Print vom 14.10.2012
Nachrichtenmagazin "Spiegel" zu Regionalzeitungen: "Rückzug ins Lokale durchaus okay"
Markus Brauck und Martin U. Müller beschäftigen sich in der neuen Ausgabe vom "Spiegel" mit regionalen Abo-Zeitungen. Ganz eindeutig wollen sie sich zwar nicht entscheiden, schreiben aber: "Überall im Land ziehen sich Redaktionen publizistisch in die Region zurück wie in ein Bastion. Für manche Gegenden mag das durchaus okay sein."
Dortmund - Brauck und Müller spießen auf fast drei Seiten die Situation bei den Metropolenzeitungen "Berliner Zeitung" und "Hamburger Abendblatt" auf. Mit den Chefredakteuren Lars Haider und mit Brigitte Fehrle haben sie gesprochen. Und betonen deutlich die Unterschiede: "Fehrle und Haider. Berlin und Hamburg. Publizistisch liegen sie nicht nur ein paar hundert Kilometer auseinander, sondern Kontinente."
Die beiden profilierten "Spiegel"-Autoren heben in dem Beitrag vor allem die Möglichkeiten hervor, die das Lokale für Tageszeitungen biete. Im "Spiegel", der am Montag erscheint, lässt sich Lars Haider mit den Worten zitieren: "Mit überregionalem Journalismus lässt sich für uns kein Geld verdienen, das finden die Leser kostenlos und nebenbei im Internet, im Radio, im Fernsehen. Bei Geschichten aus Hamburg dagegen kommen sie am 'Abendblatt' nicht vorbei."
Brauck und Müller konsternieren, dass die beiden Metropolenzeitungen "hin- und hergerissen sind zwischen zwei Ansprüchen: Lokal- und Weltstadtblatt zugleich zu sein."
Wie unterschiedlich der gelernte Lokaljournalist Haider und die Bundespolitik-Journalistin Fehrle sind, beweisen auch ihre Bekenntnisse zu ihren Arbeitsorten. Während Haider im "Spiegel" stolz verkündet "Ich liebe diese Stadt. Da bin ich wie mein Leser." sagt Fehrle dagegen distanzierter "Natürlich liebe ich diese Stadt. Aber Berlin zu lieben ist ein wenig pervers. Man liebt das Zerklüftete, die Brüche, den Zustand dauernder Veränderung."
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Selbst die Auflagenzahlen sprechen keine klare Sprache. Nur, dass weniger Zeitung gekauft wird, und zwar deutlich weniger. Das "Hamburger Abendblatt" hat laut "Spiegel" innert zehn Jahren 27 Prozent seiner Auflage eingebüßt, die "Berliner Zeitung" 31 Prozent.
Ganz eindeutig festlegen wollen sich Brauck und Müller in ihrem "Spiegel"-Beitrag aber auch nicht, was die bessere Strategie gegen die Konkurrenz durch örtliche Online-Portale für Tageszeitungen wirklich ist. Als ernsthafte Mitbewerber werden aber die Portale "Ruhrbarone", "Heddesheimblog", "Meine Südstadt", "Jenapolis", "Kontext: Wochenzeitung" und "Prenzlauer Berg Nachrichten" genannt.
Ein Journalist, der vom "Spiegel" allerdings ein äußerst schlechtes Zeugnis ausgestellt bekommt, ist der ehemalige "Abendblatt"-Chefredakteur Claus Strunz. Zwar sei die Zeitung unter seiner Ägide sehr häufig von anderen Medien zitiert worden. Aber: "Die Strunz-Jahre waren ein Experiment mit der Seele der Zeitung."
Bülend Ürük
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