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Autorisierungsopfer. Oder selbst schuld?

Autorisierungsopfer. Oder selbst schuld? Benedict Neff. Foto: Florian Bärtschiger

Zwei provokante junge Journalisten, ein berühmter alter Mann und viel Arbeit für die Tonne: So lässt sich ein "Sommerinterview" von Benedict Neff (32) und Erik Ebneter (31) mit Martin Walser (88) zusammenfassen, das die "Basler Zeitung" nicht drucken durfte. Nun sprach Neff über seine fehlgeschlagene Gesprächsstrategie – und ließ tief blicken. Von Bülend Ürük.

Berlin - Eigentlich sollte das Walser-Interview für die beiden Redakteure ein Höhepunkt in ihrer Berufslaufbahn werden. Doch nach der ersten Frage wies der Schriftsteller ihnen die Tür. Dennoch redeten die drei noch zwei Stunden lang. Walser plauschte auch ungefragt, während die Journalisten darauf achteten "nicht in den nächsten Hammer zu laufen".


Ein Hammer traf sie dann doch noch, als Rowohlt den Interviewabdruck untersagte. Die Brüskierten verarbeiteten ihren "Zustand der Konsternation" zeitnah in ihren "Erfahrungen beim Verfassen eines Interviews". Auf diesem Text basiert nun ein ausführliches Interview mit Benedict Neff von Mario Müller-Dofel, der das Onlineportal "Gesprächsführung" des Bildungswerks der Zeitungen (ABZV) verantwortet.

Strategiekiller schlechthin

Der Schweizer antwortet bemerkenswert offen. So sei die Frage zu alten Antisemitismus-Vorwürfen an Walser – "Warum lässt sie das Thema nicht los? Plagt es den alten Mann am Lebensende?" – die "Jackpot-Frage schlechthin" gewesen. Allerdings war sie die oft Ton angebende erste Frage und damit wohl auch der Strategiekiller schlechthin. "Wir haben unsere Einstiegsfrage viel zu früh gestellt", gibt Neff zu. "Da hätten wir sensibler sein müssen."

Um "den Interviewabbruch zu vermeiden" und "nicht in den nächsten Hammer zu laufen", seien sie "in Harmlosigkeiten" geflüchtet. Der "alte Mann" hatte die Journalisten völlig aus dem Konzept gebracht. "Es wurde ein Interview über dieses Interview selbst, indem wir darüber sprachen, was sich nicht besprechen lässt", sagt Neff. "Letztlich drehte sich alles um die Unmöglichkeit zufriedenstellender Kommunikation."

Unangenehme Wirklichkeit

Neff zufolge hat Walser das verschriftlichte Gespräch "intensiv redigiert" und "dabei die Hälfte gestrichen". Den Abdruck des "übriggebliebenen Fragments" untersagte Rowohlt. Auf Müller-Dofels Frage an Neff, ob er das Gespräch vielleicht so schlecht verschriftlicht hat, dass Walser und Rowohlt die "Notbremse" ziehen mussten, meint Neff: "Das kann ich mir kaum vorstellen. Vielmehr glaube ich, Walser gefiel es nicht, dass wir die Aufs und Abs im Gespräch sichtbar gemacht und zum Beispiel auch seine Loblieder auf (Anm.: den verstorbenen österreichischen Rechtspopulisten) Jörg Haider verschriftlicht haben." Gerade bei porträtierenden Texten machte er oft die Erfahrung, dass Menschen, die sich besonders erkannt fühlen, den Text am meisten verwerfen. Das Autorisierungsgebaren von Walser und Rowohlt sei "inakzeptabel".

Ob Neff und Ebneter lediglich Opfer der in Deutschland umstrittenen Autorisierungspraxis oder selber schuld an ihrem Arbeitsergebnis waren, möge der Leser nach der Lektüre des ABZV-Interviews selbst beurteilen. Spannend ist der Insiderblick allemal.

 

Bülend Ürük

 

Newsroom.de-Service: 

Interview mit Neff auf dem ABZV-Gesprächsportal

Lesetipp: "Erfahrungen beim Verfassen eines Interviews" 


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