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Recht vom 09.09.2012

Scripted Reality: "Bleibt Journalisten wirklich nur die Opferrolle?"

"Journalismus verkommt immer mehr zur Scripted Reality" - dieser Vorwurf der Dortmunder Oberstaatsanwältin Ina Holznagel hat unter Journalisten für einige Diskussionen gesorgt.

Dortmund - Holznagel hatte im Interview mit Tobias Großekemper, Redakteur bei den "Ruhr Nachrichten", deutliche Worte zum Zustand des Journalismus in Deutschland gefunden. NEWSROOM veröffentlicht einige Leserreaktionen zu unserer Berichterstattung.

NEWSROOM-Leser Kurt Breme meint:

"Die Funktionärin Haß macht es sich sehr einfach: die Verlage sind schuld. Aber wo bleibt das Selbstverständnis und die Verantwortung der häufig gern breitschultrig auftretenden Kollegen? Bleibt Ihnen wirklich nur die traurige Opferrolle?"

NEWSROOM-Leser Werner Schmidt schreibt:

"Natürlich hat Frau Holznagel recht. Ich habe mehr als 20 Jahre in Berlin als Polizeireporter gearbeitet und erfuhr am eigenen Leib, wie die Kollegen aus dem Bundesgebiet bei spektakulären Fällen anreisten und "verbrannte Erde" hinterließen.

Sie mussten ja nicht auch künftig mit den Vertretern von Polizei und Justiz zusammenarbeiten, denen sie durch ihr "heuschreckenartiges" (geballt angreifen und alles auffressen) Auftreten ein Bild der Pressevertreter lieferten, dass wir "Einheimischen" dann in mühevoller Kleinarbeit wieder grade rücken durften.

Das hat - um Gegenargumenten gleich vorzubeugen - nichts damit zu tun, dass wir "einheimischen" Journalisten den Behörden aus der Hand gefressen haben, sondern vielmehr damit, dass im Lauf der langen Zeit der Zusammenarbeit ein Vertrauensverhältnis entstanden war, das bei den Behördenvertretern auch Kollegen, die sich heuschreckenähnlich benommen hatten, ausschloss."

Für NEWSROOM-Leser Michael Frenzel steht fest:

"Ich kann die These von Ina Holznagel in vielen Teilen aus meinen Erfahrungen der letzten Jahre stützen. Mit wenig Interesse an einer Recherche sind mir dabei vor allem TV-Redakteure bisweilen aufgefallen. Sie hatten ihr Drehbuch für die Story schon fertig, bevor sie mit den Beteiligten sprachen. Fakten, welche dieser Story widersprechen, stören da nur. Scripted Reality ist an der Tagesordnung. Darauf konkret angesprochen, hat mir ein Redakteur eines öffentlich-rechtlichen Senders dies freimütig bestätigt. Die Rollen sind klar verteilt, und notfalls wird sinnentstellt zusammengeschnitten. Wörtlich sagte mir der Redakteur: "Da können Sie sagen, was Sie wollen."

Aber ich habe auch andere Fälle erlebt. Erfahrene Kamerareporter, die beharrlich recherchiert haben und am Ende gesagt haben: ok, das war wohl doch nicht die Story, an die ich dachte. Sie haben die Finger davon gelassen und trotz gleichen Aufwandes eben nur das niedrigere Ausfallhonorar beim Sender in Rechnung gestellt. Im konkreten Fall war dies übrigens ein Privatsender.

Entgegen der These von Cornelia Haß glaube ich aber nicht, dass dies allein mit steigendem Druck in den Redaktionen durch Online-Mehrarbeit zusammenhängt. Zum einen kann ich in den letzten zwölf Jahren bei gleichbleibenden Voraussetzungen keine Verschlechterung journalistischer Standards feststellen. Zum zweiten ist kein negativer Zusammenhang mit Redaktionen zu belegen, welche zusätzlich einen Onlineteil pflegen. Ich halte es eher für ein Ergebnis der Boulevardisierung des Journalismus. Ein Ausdruck davon sind immer kürzere TV-Beiträge. Hier werden im wesentlichen nur noch Botschaften und Meinungen rausgedonnert. In 30 Sekunden lassen sich Zusammenhänge nur simpel darstellen. Kürzere Artikel erfordern eine raschere Zuspitzung und Reduzierung der Komplexität."

Bülend Ürük

Was sagen Sie? Fallen Journalisten an Tatorten wirklich wie "Heuschrecken" ein und wollen eine Geschichte haben? Wie skrupellos sind Journalisten wirklich? Suchen Journalisten tatsächlich nur noch O-Ton-Geber, die in die Geschichte passen? Woran liegt das? Und wie sieht Ihre Zusammenarbeit mit der Justiz in Ihrer Redaktion aus? Wir freuen uns über Zusendungen an redaktion@newsroom.de.

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