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Vermischtes vom 28.09.2012

Von wegen „Generation Jammerlappen“: „Publizistik muss sich spezialisieren“

„Generation Jammerlappen“? Von dieser Einschätzung unseres Gastautoren Tim Wessling hält NEWSROOM-Leser Sven Stemmer überhaupt nichts: „Wenn bei Publizistik etwas Sinnvolles herauskommen soll, muss man sich spezialisieren.“

Berlin – Für großes Interesse hat die NEWSROOM-Berichterstattung "Journalisten heute: Generation Jammerlappen" von unserem Gastautoren Tim Wessling gesorgt. Wessling, Journalistikstudent an der Deutschen Journalistenschule in München, macht in seinem Beitrag deutlich, wie genervt er von Journalisten ist, die sich mit den Veränderungen im Journalismus nicht beschäftigen.

NEWSROOM dokumentiert einige Leserreaktionen zu unserer Berichterstattung.

Für NEWSROOM-Leserin Barbara Heidler steht fest:

"Ich bin zwar eine alte Häsin im Fachzeitschriftenbereich, trotzdem hierzu meine Meinung: Tim Wessling hat Recht!

Nicht jammern, sondern tun! Mit 56 Jahren habe ich meinen Frust beim Schopfe gepackt und, da ob meines hohen Alters überflüssig bei den Printmedien geworden, Zusatzausbildungen zur Onlineredakteurin und Webdesignerin gemacht.

Damit kann ich heute auf freiberuflicher Basis zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: meine Kreativität gestalterisch und textlich umsetzen. Die neuen Medien fordern und bereichern mich jeden Tag aufs Neue, bieten ein großes Entwicklungspotenzial.

Zurück? Niemals! Befremdlich wirkt auf mich daher die beschriebene Negativhaltung angehender Redakteure - so jung und doch steinalt?!

Mein Appell an die Youngster: Ran an den Speck!"

NEWSROOM-Leserin Katrin Berchner lobt den Beitrag:

"Den Artikel von Tim Wessling fand ich sehr gut. Natürlich muss man als Journalist von heute über eine gute Ausbildung verfügen und sich am besten Crossmedial auskennen. Aber: man muss sich auch mal praktisch überlegen was das bedeutet. Denn: wann soll ich mir diese ganzen Fähigkeiten aneignen?

Ich habe einige unbezahlte Praktika hinter mir und bin nun Volontärin aber mal ehrlich: in welchem Job wird man so schlecht bezahlt, obwohl man über viele Kompetenzen verfügt? Und selbst wenn ich in allen Bereichen gut ausgebildet bin, bedeutet das leider noch längst nicht, dass ich damit gutes Geld verdienen kann. Das mag mit Anfang 20 noch alles lustig und spannend sein aber irgendwann denkt man sich auch, so ein bisschen Sicherheit und gutes Geld wäre doch ganz nett.

Das hat meiner Ansicht nach nichts mit Jammern zu tun. Klar kann ich ein Video drehen und habe mal ein paar Wochen gelernt Fotos zu schießen. Aber die Qualität ist sicherlich längst nicht so gut, als wenn ich eine ausgebildete Kamerafrau oder Fotografin wäre. Und: wenn wir alles so halb können, ist das für einen Verlag sicherlich ein gutes Argument uns nicht angemessen bezahlen zu müssen.

Somit machen die eierlegenden Wollmilchsäue auch die Marktpreise kaputt und sorgen meiner Ansicht  nach für eine Verstärkung darin, dass gut ausgebildete Fotografen, Kameraleute usw. entlassen werden. Die Konsequenz sieht man dann sicherlich auch am schlechten Angebot über welches jeder jammert . . .

Klar mache ich den Job gerne und ja, bin ich bereit mich fortzubilden. Aber als Idealistin und Journalistin, die ständig Missstande und Ungerechtigkeit aufdecken möchte, sollten wir mal in der eigenen Branche anfangen. Denn da wäre meiner Ansicht nach ein Aufstand mal angebracht."

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Für NEWSROOM-Leser Benjamin Piel steht fest:

"Tims Blick auf die Kollegen ist skeptischer als angebracht. Veränderungen schaffen immer Zurückhaltung. Das liegt in der Natur des Wandels und war in der Jungsteinzeit nicht anders als heute. Ja, es gibt Verunsicherung, Angst, Vorbehalte. Aber es ist wie immer: Kommt Zeit, kommt Rat. Die Anpassung ist immer langsamer als die Neuentwicklung. Was es aus meiner Sicht vor allem wieder braucht, ist Optimismus. Wer Lust hat, dem gehört die Welt. Auch die journalistische."

Unser Gastautor Tim Wessling: Sein Meinungsbeitrag "Journalisten heute: Generation Jammerlappen" auf NEWSROOM hat für viele Diskussionen gesorgt. Wir dokumentieren die interessantesten Einsendungen und freuen uns über weitere Meinungen!

 

NEWSROOM-Leser Udo Seiwert-Fauti findet deutliche Worte:

"Als Dozent für Journalismus an einer Wirtschaft und Medien Hochschule, als aktiver Europa- und Schottland Korrespondent Radio, Zeitung und Online, als BBC Mitarbeiter …..würde ich gerne dem Herrn mal antworten. Frage:  Recherche scheint wegen Frust nicht so ganz seine Sache zu sein, oder?

Um es klar zu sagen: ich bin mit 61 Jahren wie viele meiner KollegInnen Journalisten durchaus ein Digital Native, arbeite täglich mit Blogs, mit neuen Internetpages siehe unter Google (toll, ich kenne sogar das . . .) Schottland-Kolumne, lehre täglich verblüfften Nachwuchs-Youngstern wie das Internet und Social Media (ich bin bei Twitter, Facebook und Linkedin) funktionieren und wie man sie als Journalist einsetzt.

Frage, was bringt man den Youngstern in München eigentlich so bei?

Vielleicht Vorurteile zu pflegen und Recherche außer acht zu lassen, bevor man schreibt? Schon mal gehört, dass die Altersgruppe ab 60 laut aktuellen Medienuntersuchungen die internetaktivste der letzten Monate ist?

Sollte man im Fach Medianalyse schon mal gelesen und gehört haben . . . man könnte auch mal in die ARD/ZDF Medienuntersuchung schauen.

Mit dem Herrn Absolventen würde ich gerne mal deutlich diskutieren - denn ich bin NICHT der einzige "Alte" der weiß wie das läuft. Die BBC verlangt es nämlich strikt, den Umgang mit digitalen und Onlinemedien - aber dafür hätte man ja recherchieren müssen.

Meinen StudentInnen werde ich den Artikel gleich mal vorlegen."

NEWSROOM-Leser André Paul erklärt:

"Der junge Kollege hat insofern Recht, als sich die von ihm beschrieben nahe Zukunft medialer Arbeitspraxis nicht durch Ignoranz verhindern lässt. Gleichwohl bleibt zu fragen, ob eine komplette Aufhebung bisher abgegrenzter redaktioneller Tätigkeiten dem Endprodukt zuträglich ist. Journalistisches Schreiben ist ein kreativer Prozess und kein rein technischer Vorgang, was es etwa von einer Videoaufnahme oder dem Schneiden eines Tonbands unterscheidet.

Guter Journalismus, also solcher, der auch nach Generationen in Erinnerung bleibt, wies immer Parallelen zu literarischem Schaffen auf. Reine Nachrichtenübermittlung ist etwas anderes. Mann erinnert sich heute noch bewundernd an Hemingway, Tucholsky, Gräfin Dönhoff - doch beileibe nicht mehr an die Damen und Herren, welche beim "Wolffschen Telegrafenbureau" für die Entgegennahme der Brieftauben oder später für die Auswertung der Telegramme zuständig waren.

Analysieren, Interpretieren, Kommentieren - all das braucht Zeit, ausführliche Lektüre, auch geistige Muße. Im sich immer schneller drehenden Laufrad der multimedialen Aufbereitung wird es zunehmend schwerer werden, innezuhalten, die Gedanken zu ordnen, zu debattieren. Der Artikel selbst, einst Ausdruck der Individualität eines Publizisten, verkommt zur Routine innerhalb einer Abfolge von medialen Produkten.

Bei einer großen bekannten Burger-Kette machen auch alle alles: Fleischklopse braten, Salat zuschneiden, Verpacken, Kunden bedienen, Kassieren - aber soll das die alleinige Zukunft der Gastronomie sein?"

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NEWSROOM-Leser Sven Stemmer widerspricht unserem Gastautoren:

"Nein, er hat nicht recht. Schon längst sind die klassischen Medien für die digitale Zukunft aufgestellt, betreiben Blogs und Youtubekanäle, nutzen Facebook und Twitter. Warum sonst gäbe es den Zeit Recorder oder die FAZ -App?

Es ist die "Herr-Lehrer-ich-weiß-was" -Hybris die da spricht, nur interessiert das keine Sau. Gute Journalisten haben schon immer nach links und rechts geschaut, wussten worauf es bei Fotografieren ankommt, auch wenn sie selber Texter waren.

Aber gute Journalisten wussten auch schon immer, was sie nicht können. Wer sein Gesäß zur Photokina bewegt hat, wer die Diskussionen dort um Bildästhetik und Bildqualität mitbekommen hat und den Fachreferenten mal einen Moment zugehört hat, dem musste schon dämmern, dass man eben nicht mal so nebenbei alles machen kann.

Ein verwackeltes iPhone-Video mag noch für irgend einen abseitigen Blog interessant sein, aber welchen Anspruch offenbart das bitte?

Es spricht nichts dagegen vernünftig zu fotografieren und auch eine taugliche Maschine dabei zu haben, aber es ist doch ein bisschen viel, sich für einen Fotografen zu halten, bloß weil man den Auslöser findet. Jeder der in diesem Milieu arbeitet, und ich meine damit Publizistik in ihrer ganzen Breite, wird sich auch in Zukunft auf seine Darstellungsform spezialisieren müssen, wenn was Sinnvolles dabei herauskommen soll.

Alles andere ist Müll und wird früher oder später entsorgt."

NEWSROOM-Leser Björn Wisker erklärt:

"Es ist scheiße, wenn Jobs wegfallen". Das hat der junge Kollege schon mal gut erkannt. Allerdings stürzt seine ganze Argumentation mit eben jener Erkenntnis ein: Wo keine Leute, von Profis will ich gar nicht erst reden, da keine Onlineoffensive.

Fünf Jahre älter als er bin ich, Redakteur bei einer großen Regionalzeitung - und genervt von dem Hype, der in der Branche um alles Digitale entstanden ist. Online ist längst zum Selbstzweck geworden, die Form steht vor dem Inhalt.

Solange irgendetwas digital angeboten wird, ein noch so grauenhaft verwackeltes Video mit blechernem Ton, eine Bildergalerie mit toten Bildern, ein inhaltsleerer, aber online-exklusiver Text, ein Anriss via Facebook, Twitter und Co.: schon ist der Journalist 2.0 zufrieden. Von München bis Flensburg, von Zwickau bis Essen rennen Journalisten wie die Lemminge hinter allem her, das mit online zusammenhängt.

In meiner Redaktion produzieren wir mit sieben Redakteuren und einer Handvoll Freien täglich (!) acht ganze Seiten. Die sind morgens weiß und abends gefüllt. Bei einer vertraglichen Arbeitszeit von 40 Stunden, die viele freiwillig und gern täglich sprengen. Nicht um 15 Minuten, nicht um 30 - nein, um eine, eineinhalb oder zwei Stunden. Für ein moderates Bruttogehalt, trotz Familie, trotz Freunden, trotz Freizeit.

Niemand meiner Kollegen verweigert sich der Entwicklung, nur verweigern sich viele, das ohnehin enorme Pensum nochmal um ein, zwei Stunden nach oben zu schrauben, um hier einen Clip zu drehen, zu schneiden, zu vertonen, da 20 Fotos für die Galerie mitzubringen oder Cliffhanger fürs Netz zu schreiben.

Herrn Wessling mag es nicht klar sein, oder er arbeitet in einem noch personell passabel ausgestatteten Verlagshaus. Jedoch kostet jede Zusatzform Zeit - und wenn man es richtig machen möchte, nicht wenig davon.

Ein Journalist ist für mich der, der Geschichten schreiben, der recherchieren kann. Jemand, der Themen setzt, erklärt, jeden Tag spannende, lesenswerte, frische Miniromane ins Blatt bringt. Was immer weniger Kollegen können, die sich wie Fische im Netz bewegen und die virtuelle Welt als ihre Realität wahrnehmen.

Ich verstehe meinen Job jedenfalls in erster Linie als Autor, darin bin ich Profi, da liegen meine Stärken, mit dieser Stärke bringe ich mein Blatt, meinen Verlag voran.

Und ja Herr Wessling, ich fotografiere ebenfalls eigenständig. Auch Videos bringe ich hin und wieder mit. Und soll ich Ihnen etwas sagen? Weder der gehastete Text, noch die eilig geschossenen Bilder, noch das improvisierte Video entsprechen einer Qualität (von meinem Eigenanspruch mag ich gar nicht erst reden), die dem Leser/Zuschauer auch nur halbwegs vermitteln werden: Gutes Produkt, da bleibe ich dabei. Ergo: Bringe dem Verlag Geld, um den Job derer zu finanzieren, die jenes Produkt erstellen.

Im Gegenteil: Wollen, aber nicht können ist die Lehre aus dem Drang, den Allround-Journalisten zu etablieren.

Es mag eine unbequeme und sicher auch schwere Erkenntnis sein, doch das Alleinstellungsmerkmal eines Verlags, einer Zeitung, eines Mediums wird in einigen Jahren nicht mehr der Auftritt im Internet, sondern die Verweigerung bzw. dessen gezielte Nutzung sein.

Am Ende entscheidet nämlich der Inhalt, nicht die Form. Und da ich den Lesern ebenfalls viel zutraue sage ich: Sie haben irgendwann die Schnauze von digitaler Beliebigkeit und Überfrachtung mit bunten Bildern voll. Dann sind die Geschichtenerzähler, die offenbar "von unten pissen" zur Stelle und wissen, wie es gemacht wird."

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NEWSROOM-Leser Andreas Wullschleger schreibt:

"Mit Interesse habe ich Tim Wesslings Gastbeitrag "Journalisten heute: Generation Jammerlappen" gelesen. Ich bin Journalismus-Student in Zürich, Schweiz und erlebe in etwa dasselbe hier.

Es gibt jene Jungjournalisten, die sich einsetzen, Gas geben und ihre Fähigkeiten, die sie sozusagen in die Wiege gelegt bekamen – Social Media, digitale Medien – auch einsetzen und sich damit verkaufen. Und dann gibt es jene Jammerlappen, die "eigentlich nur schreiben" wollen und mit all diesem Online-Zeugs nichts zu tun haben wollen.

Ich bin der Meinung, dass wir uns als Jungjournalisten in einem extrem schwierigen Feld bewegen, wo Medienhäuser umstrukturieren, reorganisieren, wo neue Medien und Medien-Formen aus dem Boden schiessen. Da muss man dranbleiben!"

Bülend Ürük

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