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Print vom 06.09.2012

Chefredakteure dieser Welt - wie sie sind, wenn sie Dampf ablassen

Wie lassen Chefredakteure eigentlich Dampf ab? Markus Wiegand, Chefredaktor vom "Schweizer Journalist", hat in seinem Editorial verschiedene Chefredakteurstypen identifiziert. Auch auf NEWSROOM gibt Kollege Wiegand einen Einblick in seine Arbeit. Übrigens - die Zeitschrift "Schweizer Journalist" gibt es wie die anderen Titel aus dem Johann-Obererauer-Verlag jetzt auch im iKiosk!

Zürich - Ist Ihr Chefredakteur eher der "Humorlose"? Oder doch der "Subtile"? Sechs Chefredakteurstypen gibt es, sagt Markus Wiegand. Hier lesen Sie, was sie ausmacht.

1. Der Humorlose

Chefredaktoren sind auch nur Menschen. Oder Kunden, je nachdem.

Nach einer Mahnung, die von unserem Verlag für eine nicht bezahlte Aborechnung verschickt wurde, schrieb der Chef einer ziemlich populären Publikation ungehalten an den „Journalist“-Chefredaktor (wohlgemerkt nicht an den Verlag): „Ich kann dir garantieren – wenn ich wieder die Androhung von rechtlichen Schritten erhalte, mache ich so einen Stunk, wie es mir meine persönlichen Möglichkeiten erlauben. Und die habe ich durchaus, wie du weisst.“

Offen gestanden wusste man das bisher nicht. Einen Moment war die Verlockung gross, den Ärger anzuheizen, um diese „persönlichen Möglichkeiten“ im Detail kennenzulernen. Am Ende siegte aber der Servicegedanke und man stoppte alle weiteren Mahnschreiben. Die offene Rechnung bezahlte der erregte Schriftleiter auch so.

2. Die Diskriminierte

Es gibt ja nicht viele weibliche Führungskräfte in der Medienwelt. Aber auffällig ist, dass einige dieser wenigen Frauen doch deutlich wehleidiger mit Kritik umgehen als ihre männlichen Kollegen. Insgesamt drei Mal reagierte eine Redaktionsleiterin bisher mit dem Satz: „Das kritisieren Sie nur, weil ich eine Frau bin. Bei einem Mann würden Sie das nicht machen.“

Ganz ehrlich: Noch nie hat ein Chefredaktor, also ein Mann, eine inhaltliche Kritik mit seinem Geschlecht in Zusammenhang gebracht. Ist bei Frauen wohl ein Fall von Selbstdiskriminierung.

Markus Wiegand ist der Chefredaktor vom "Schweizer Journalist". In seinem  Editorial erklärt er, dass Chefredaktore am Ende auch nur Menschen sind. Und hier können Sie das Schwesterblatt von NEWSROOM bestellen.

 

3. Der Beleidigte

Vor einigen Jahren fragte man einen sehr prominenten Chefredaktor per Telefon ganz arglos für ein Interview an. Offen gestanden hatte man nicht mehr im Blick, dass man einige Monate zuvor über einen unschönen internen Vorgang berichtet hatte. Das Gespräch war schnell beendet, der Angefragte sagte: „Mit Ihnen rede ich nicht.“

Da er zudem bei einer Herausgeberin des „Journalist“ interveniert hatte, wie man anschliessend erfuhr, kühlte sich das Verhältnis zusätzlich ab. Mit den Jahren konnte die Aufnahme bilateraler Gespräche allerdings für eine Normalisierung der Beziehung sorgen.

4. Der Subtile

Nach einer zugegebenermassen beinharten Geschichte über einen bekannten Chefredaktor sagte ein Kollege des Angegriffenen Wochen später, als man über den Artikel diskutierte, ganz beiläufig: „Sag mal, willst du nicht irgendwann mal was anderes machen?“

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Und sein Blick sagte: Bei wem eigentlich, du Wurm, wenn du alle in die Pfanne haust? Man unterrichtete ihn darüber, dass es durchaus die Möglichkeit gibt, in ein anderes deutschsprachiges Land umzusiedeln.

5. Der Selbstbewusste

Gegen Jahresende fragt die Redaktion für die Wahl zum „Journalist des Jahres“ auch bei den Chefredaktoren regelmässig nach, welche Leistungen ihnen aufgefallen sind.

Der Chef eines Qualitätsblattes schrieb: „Das Jahr 2011 war aufreibend, zermürbend, ermüdend. Dafür legen wir (…) ein sensationelles Jahresergebnis hin. Für mich gibt es deshalb momentan nur einen Journalisten, der wirklich zählt, und der sitzt gerade jetzt auf meinem Stuhl an meinem Computer und beantwortet meine Mails. Und er mag jetzt nicht in die Belobigung der Zürcher Journiszene einstimmen, die ja in der Eigenbeweihräucherung selber stets Höchstleistungen erbringt.“

Man setzte ihn auf die Liste für die Wahl zum „Chefredaktor des Jahres“, aber es reichte am Ende nicht.

6. Der Offene

Wir wollen uns nicht beklagen, es gibt auch Beispiele zuvorkommender Transparenz und ausgesuchter Freundlichkeit. Für eine Geschichte über die Gehälter der Spitzenkräfte konfrontierte man einen ziemlich einflussreichen Chefredaktor mit der Schätzung seines Lohns per Mail.

Der schrieb trocken zurück: „Zu tief.“ Daraufhin korrigierten wir die Schätzung um 20 Prozent nach oben.

Der Gutverdiener schrieb zurück: „Sie würden dann immer noch nicht richtigliegen.“ Nach einer Denkpause schickte der Schriftleiter noch ein Mail hinterher.

Zur Sicherheit: „BETRACHTEN SIE UNSEREN E-MAIL-VERKEHR BITTE ALS VERTRAULICH.“

Markus Wiegand
Chefredaktor
"Schweizer Journalist"

NEWSROOM-Tipp: Das Editorial von Markus Wiegand erschien zuerst im "Schweizer Journalist". Das Schweizer Schwesterblatt von NEWSROOM ist jetzt auch auf dem iPad erhältlich: über die kostenlose App „iKiosk“,  die über iTunes von Apple runtergeladen werden kann. Das Angebot gilt vorläufig nur für iPad-Nutzer, aber weitere Plattformen sollen bald folgen.

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