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Journalisten-Jobkolumne: Bin ich zu gut für meinen Job?

Journalisten-Jobkolumne: Bin ich zu gut für meinen Job? Attila Albert

Der Stellentitel passt nicht. Das Gehalt ist zu niedrig. Die Mitspracherechte und Entscheidungsspielräume sind zu klein. Jeder fragt sich einmal, ob er nicht eigentlich einen besseren Job verdient hätte. Zu Recht? Tipps von Mediencoach Attila Albert für den persönlichen Realitäts-Check.

Berlin – Ein Redakteur, seit bald zehn Jahren in gleicher Position, hatte sich immer wieder um die Ressortleiterstelle bemüht, wenn der nächste Wechsel absehbar war. Dem Chefredakteur sein Interesse kundgetan. Im Kollegenkreis mehr oder weniger subtil gestreut, dass er sich „gern weiterentwickeln“ wolle. Sich auch einmal formell beworben, als die Position offiziell ausgeschrieben war. Aber es blieb bei übergangsweisen Vertretungen. Die Stelle ging jedes Mal an jemanden, den er für weniger qualifiziert und geeignet als sich selbst hielt.


Bin ich zu gut für meinen Job, habe ich nicht längst etwas Besseres verdient? Diese Frage stellen sich fast alle Medienprofis im Laufe ihrer Karriere einmal. Manche wütend, andere verunsichert oder resigniert. Der häufigste Anlass ist der Eindruck, für die eigene Leistung und den Einsatz nicht ausreichend gewürdigt zu werden und auch keine Alternative zu finden. Der Stellentitel scheint unangemessen, das Gehalt zu niedrig, Mitspracherechte und Entscheidungsspielräume zu klein. Die Stelle ist langweilig und stressig zugleich.

 

Es ist verständlich, wenn Sie sich in solch einer Situation zunächst über andere ärgern, etwa über Ihren Chef oder das Unternehmen – „Keiner sieht, was ich leiste“, „Das ist doch alles nur eine Mauschelei!“ Ebenso, wenn Sie auf sich selbst wütend oder über sich enttäuscht sind sind - „iWeso kriege ich das nie hin?“, „Ich lasse mir zu viel bieten …“ Doch hinter derartigen Entscheidungen steckt eine gewisse Logik, die Sie spätestens nach sechs bis zwölf Frust-Monaten erkunden sollten. Diese Reflektion führt Sie aus der Sackgasse.

 

1.  Selbst- und Fremdwahrnehmung vergleichen

Zuerst einmal stimmen in dieser Situation offenkundig Selbst- und Fremdwahrnehmung nicht überein. Man hält sich selbst geeignet für eine bessere Position. Der eigene Arbeitgeber, der einen eigentlich gut kennen sollte, nicht. Eventuell weisen auch Absagen anderer Unternehmen, falls Sie sich bereits extern beworben haben sollten, in die gleiche Richtung. Diplomatische Formulierungen auf „andere Kandidaten, deren Profil noch besser als Ihres mit unseren Anforderungen übereinstimmte“ sind typische Hinweise darauf.

 

Im Coaching sehe ich viele Medienprofis, die tatsächlich aus ihrer Stelle herausgewachsen sind. Sie sind erfahrener, effektiver und stärker geworden, ohne dass das honoriert worden wäre. Sie müssten aufsteigen, aber die Wunschposition ist besetzt oder jemand anderem versprochen (z. B. externer Bewerber). Manche sind sogar derart selbstständig und führungsstark geworden, dass sie im Grunde gar nicht mehr in eine Festanstellung passen, sondern besser als Freiberufler arbeiten oder ein eigenes Unternehmen gründen sollten.

 

Andererseits kommt es gerade bei Berufsanfängern auch vor, dass sie ihre Leistung als zu hoch und damit falsch einschätzen. Typisches Missverständnis: Eine gute fachliche Leistung (z. B. ein solider oder sogar ausgezeichneter Reporter zu sein) qualifiziert nicht automatisch zu einer Führungsposition (z. B. Ressortleiter), weil es sich dabei doch um eine andersartige Tätigkeit handelt. Vergessen wird häufig auch, wie oft Stellen eher aus taktischen Gründen vergeben werden. Etwa, um attraktive externe Bewerber ins Unternehmen zu holen oder sich in einem riskanten Umfeld durch bewährte Unterstützer abzusichern.

 

Sie bringen Selbst- und Fremdwahrnehmung näher zusammen, indem Sie sich möglichst objektives, qualifiziertes Feedback einholen. Fragen Sie nicht Leute, die Sie sowieso sehr mögen, die nichts direkt zu Ihrer Tätigkeit sagen können (z. B. Partner, Eltern, Freunde) oder Ihnen aktuell zu nahe sind (z. B. Chef, Kollegen). Gute Ratgeber sind entferntere Branchenkollegen, ehemalige Vorgesetzte, Mentoren, externe Berater. Ihre Hinweise können Sie bestärken, aber auch mögliche Verbesserungen anregen, etwa Ihre Außendarstellung oder Kommunikation.

 

2.  Job- und Persönlichkeitsprofil prüfen

Eine zweite Ebene ist der Vergleich zwischen dem Jobprofil und dem Profil der eigenen Persönlichkeit, also den eigenen Stärken, Interessen und Werten. Passt der Job, den ich unbedingt will, überhaupt zu mir? Auch: Gibt es vielleicht Sinn, dass es nie geklappt hat – bin ich vielleicht wirklich der Falsche für diese Stelle? Das kann viele Gründe haben, manche würden sogar für Sie sprechen. Je neutraler und unemotionaler Sie sich selbst und Ihre Situation erkunden können, desto besser werden Sie über nächste Schritte entscheiden.

 

Beispielsweise kann es sein, dass Sie sich um eine Führungsposition bemühen, für die Sie aber viel zu umtriebig und engagiert sind. Das Unternehmen wünscht sich in Wahrheit jemanden, der den Betrieb am Laufen hält, aber keine echten – riskanten – Veränderungen anstößt und umsetzt. Das widerspricht vielleicht Ihrer Logik und Ihrem Selbstverständnis, kommt aber vor. Ich hatte schon Klienten, denen im Bewerbungsgespräch gesagt wurde: „Sie könnten hier nichts verändern.“ Oder: „Für unser Team sind Sie zu dynamisch.“

 

Auch in anderen Punkten können Job- und Persönlichkeitsprofil nicht zusammenpassen. Beispiel: Sie bewerben sich aus Pragmatismus um eine CvD-Stelle im Onlinebereich, aber es ist leicht erkennbar, dass Sie eigentlich lieber Reportagen schreiben und Interviews führen wollen. Entsprechend verhalten ist Ihr Enthusiasmus, und das wird bemerkt werden. Eine Absage ist auch in einem solchen Fall schmerzlich. Gleichzeitig aber ein Hinweis, dass Sie hier eventuell um etwas kämpfen, das gar nicht (oder nicht mehr) zu Ihnen passt.

 

Werden Sie sich so klar wie möglich darüber, was Sie genau wollen. Arbeitsinhalte, Firmenklima, Organisation, Arbeitsweise – das kann jeden Aspekt einer Stelle umfassen. Formulieren Sie zur Reflektion einmal die Beschreibung Ihres Traumjobs, wenn Sie mögen. Sie werden niemals alle Maximalforderungen durchsetzen können, aber erkennen, was Ihre Richtung und Bestimmung ist. Sie verschwenden damit weniger Energie für etwas, das nicht zu Ihnen passt, und erkennen mehr Chancen, die Sie zielgerichteter verfolgen.

 

Eine derartige Krise gehört zu fast jeder Karriere. Hoffen Sie nicht darauf, dass Sie jemand eventuell entdeckt und rettet. Drohen Sie nicht frustriert mit Kündigung, wenn nicht wirklich gehen würden und könnten. Ärgern Sie sich nicht, schimpfen Sie nicht. Sondern beschäftigen Sie sich aktiv mit Ihrer Situation und Zukunft.  Sie ersparen sich damit viele verlorene Jahre, in denen Sie bereits in einem interessanteren, angenehmeren, besser bezahlten, sinnvollerem Job arbeiten könnten.

 

Zum Autor: Attila Albert (geb. 1972) begleitet Medienprofis aus Journalismus, PR und Unternehmenskommunikation als Coach. Schwerpunkt: Berufliche und persönliche Neuorientierung. Im April 2020 erschien sein Buch: „Ich mach da nicht mehr mit“ (Gräfe und Unzer). Mehr als 20 Jahre hat er selbst als Journalist gearbeitet, u.a. bei der „Freien Presse“ in Chemnitz, „Bild“ und „Blick“. Für einen Schweizer Industriekonzern baute er die globale Marketingkommunikation mit auf. Er hat Betriebswirtschaft und Webentwicklung studiert.