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Newsroom – Wolfgang Messner

Julian wer?

Julian wer? Julian Reichelt

Die Berliner Generalstaatsanwaltschaft hat schon im Februar gegen den damaligen „Bild“-Chef Julian Reichelt ermittelt – tut sich aber äußerst schwer damit, dies auch zu bestätigen. „kress pro“ berichtet exklusiv.

Berlin – Gab es zu den Vorwürfen gegen „Bild“-Chefredakteur Julian Reichelt mehr als nur die anwaltlichen Nachforschungen im Hause Springer? Der „Bild“-Chef soll mit jungen Mitarbeiterinnen Affären gehabt haben, sie schnell befördert oder sie bald bedrängt oder letztlich fallen gelassen haben. Ein halbes Dutzend Mitarbeiterinnen sollen Beschwerden vorgebracht haben, die von Machtmissbrauch über Mobbing bis zu Nötigung reichten. Manches davon wäre möglicherweise auch strafrechtlich relevant. Nur bekannt geworden ist der Öffentlichkeit davon nichts.

 

„kress pro“ fragte am 8. März bei der Generalstaatsanwaltschaft Berlin nach, ob Anzeigen gegen Reichelt eingegangen seien oder ob die Behörde aufgrund der Medienberichte wegen der mutmaßlichen Offizialdelikte von sich aus tätig geworden sei. Die Behörde blieb stumm. Trotz mehrfacher telefonischer und schriftlicher Nachfragen bekamen wir weder eine Bestätigung für den Eingang unseres Schreibens noch mitgeteilt, bis wann wir mit einer Antwort rechnen dürften. Üblich ist das nicht. „Bei uns schon“, sagte eine Behördensprecherin. Man habe als größte Strafverfolgungsbehörde Europas dafür keine Zeit, hieß es.

 

Ein eingestelltes Ermittlungsverfahren

Einen Monat nach unserer Anfrage teilte uns die Behörde mit, dass es „zu der angefragten Person“ ein Ermittlungsverfahren gegeben habe – wegen Verdachts auf Nötigung. Das Verfahren sei aber schon „im Februar 2021 eingestellt“ worden, „da eine Straftat nicht ersichtlich war“. Reichelt mag sich also moralisch anstößig verhalten haben, strafrechtlich relevant war das aber nicht.

 

Die Frage bleibt allerdings, warum die Generalstaatsanwaltschaft das nicht gleich hatte mitteilen können. Der Fall Reichelt war zu diesem Zeitpunkt bereits ein großes Medienthema. Da ist man doch bei der Staatsanwaltschaft im Bilde und hat die Akte zur Hand, könnte man meinen. Doch weit gefehlt. Am 8. April lässt uns die Behörde wissen: „Wenngleich es durchaus offensichtlich war, auf welche Person Ihre Anfrage abzielte, führte die Abfrage eines geläufigen Vornamens in Kombination mit einem ebenso geläufigen Nachnamen zu einer Vielzahl von Treffern in unserem System.“

 

Julian Reichelt – ein Dutzendmann?

Als die Affäre im Oktober richtig in Fahrt kam, fragten wir erneut nach. Auch jetzt hieß es: „Zu dem angefragten Namen sind in unserem Registratursystem eine Vielzahl von Datensätzen ermittelbar, wobei unklar ist, ob sich diese auf die von Ihnen angefragte Person beziehen, da nicht alle Datensätze mit weiteren bestimmbaren Kriterien wie Geburtsdaten versehen sind und der Name nicht allzu selten ist.“

 

Diese Daten zu googeln sei nicht Aufgabe der Behörde. Kann es sein, dass Reichelt geschützt wird? Selbstverständlich nicht, sagt die Behördensprecherin. Ein Julian Reichelt wird wie jeder andere Julian Reichelt behandelt. Ob er „Bild“-Chefredakteur ist oder nicht.

 

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