Leute
Newsroom

Reaktionen auf den Tod von Anja Niedringhaus: „Sie hat für die Freiheit gearbeitet“

Das Attentat auf die bekannte Fotografin Anja Niedringhaus erschüttert deutsche Medienmacher.

Berlin - Wir haben einige Reaktionen und Kommentare zusammengestellt.

Berliner Zeitung: Ihr tragisches Schicksal wird nun von einem bitteren Paradoxon begleitet. Diesmal ist sie selbst die Nachricht und nicht ihre wertvollen Aufnahmen, die vom Leiden und Sterben in einem von der Weltpolitik fast schon wieder vergessenen Land berichten. Noch einmal ist es ihr gelungen, die größtmögliche Aufmerksamkeit auf die noch immer erschütternde politische Situation in dem geschundenen Afghanistan zu lenken. Die journalistische Aufmerksamkeit war längst weitergezogen.

Westfalen-Blatt, Bielefeld: Anja Niedringhaus war Trägerin der Pulitzerpreises in der Kategorie "Breaking news photography". Es gibt keine höhere Auszeichnung für Pressefotografen.

Bei Afghanistans Steinzeitislamisten gilt das gar nichts. Ein Terrorist in Uniform hat die Deutsche am Freitag erschossen, eine Kollegin wurde schwer verletzt.

Frauen vor der Kamera sind den Feinden der Gleichberechtigung ein Dorn im Auge, Frauen die hinter einer Kamera auch mal Regie führen, bringen sie in Rage, und Frauen, die in Todesgefahr ihren Mann stehen, sind ihnen schier unerträglich.

All das wusste Niedringhaus - und sie konnte damit umgehen. Wie Hunderte andere Berichterstatter in Krisengebieten hatte sie eine Spezialschulung zum Verhalten in Extremlagen, gegenüber Kindersoldaten und bei Entführung. Seit ihren ersten Einsätzen auf der Snipers Alley von Sarajevo sammelte sie Berufserfahrung wie nur wenige andere. Bis Freitag hatte das Gespür für Gefahr Anja Niedringhaus nie verlassen.

Anja Niedringhaus hat nicht wegen des Adrenalins aus vielen Krisengebieten berichtet. "Da könnte ich den ganzen Tag Bunjee-Jumping machen", hat sie einmal bemerkt. Sie hat die ganz normalen Menschen hinter den Fronten gesehen, fotografiert und uns in ergreifenden Bildern davon berichtet. Sie hat für die Freiheit gearbeitet und einen hohen Preis dafür zahlen müssen. Aber sie hat genau so an das Menschliche geglaubt, wie daran, dass Afghanistan eine Zukunft haben muss.

Jörg Helge Wagner schreibt im „Weser-Kurier“: Was jetzt einer großartigen Fotografin in Afghanistan widerfuhr, ist nur durch den prominenten Namen ein Einzelschicksal. Dutzende ungenannte ISAF-Soldaten und unzählige unbekannte afghanische Sicherheitskräfte starben auf nahezu die gleiche Weise: heimtückisch ermordet von Menschen, die sie eigentlich auf ihrer Seite sahen, als Verbündete oder gar Beschützer. In Wahrheit waren es Todfeinde, eingeschleust in die afghanische Armee oder Polizei, um als "Schläfer" irgendwann zuzuschlagen. Der Tod von Anja Niedringhaus beleuchtet im Jahr des großen Rückzugs grell, wie viel noch in Afghanistan zu tun wäre. Allein die Mannschaftsstärke der aufgebauten afghanischen Sicherheitskräfte zählt gar nichts, solange diese nicht auch verlässlich sind. Die Gefahr der Unterwanderung ist lange bekannt, aber eben nicht gebannt: Schon vor vier Jahren entfernten deutsche Polizeiausbilder vor Übungen die Schlagbolzen an den Gewehren ihrer afghanischen Kadetten, um nicht selbst plötzlich zu Opfern zu werden. Aber nachhaltige Methoden, um Extremisten rechtzeitig abzufangen, konnten bei der afghanischen Polizei offenbar nicht verankert werden. Solange dies nicht gelingt, droht nicht nur weiterer Terror, sondern ein komplettes Scheitern der Afghanistan-Mission.

Mitteldeutsche Zeitung, Halle: Die Bluttat, bei der eine kanadische Kollegin von Niedringhaus verletzt wurde, ereignete sich nicht in abgelegenem Gebiet. Die beiden Frauen befanden sich in einem Konvoi, der zur Vorbereitung der Präsidentenwahl am Samstag unterwegs war. Und der Todesschütze trug eine afghanische Polizeiuniform. Damit dürfte auch der letzte Gutgläubige seine Illusionen darüber verloren haben, welche Fortschritte beim Aufbau einer demokratischen Zivilgesellschaft am Hindukusch angeblich erzielt worden sein sollen. Die Wahrheit sieht wohl anders aus als das, was Politiker des Westens staatstragend verkünden. Da soll im Nachhinein ein Engagement beschönigt werden, das längst zum Desaster wurde.

Journalistenzentrum Deutschland: Das Journalistenzentrum Deutschland ist bestürzt über den Tod der deutschen Kriegsfotografin und Pulitzer-Preisträgerin Anja Niedringhaus. Sie ist nach bestätigten Berichten in Ostafghanistan von einem Polizisten erschossen worden. Bei dem Angriff wurde auch eine kanadische Journalistin verletzt. Beide Frauen arbeiteten für die Nachrichtenagentur Associated Press (AP) und hatten jahrelange Erfahrung in der Region sowie in anderen Konfliktgebieten.

Die Sicherheitslage in Afghanistan vor der Wahl ist extrem angespannt. Der Tod der erfahrenen Journalistin sowie der Tod eines schwedischen Reporters, welcher in Kabul im März 2014 auf offener Straße erschossen worden war, zeigt, wie extrem gefährlich Afghanistan für Journalisten immer noch ist.

Die Berufsverbände DPV und bdfj mahnen Berichterstatter daher zur äußersten Vorsicht. Sie fordern die afghanische Regierung gleichzeitig auf, Journalisten laut fünftem Grundsatz der Charta zum Schutz von Journalisten in Kriegs- und Krisengebieten vermehrt zu sichern und dafür zu sorgen, dass Journalisten über die Präsidentschaftswahl berichten können, ohne um ihr Leben fürchten zu müssen.

Frank Stach, Vorsitzender DJV Nordrhein-Westfalen: Mit Erschütterung hat der DJV-NRW die Nachricht vom Tod der in Afghanistan erschossenen Journalistin Anja Niedringhaus aufgenommen. Die Kriegsfotografin stammte aus Höxter und begann dort ihre journalistische Laufbahn. „Der gewaltsame Tod von Anja Niedringhaus ist eine Tragödie“, erklärt der Landesvorsitzende Frank Stach. „Mit ihr ist eine herausragende Bildjournalistin ums Leben gekommen, die sich stets mit vollem Engagement für die Berichterstattung aus Krisenregionen eingesetzt hat.“ Stach hofft, dass die Umstände, die zu dieser schrecklichen Tat geführt haben, lückenlos aufgeklärt werden. „Für heute bleibt die Trauer und unser Mitgefühl für die Hinterbliebenen.“

Deutscher Journalisten-Verband: Der Deutsche Journalisten-Verband hat mit Bestürzung auf den Mord an der deutschen Bildjournalistin Anja Niedringhaus in Afghanistan reagiert. Es sei grauenhaft, dass eine so erfahrene Kollegin dem Terror gegen Korrespondenten in der Krisenregion zum Opfer gefallen sei, erklärte DJV-Bundesvorsitzender Michael Konken. Ihr tragischer Tod zeige, dass selbst Erfahrung und umsichtiges Vorgehen von Kriegsberichterstattern keine Lebensversicherung seien. Die Bildjournalistin ist bestätigten Berichten zufolge am Morgen in einer Polizeistation den Kugeln eines Polizisten zum Opfer gefallen. Eine kanadische Kollegin soll schwer verletzt worden sein. Niedringhaus war für die Nachrichtenagentur AP im Einsatz. Der DJV-Vorsitzende forderte die afghanischen Behörden auf, den Täter juristisch zur Verantwortung zu ziehen: „Wer Journalisten tötet, löscht Leben aus und versetzt der Pressefreiheit einen schweren Schlag. Das darf nicht ungesühnt bleiben.“

 

Top Meldungen aus Leute