Journalistenpreise
dpa - Deutsche Presseagentur GmbH

Die etwas andere Preisverleihung − Molltöne für Deniz Yücel

Theodor-Wolff-Preise sind schon viele verliehen worden. Aber diesmal war es anders als sonst. Und das nicht nur, weil es einen Preis mehr gab als üblich. Auch die Tonlage war anders, zumindest phasenweise.

Berlin (dpa) − Es gab vier Auszeichnungen für herausragende Texte wie immer, aber auch einen Theodor-Wolff-Preis, der zum ersten Mal vergeben wurde. Der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) zeichnete damit am Mittwochabend in Berlin den in der Türkei inhaftierten Korrespondenten der Tageszeitung „Die Welt“, Deniz Yücel, aus. „Wir wollen damit ein Zeichen setzen für Pressefreiheit in der Türkei und in vielen anderen Ländern, in denen sie nicht gewährleistet ist“, sagte Hermann Neusser, Vorsitzender des Kuratoriums, zum Auftakt der Preisverleihung, die in diesem Jahr in mancher Hinsicht etwas anders war als in der Vergangenheit. 


Moderator Jörg Thadeusz, der sonst souverän-launig durch solche Programme führt wie durch Kindergeburtstage, kündigte diesmal „Molltöne“ an. Und damit war nicht Emel Mathlouthi gemeint, die tunesische Sängerin und „Stimme der Jasmin-Revolution“, die dazu beitrug, den Theodor-Wolff-Preis 2017 zu etwas Besonderem zu machen.

 

Deniz Yücel selbst hatte ebenfalls seinen Anteil daran. Der Journalist, den Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan öffentlich beschuldigt hat, ein Terrorist und deutscher Spion zu sein, hatte in der Haft seinen Anwälten eine Dankesrede an die Jury und das Kuratorium diktiert, die am Mittwoch verlesen wurde: „Mit einem Wort: Wow! Oder förmlicher, aber nicht weniger euphorisch: Es ist mir eine große Ehre; haben Sie herzlichen Dank für diese Auszeichnung. Für meine Texte habe ich den Theodor-Wolff-Preis nie erhalten, jetzt bekomme ich ihn, indem ich hier bloß dumm rumsitze. Hätte ich das mal früher gewusst...“, schreibt Yücel mit dem Hauch von Ironie, die ihn auszeichnet. „Falls es zu Ihren Absichten gehörte, mich mit dieser wertvollen Auszeichnung ein wenig aufzumuntern, dann sei Ihnen versichert: Es ist Ihnen vortrefflich gelungen. Auch dafür danke ich Ihnen.“

 

Es war mehr als ungewohnt, einen Preisträger im Gefängnis zu wissen − und noch ungewöhnlicher, dass die Dankesrede eines Abwesenden mehrfach von Applaus unterbrochen wird. Die Laudatio auf Yücel hielt Bascha Mika, Chefredakteurin der „Frankfurter Rundschau“ und ebenfalls Kuratoriumsmitglied. Sie las zu Beginn 10 Namen von rund 150 Journalisten vor, die in der Türkei inhaftiert sind − auch den von Deniz Yücel. Der Journalist habe nichts getan, als seine Arbeit zu machen. „Er hat für Demoktratie und Pressefreiheit gestritten“, sagte Mika. „Das reichte, um ihn ins Gefängnis zu bringen.“

 

Und auch das dürfte eher selten vorkommen: Die Frau des Korrespondenten, Dilek Mayatürk Yücel, kam ebenfalls auf die Bühne und hielt eine Rede, in der der eine oder andere Mollton zu hören war − während es im Publikum umso stiller wurde. „Ich möchte mich im Namen von Deniz und in meinem eigenen Namen bei allen Anwesenden, bei allen, die uns seit 128 Tagen nicht allein gelassen und unterstützt haben, herzlich bedanken“, sagte sie. „Ich habe Deniz zuletzt vor zwei Tagen gesehen. Er war stark und unbeugsam, wie immer.“

 

Und dann schilderte sie, wie sie es empfindet, dass er in Einzelhaft sitzt, während ihr die Welt draußen wie von Menschen übervölkert erscheint. „In meinem Inneren tickt eine lärmende Uhr. Jeden Tag schlägt sie Deniz‘ Abwesenheit.“

 

Fast traten die Journalisten, um die es neben Deniz Yücel schließlich auch ging, diesmal in den Hintergrund. Dabei waren es diesmal besonders viele gute Texte, die die Jury zu begutachten hatte, wie Kuratoriums-Vorsitzender Hermann Neusser beteuerte.

 

Die Auszeichnung in der Kategorie „Lokales“ erhielt Anja Reich von der „Berliner Zeitung“ für einen Text über eine Mitarbeiterin im Bezirksamt von Berlin-Neukölln, die darüber entscheiden muss, wer die deutsche Staatsbürgerschaft erhält und wer nicht. In der Sparte „Meinung“ ging der Preis an Hans Monath («Der Tagesspiegel»), für seinen Text „Der Hochmut der Vernünftigen“ nach dem Wahlsieg Donald Trumps. In der Kategorie „Reportage“ erhielt Marc Neller («Welt am Sonntag») die Auszeichnung für seine Geschichte über Cyberkriminalität und den Trojaner Gameover Zeus.

Die Jury hatte sich diesmal für „Populismus“ als „Thema des Jahres“ entschieden. Für seinen Beitrag dazu ausgezeichnet wurde Nicolas Richter («Süddeutsche Zeitung»), der vor der US-Präsidentenwahl durch das ländliche Amerika gereist war und seine Eindrücke von Trump-Unterstützern geschildert hatte.

 

Die Auszeichnungen, die an den langjährigen Chefredakteur des „Berliner Tageblatts“, Theodor Wolff (1868-1943), erinnern, der 1933 vor den Nazis ins französische Exil fliehen musste, an die Gestapo ausgeliefert wurde und 1943 in Berlin starb, sind in diesen vier Kategorien mit jeweils 6000 Euro verbunden. Das ausnahmsweise war an diesem besonderen Abend so wie zuletzt auch schon.

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