im Internet sucht.

Weshalb also sollte heute ein junger Mensch noch das Abitur machen, studieren, endlose unbezahlte Praktika machen und unterbezahlt volontieren, um dann nur einen befristeten Arbeitsvertrag zu bekommen und - früher oder später - wegen Leistungen gemäß SGB anzustehen?

Eigentlich sollte der Gesetzgeber diesen Trend durch geeignete Maßnahmen stoppen, aber hier empfindet man ja eine uniformierte, interessengesteuerte öffentliche Meinungsmache durch aus als politisch hilfreich. Meinungsvielfalt und differenzierender Journalismus heute: oft Fehlanzeige! Die Politik zeigt nur noch dann Betroffenheit bis Entsetzen, wenn der Wähler mal nicht so will, wie vorher geschrieben - siehe Niedersachsen und Israel.

Aber die Hoffnung auf bessere Zeiten stirbt ja bekanntlich zuletzt - oder wie schrieb Che in seinem Abschiedsbrief an Fidel Castro: "Hasta la victoria siempre!"

Wir wissen, wie das ausging.

Bernd D. Behnk

Teilen     DruckenWeiterleitenKommentarSuche Suchen nach: Journalismus Zukunft

News-To-Friends

Beweisen Sie, dass Sie kein Spambot sind und lösen Sie die Aufgabe ...

9 + 8 =