Leute vom 05.10.2012
Warum Journalisten mehr Verantwortung für ihre Arbeit übernehmen müssen
Wer als Journalist arbeitet, muss Verantwortung für sein Wirken übernehmen. Dies hat der Evangelische Landesbischof von Hannover, Ralf Meister, beim Evangelischen Medienkongress gefordert. Seinen emotionalen Appell dokumentiert NEWSROOM in einer leicht gekürzten Form.
Hannover - Beim zweiten Evangelischen Medienkongress am 26. und 27. September 2012 stand die kritische Auseinandersetzung über Werte in den Medien in Deutschland 2020 im Mittelpunkt. "Journalisten müssen eine Entscheidung vor der Veröffentlichung treffen", sagte Ralf Meister, Jahrgang 1962, der auch Vorsitzender des Rates der Konföderation evangelischer Kirchen in Niedersachsen ist. In Mainz sprach Ralf Meister zudem über Facebook, (zu) schnellen Journalismus, Persönlichkeitsrechte, Jenny Elvers-Elbertzhagen und den NDR.
NEWSROOM dokumentiert die Rede des Landesbischofs der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers in leicht gekürzter Form. Ein langes, lesenswertes Stück, für das sich Medieninteressierte Zeit nehmen sollten. Und wir wollen wissen, ob Sie die Einschätzung von Bischof Meister teilen!
„Deutschland 2020 – Nach welchen Werten wollen wir senden?“
Sieben Anmerkungen
Erste Anmerkung (Professionalität)
Bis 2020 sind es noch acht Jahre. Ist das viel oder wenig?
Viel, wenn wir zurückschauen auf die Medienwirklichkeit im Jahre 2004, also vor acht Jahren, ohne den Facebook-Hype und die Twitter-Flutwelle. Wenig allerdings, wenn man acht Jahre als Zeitraum auf die Mediengeschichte legt.
Gedanken zu 2020 stehen unter dem Motto, was wir Theologen und Kirchenleute sub conditione jacobea nennen: „So Gott will und wir leben!“
Deshalb zuerst ein paar kurze aktuelle Anmerkungen zu Wertvorstellungen - oder sollte man besser „Haltungen“ sagen, die mir in der Medienwirklichkeit auffallen.
In welcher Verantwortung gehen Redakteure, Produzenten und Journalisten, Moderatoren, Talkmaster und Sprecherinnen, Intendanten heute mit dem um, was sie produzieren und senden?
Die Schauspielerin hatte für eine 45 Minuten Sendung zugesagt, aber schon zu Beginn wird deutlich, dass sie nicht bei Sinnen ist: Zu viel Alkohol!
Wie gehen Journalistinnen und Journalisten mit einem Menschen um, den sie zwingen, die 45 Minuten auf dem roten Sofa durchzuhalten. Die Moderatorin gab sich alle Mühe. Aber die Entgleisung war öffentlich und wurde vorgeführt.
Welche Werte leiten den Regisseur, den Redakteur, die Moderatorin einer Sendung? Wann wird abgebrochen? Bei der Frage nach der Zukunft in acht Jahren reicht ein kritischer Blick auf die Gegenwart.
Der NDR hat inzwischen auf Bitten der Familie Elvers-Elbertzhagen Ausschnitte des Interviews von der Internet-Plattform entfernt. "Diesem Wunsch entsprechen wir nicht zuletzt mit Blick auf den inzwischen bekanntgewordenen Gesundheitszustand von Frau Elvers-Elbertzhagen", wurde erklärt.
Wie viel Professionalität wird es in den Medien in den nächsten Jahren noch geben, oder werden im Internet und durch so genannten Volksreporter der journalistischen Professionalität ein Ende gesetzt? Werden die Profis von morgen in dieser Anfechtung noch dem Druck aushalten, der ein Teil von Professionalität ausmacht: Nämlich bestimmte Dinge nicht zu senden? Den Marktplatz der Gesellschaft nicht unter eine Dauerüberwachung zu stellen?
Damit ist schon deutlich: ich rede nicht zuerst über allgemeine Regeln und Werte, sondern über das ethische Subjekt. Den einzelnen verantwortlichen Journalisten.
Zweite Anmerkung (Kirchliche Notizen)
Das Jahr 2020. Vielleicht werde ich noch im Amt sein. Meine Landeskirche wird sich weiter verändert haben, schon allein aus demographischen Gründen. In den Kirchen werden wir uns an knapper gewordene finanzielle Ausstattung angepasst haben, in den Medien wird dies vermutlich nicht anders sein.
Aber eines ist sicher: Das Evangelium wird immer noch verkündigt werden. Die Kirche wird kleiner und darin – so hoffe ich – an Unabhängigkeit gewinnen. Traditionelle Allianzen werden fraglicher, Frömmigkeitskulturen werden vermutlich noch individueller formuliert werden und zugleich wird die Sehnsucht nach einer übereinstimmenden Großgemeinschaft wohl weiter zunehmen. Vermutlich wird eine doppelte Bewegung sich weiter fortsetzen.
Einerseits wird es einen weiteren Anstieg medialer Präsenz religiöser Positionen und Haltungen in den Netzwerken geben. Die irrwitzigsten religiösen Frage- und Antwortspiele, die krudesten Positionsbeschreibungen, Ordinäres und Obszönes, Perverses und Provokatives werden sich mischen mit seriösen Angeboten, seelsorgerlichen Möglichkeiten, virtuell-liturgischen Feiern, diakonischen Hilfsnetzwerken und kirchlichen, gesellschaftspolitischen Stellungnahmen. Ob die Präsenz in den öffentlich-rechtlichen oder kommerziellen Angeboten steigen wird? Vermutlich eher nicht.
Andererseits aber wird es eine Bewegung geben, die sich völlig unabhängig vom medialen Verwertungsgeschrei stärker entwickelt und in den fremdartig altmodischen Formen von Abgeschiedenheit, Geheimnis, Tabu, Heiligkeit ihr Revier markiert. Der Anspruch wird zunehmen, diese Wirklichkeit von öffentlicher Vermarktung frei zu halten. Solche Geheimnisräume sind eine bewusste Abkehr von Öffentlichkeit und verstehen diese Geste als ein Charakteristikum der eigenen religiösen Glaubwürdigkeit.
Der Schutz der Persönlichkeit braucht das Geheimnis. Das bleibt für die boulevardesken Medien ein Grundärgernis. Es ist schon erstaunlich, wie das Recht auf ein persönliches Geheimnis heute – durch die Medien – fast vollständig der individuellen Entscheidung entzogen werden kann.
Andere entscheiden, was privat und was öffentlich sei. Das Arkanum jedoch gehörte von Beginn an zur Religion. Es war nicht nur ein Schutz des Heiligen, also Gottes, sondern all jener, die sich in dieser Heiligkeit selbst als geheiligte verstanden.
Dritte Anmerkung (von der Freiheit)
Angesichts der globalen und nationalen Mediensituation ist es ein Glück, dass wir einen Kongress mit der Frage „Nach welchen Werten wollen wir senden?“ betiteln können!
Dieser Titel atmet Freiheit: Niemand diktiert dogmatisch die Werte, auch keine Religion! Der Konsens und der Wertekonsens einer offenen Gesellschaft muss sich im mühsamen Diskurs erzielen.
Diese Freiheit, über die Werte, über Medienethik und journalistische Berufsethik zu diskutieren, ist ein großer Wert an sich, den sich unser Kulturkreis über die Jahrhunderte erkämpft hat. Ein Blick auf die Nachbarn in Weißrussland markiert, welche Freiheitsrechte wir hier reklamieren. Dieser Wert darf nicht in Frage gestellt werden. „Die im Grundgesetz der Bundesrepublik verbürgte Pressefreiheit schließt die Unabhängigkeit und Freiheit der Information, der Meinungsäußerung und der Kritik ein.“ lautet der erste Satz der Präambel des Pressekodex des Deutschen Presserats.
Und ich möchte gleich anschließen: Schon allein die Frage, nach welchen Werten wir senden wollen, impliziert, dass nicht die Quote und die Werbeaufträge allein die Inhalte und Formen bestimmen dürfen. Darüber sind wir hier uns wahrscheinlich einig, aber selbstverständlich ist es nicht.
In dem publizistischen Gesamtkonzept der EKD heißt es schon 1997: „Der Vorrang ökonomischer Kriterien hat bereits jetzt in einzelnen Medienmärkten die Vielfalt eingeschränkt und die Kommunikationsleistungen beeinträchtigt“. Und ich gehe noch weiter zurück in das Jahr 1981 zu dem UNESCO-Bericht „Viele Stimmen – eine Welt“, in dem es heißt: „Die Freiheit eines Bürgers oder gesellschaftlicher Gruppen, passiv und aktiv Zugang zur Kommunikation zu haben, lässt sich nicht mit der Freiheit eines Unternehmers vergleichen, aus den Medien Gewinne zu erzielen. Die eine Freiheit schützt ein fundamentales Menschenrecht, die andere gestattet die Kommerzialisierung eines sozialen Bedürfnisses.“
Wenn wir von Wertfragen und Werthaltungen sprechen, reden wir über die Freiheit eines Menschenrechtes. Dabei wissen wir auch, weil wir verantwortlich denkende Freiheitswesen sind, wer auf Quote und Werbeaufträge komplett verzichtet, wird zwar ein inhaltlich hochwertiges Programm machen, aber von niemand gesehen, gehört, gelesen werden. Wer nicht auf die Quote und die Werbeaufträge achtet, wird schneller wirtschaftlich am Ende sein, als ihm wohl ist.
Auch in der evangelischen Kirche sollten wir mit der strikten Ablehnung der Quote vorsichtig sein: Wir schielen bei unseren Kirchenzeitungen in den synodalen Debatten häufig genug auf die Abonnentenzahlen: Das ist nichts anderes als die Quote.
Es braucht ein Gleichgewicht, wenn wir einen freien und der Freiheit verpflichteten Journalismus wollen, wenn wir freiheitliche Medien weiterhin nutzen wollen: Ohne den durch die Kirchen finanzierten epd wäre vor zehn Jahren der Schleichwerbungsskandal in einer Vorabendserie nicht aufgedeckt worden.
Diese Herausforderung passt auch heute noch, denken Sie nur an den Börsengang von Facebook – ein kostenlos zugängliches soziales Netzwerk gerät in die Zwänge von Aktienkursen. So ist schnell argumentiert: Aber auch die, die ein solches soziales Netzwerk anbieten, müssen die Möglichkeit haben, Geld zu verdienen und ihre Mitarbeitenden zu bezahlen. Ob dafür ein Börsengang nutzt, mögen andere entscheiden.
Vierte Anmerkung
Doch den Titel „Nach welchen Werten wollen wir senden?“ sehe ich auch kritisch. Er impliziert, wir wüssten nicht, nach welchen Werten die Medien sich richten sollten, also eine kulturpessimistische Sicht in dem Sinne, dass die Werte defizitär wären und wir mehr oder weniger orientierungslos seien. Werte sind normativ und es gibt explizite Normen für das Mediengeschäft, wie schon der erste Artikel des Pressekodex beweist: „Die Achtung vor der Wahrheit, die Wahrung der Menschenwürde und die wahrhaftige Unterrichtung der Öffentlichkeit sind oberste Gebote der Presse. Jede in der Presse tätige Person wahrt auf dieser Grundlage das Ansehen und die Glaubwürdigkeit der Medien.“ Was für ein großer Satz! In ihm steckt die Quintessenz der aufgeklärten, demokratischen und freiheitlichen Gesellschaft.
Das Problem ist ja nun weniger, eine solche Norm grundsätzlich anzuerkennen oder alle Journalisten und Journalistinnen darauf zu verpflichten. Das Problem liegt darin, diesen Wert im Alltag zur Geltung zu bringen. Das aktuelle Beispiel, der Umgang mit dem islamischen Schmäh-Video, steht uns dabei vor Augen. „Die wahrhaftige Unterrichtung der Öffentlichkeit“ kann bedeuten, dieses Video wenigstens in Ausschnitten in einer Nachrichtensendung laufen zu lassen. Diese Entscheidung kann aber in Konflikt mit der „Wahrung der Menschenwürde“ kommen. Was ist also zu tun?
Dieser erste Artikel des Pressekodex ist wertvoll, steht aber vor denselben Problemen wie jede andere ethische Norm auch: Das sich danach richtende ethische Handeln ist in der Regel ein Kompromiss, also nicht eindeutig.
Das ethische Subjekt muss eine Entscheidung treffen, und unter Umständen wird es in seinem Handeln schuldig. Manche sehnen sich vielleicht nach einem Set von Werten, die uns aus allen Entscheidungsnöten heraushelfen könnten.
Und noch schlimmer: manche behaupten, sie hätten so ein Set. Ethisches Handeln ist jedoch in unserer Gesellschaft ein komplexer Entscheidungsakt des Subjekts, das sich an Werten orientiert.
Fünfte Anmerkung
Wenn wir den Entscheidungsakt in den Fokus rücken, sind wir beim Begriff der Verantwortung. Wenn ich darüber nachdenke, wie gutes mediales Arbeiten aussehen soll, habe ich nicht die für sich erst mal abstrakten Werte und Normen, sondern die Akteure, nämlich verantwortlich handelnde Journalisten und Journalistinnen vor Augen.
Bei jeder Nachrichtensendung, jeder Reportage, jedem Feature, jedem Blog, jedem Twitter-Feed bin ich doch darauf angewiesen, dass auf der anderen Seite Menschen sitzen, die das, was sie senden, vor ihrem Gewissen verantworten können.
Anders gesagt: Der erste Artikel des Pressekodex nutzt mir nur dann etwas, wenn der Redakteur oder die Redakteurin ihn als Norm anerkennt und gewissenhaft und verantwortlich danach handelt. Wie aber ist das, wenn der Ursprung einer Nachricht gar kein verantwortlich handelnder Journalist mehr ist, sondern irgendjemand, der angesichts der technischen Möglichkeiten und der Freiheit der Zugänge mir und uns allen seine persönlichen Banalitäten oder seine politische Haltung mit aufregenden Bildern mitteilen möchte?
Wie entwickelt sich also eine Position, die selbstkritisch, das je eigene Handeln begleitet. Vielleicht ist dieses das Einzige, was wir in der ethischen Reflektion als die „Professionalität des Journalisten“ erwarten können, der mehr will, als Quote oder der Erste zu sein mit einer wichtigen Nachricht. Martin Walser hat in seinem Essay „Über Rechtfertigung“ einen Vorschlag unterbreitet, der ein Maßstab guten Journalismus sein könnte – vermutlich schon längst ist.
Walser verlangt, um die „Kultur des Rechthabens wenigstens ein bisschen fortzubilden“, müsste man eine Kultur der Selbstwiderlegung entwickeln. „Öffentlich. Im Parlament. In der Zeitung“. Er verlangt, es „sollte üblich sein, dass jemand, der etwas behauptet, das, was er behauptet, auch widerlegt. Wenn er uns dann überzeugt von seinem Selbstwiderlegungsernst und es bleibt trotzdem noch etwas übrig von dem, was behauptet wird, dann hat er uns für seine Behauptung eingenommen.
Ich höre Journalisten stöhnen oder antworten, Redaktionskonferenzen seien doch genau diese Prüfungsinstanz. Das glaube ich nicht. Wer – ob gewollt oder nicht – in der Berichterstattung ein Bild der Wirklichkeit entwirft, nichts anderes tut das Fernsehen „am laufenden Band“, ein Bild von Wirklichkeit, das den Zuschauern als Bild der Wirklichkeit erscheint, der muss dieses Bild permanent selbstrechtfertigen.
Und das gelingt nur über den kritischen Selbstwiderspruch, der auch öffentlich sein muss. Positionen, die aus der Kraft der Selbstwiderlegung entspringen. Manchmal kann das nur Pro-Contra sein. Das wäre mir aber viel zu wenig, weil es um die individuelle Verantwortung geht, also meine eigene Fähigkeit tolerant und widerständig mit meinen eigenen Haltungen umzugehen.“
Aus dieser Selbstwiderlegung entsteht eine neue Form der Kritik, eine Kunst der Trennung. Eine Kunst, die nicht nur den Widerspruch zu den eigenen Haltungen provoziert, (Selbstkritik vgl. causa Christian Wulff) sondern auch die Sucht zeigt, direkt auf den Neuigkeitswert eines Ereignisses zu warten, um darin Wirklichkeit zu zeigen.
Es gibt diese furchtbaren Einstellungen, wenn irgendwo eine Schaltung während einer wichtigen Koalitions-Konferenz oder manchmal auch bei einer Geiselnahme steht und es gibt keine Ergebnisse, keine neue Entwicklung; dann fangen irgendwann die Journalisten an, sich gegenseitig zu filmen. Anhäufungen von Übertragungswagen kommen ins Bild, Türme von Kameras und wartende Journalisten die erzählen, dass sie nichts zu erzählen haben.
Es ist dieses ein grandiosen Zeugnis medialer Selbstverstümmlung, weil eine neue Wirklichkeit sich nicht einstellt. Warum nicht dann, wenigstens in diesen Augenblicken, eine kritische Selbstreflexion über die Kraft und Hilflosigkeit über den eigenen Auftrag, mediale Wirklichkeiten zu erzeugen? Ich wünsche mir nur ab und an medienphilosophische Fußnoten, zumindest dann, wenn man sieht, wie hilflos Medien sind.
Sechste Anmerkung
Ich schließe einen weiteren Vorschlag an diesen ‚Selbstwiderlegungsernst’ an. Wenn es ein geschärftes Bewusstsein gibt über die Vorläufigkeit des eigenen Urteils, über die Relativität einer Haltung, die als Wirklichkeitskonstruktion daher kommt, brauchen wir eine Tugend, die öffentlich mediale Buße möglich macht. Auweia, denken nun alle, jetzt verwechselt er endgültig die Medien mit der Kirche. Jein, Kirche agiert ja teilweise ähnlich wie Medien, indem sie ein Wirklichkeitsverständnis entwirft und eine Heerschar von Menschen beschäftigt, diese Wirklichkeitskonstruktion, die hinter der unmittelbaren, alltäglichen Erfahrungswelt liegt, zu vermitteln. Doch ich meine die Medienwelt der Fernseh- und Rundfunkanstalten.
Man kann immer wieder behaupten, mit ausreichender Medienpädagogik werde es uns schon gelingen, eine kritische Medienrezeption zu erreichen. Möglichst viele Menschen sollten wissen, wie Medien funktionieren, agieren, reagieren und könnten dann mit einem eigenen geschärften Urteil sich eine eigene Positionen bilden. Das stimmt nur zum Teil.
Warum findet so wenig Medienpädagogik eigentlich dort statt, wo sie am wirkungsvollsten wäre, nämlich im Fernsehen und Hörfunk selbst. Warum kommt es nicht viel häufiger zu Durchbrechungen der eigenen Berichts-Architekturen mit den Erläuterungen, warum diese Konstruktionen nicht so kohärent, plausibel, eindeutig sind, wie sie erscheinen. Zumindest die permanenten Hinweise auf die Angebote im Netz könnten dieses doch leiten. Was hat das mit Buße zu tun?
Es gibt genug Sendungen, die sich über witzige und schrille Ereignisse des Fernsehens satirisch oder comedyhaft austauschen. Ich kenne keine Sendung, die kritisch die mediale Wirklichkeitskonstruktion selbst hinterfragt. Was meine ich. Ein Beispiel: Unklar bleibt, zumindest den kritischen Rezipienten, wie echt die vor den Fernsehkameras der internationalen Netzwerke inszenierte Empörung von Muslim-Extremisten ist.
Als das Hoheitsschild der deutschen Botschaft im sudanesischen Khartum zertrampelt wurde, stand seltsamerweise ein Kameramann wie zufällig direkt davor, mit freiem Blick auf die Füße. Regisseurartig orchestriert. Die mediale Aufmerksamkeit verzerrt permanent den Blickwinkel. Das ist banal und tausendfach kommentiert. Muss aber nicht, gerade angesichts der vielfältigen, vollständig abhängigen, medialen Verbreitungsszenarien in den Netzwerken, eine andere noch selbstkritische Berichterstattung in den öffentlich-rechtlichen Medien erfolgen?
Und einmal im Monat zudem die Sendung: Das waren unsere Fehler! Hier haben wir geirrt! Oder: Diese Bilder haben wir nicht gezeigt, weil..... Darüber haben wir nicht berichtet, denn....!
Siebte Anmerkung
Unsere Gesellschaft ist (derzeit noch?) in der glücklichen Situation, dass es sehr viele verantwortungsbewusste und kluge Medienschaffende gibt. Das zeigt auch die Studie „Religion bei Meinungsmachern. Eine Untersuchung bei Elitejournalisten in Deutschland“ (Christel Gärtner, Karl Gabriel, Hans-Richard Reuter, VS-Verlag, Wiesbaden 2012), die im Blick auf die Berufsethik besagt: „Der Berufsethik sprechen die von uns befragten Elitejournalisten eine zentrale Bedeutung zu. Sie legen Wert auf die Feststellung, dass sich die Berufsethik nicht unmittelbar aus religiösen Quellen speist. (…) Im Zentrum der Berufsethik steht die Orientierung an der Achtung der Menschenwürde. Alle von uns befragten Journalisten sehen sich auf die Norm verpflichtet.“ (S. 265 f.). Zur Frage, wie diese ethische Einstellung wirksam wird, heißt es: „Im journalistischen Alltag (…) kommt die Ethik allerdings auf einer ganz anderen Ebene ins Spiel: Sie entfaltet ihre Wirksamkeit anhand von kritischen Fällen, die innerhalb der Redaktionen diskutiert und entschieden werden. (…) Allerdings bleibt den Journalisten, bedingt durch die stark angewachsene Fülle und Schnelligkeit der Informationsübermittlung, immer weniger Zeit, zu ethisch verantwortbaren Urteilen zu kommen. Deshalb muss die Fähigkeit ethisch autonom zu urteilen als quasi automatisch wirksamer Habitus verankert sein und seine praktische Wirksamkeit – auch unter Zeitdruck – entfalten können.“ (S. 266)
Die Soziologen, die diese Studie durchgeführt haben, müssen die Frage, wie es zu ethisch verantwortbaren Urteilen kommt und die ethische Urteilskraft zum Habitus wird, nicht beantworten.
Kirche und Theologie haben darauf sicherlich keine fertigen Antworten. Aber sie können Räume öffnen, in denen diese Fragen erörtert werden und sie wissen, wovon sie reden, wenn es um Ethik geht.
Wenn es also um die Frage geht, was denn Theologie und Kirche mit einer verantwortlich wahrgenommenen Medienarbeit zu tun haben, dann denke ich nicht an zusätzliche Werte und Normen, sondern an Menschen, die durch Glaubenserfahrungen in ihrem verantwortlichen Handeln geprägt und gestärkt werden. Für ethisch verantwortliches Handeln muss, um mal die etwas altertümliche Formulierung Luthers zu nehmen, das Gewissen geschärft werden.
Je schneller und hektischer und gnadenloser das Mediengeschäft wird, desto mehr sind wir verpflichtet, Räume zu schaffen, in denen Medienschaffende – abgekürzt gesagt – in kritischen Debatten ihr Gewissen schärfen können.
Ich wünsche uns und Ihnen, dass diese Tage in Mainz nicht nur der Bestätigung einer verantwortlich getanen Medienarbeit dienen, sondern dazu nützen, unsere Gewissen zu schärfen.
Ralf Meister
Landesbischof der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers
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