Vier von fünf Unternehmen setzen auf Dialogmarketing
(19.06.2013, 13:52)
Der New-York-Korrespondent des Manager Magazins, Klaus Boldt, über die Qualität der deutschen Medien, die Ziele von New-York-Times-Verleger Arthur Sulzberger, warum er mehr Demut von Journalisten fordert und die Internetpläne des "Guardian" nicht mag und warum deutsche Medienmanager "in der Regel so dämlich wie überall auf der Welt sind".
New York - Jack Welch, Josef Hattig, Thomas Middelhoff, Mathias Döpfner, Utz Claassen, Edgar Bronfman oder Sumner Redstone - Klaus Boldt hat als Korrespondent des Manager Magazins mit unzähligen Entscheidungsträgern gesprochen. Seine Kontakte in die deutsche und internationale Wirtschaft sind enorm, er ist exzellent verzahnt, seine Sprache ist wortgewaltig und im heutigen Maßstab außergewöhnlich. "Er ist ein Meister auf der Klaviatur der Magazinschreibe: hartnäckig in der Recherche, seriös in der Information, unterhaltsam im Stil. Und: In Zeiten, wo unabhängiger Medienjournalismus ein hohes Gut ist, ist ein Boldt Gold wert", hat eine Jury des "Medium Magazin für Journalisten" schon 2007 geurteilt.
Newsroom.de: Herr Boldt, für das aktuelle Manager Magazin haben Sie Arthur Sulzberger getroffen. Hat der Herausgeber der New York Times ein Rezept für Tageszeitungen, dem seine deutschen Kollegen folgen könnten?
Klaus Boldt: Der Mann will, dass die „Times" die „Times" bleibt. Gegen frische Zielgruppen hat er nichts, aber er würde sich nicht extra die Mühe machen und sie suchen. Sulzberger ist überzeugt davon, dass seine Zeitung überlebt, wenn es gelingt, mehr Leute zu finden, die sie lieben, genau so wie sie ist. Sulzberger findet, dass für Journalismus grundsätzlich bezahlt werden muss, selbst wenn man ihn verschenken könnte. Das finde ich gut. Auch Autos sollte man verkaufen, selbst wenn man sie mit Reklame vollkleben und verschenken könnte. Dafür allein hat Sulzberger schon meine Sympathie. Anders als etwa die Heinis vom „Guardian“, die ihren Kram verschenken, sich aber von einem Trust durchfüttern lassen und dann noch große Töne spucken.
Newsroom.de: Ist es leicht, als Redakteur vom Manager Magazin in den USA Kontakte zu knüpfen?
Klaus Boldt: Das Manager Magazin ist in den USA ungefähr so wichtig wie die größte finnische Wirtschaftszeitschrift in Deutschland. Es ist anstrengend und meistens sogar vergeblich, die Stars der Szene davon zu überzeugen, dass es sich lohnt mit dem Manager Magazin zu sprechen. Und es wird natürlich immer mühsamer, weil Journalismus aus wirklich allen Ritzen quillt und das Überangebot so groß ist, dass es ständig an Wert verliert.
Newsroom.de: Korrespondenten klagen oft, dass Sie in den Heimatredaktionen nur selten gehört werden. Wie sieht es bei Ihnen aus? Kriegen Sie den Platz, den Sie sich wünschen?
Klaus Boldt: Ja, unsere Heftplanung ist exzellent. Wir haben immer genau so viel Platz, wie wir brauchen.
Newsroom.de: Und wie oft halten Sie Kontakt mit den Kollegen in Hamburg?
Klaus Boldt: Immer mal wieder, ohne Rhythmus. Eher so wenig wie möglich.
Newsroom.de: Wieviel Zeit verbringen Sie eigentlich im Flieger zwischen den USA und Deutschland?
Klaus Boldt: Ich fliege ungefähr fünfmal im Jahr.
Newsroom.de: Wenn ich Ihre Beiträge im Manager Magazin lese, denke ich immer, dass Sie in Hamburg am Redaktionssitz vom Manager Magazin arbeiten müssen, um dieses Pensum zu schaffen. Niemand scheint sich beispielsweise bei den Verkaufsvorgängen um die WAZ Mediengruppe besser auszukennen als Sie. Wieviel Zeit verbringen Sie in der Kantine in der Friedrichstraße in Essen?
Klaus Boldt: Alles glückliche Zufälle. Ich kenne nur ein paar Leute, die gerne Geschichten erzählen.
Newsroom.de: Wie funktioniert es genau, in New York zu residieren und Deutschland weiterhin im Blickpunkt zu halten?
Klaus Boldt: Ich kenne viele meiner Gesprächspartner seit vielen Jahren, manche seit Jahrzehnten, das Vertrauen ist groß, und am Telefon spielt es ja keine Rolle, ob man in Hamburg sitzt oder was weiß ich wo. Telefonieren als solches gilt in Fachkreisen ja als unmodern. Weil man da nicht übers Netz abzischt, twittert oder facebookt. Aber die meisten Infos erhalte ich immer noch per Telefon.
Newsroom.de: Ungewöhnlich ist es aber doch, dass Sie als Korrespondent in New York arbeiten und weiterhin häufig Reportagen über deutsche Firmen in Deutschland verfassen oder Autor der Liste der 500 Reichsten in Deutschland sind?
Klaus Boldt: Ja, das ist wahrscheinlich ungewöhnlich. Aber mir wäre es auch zu öde, ständig über irgendwelche US-Firmen zu schreiben.
Newsroom.de: Um welche Aufgaben kümmern Sie sich in New York genau?
Klaus Boldt: Ich kümmere mich um das, was man mir sagt. Es sei denn, ich habe eine bessere Idee. Ich habe das Privileg, eine Ein-Mann-Mannschaft zu sein und wenig Konferenzen besuchen zu müssen. Dafür danke ich dem Herrn und Arno Balzer.
Newsroom.de: Sie sind seit Jahrzehnten einer der scharfsinnigsten Medienbeobachter im deutschsprachigen Raum. In den USA sterben massiv auch alteingessene Zeitungstitel, neue kommen, wenn überhaupt, nur noch als kostenlose Generalanzeiger auf den Markt. Wie schätzen Sie die Entwicklung der deutschen Medienszene ein?
Klaus Boldt: Deutsche Zeitungen und Zeitschriften sind wahrscheinlich besser als 90 Prozent aller weltweit erscheinenden Blätter. Der hiesige Vertrieb ist exzellent, die Blätter sind hervorragend gedruckt, sie sind größtenteils sehr gut geschrieben und haben eine sehr gutes Layout. Eigenartigerweise sind deutsche Medienmanager in der Regel so dämlich wie überall, sie sind anfällig für Trends und Moden wie fünfzehnjährige Mädchen. Wie der Übergang zur digitalen Medienwelt gemanagt wurde, war und ist einfach lächerlich und hat meinen Glauben an die Fähigkeiten dauerhaft beschädigt.
Newsroom.de: Qualität scheint wie so oft das entscheidende Stichwort. Was macht eine gute Wirtschaftsreportage eigentlich aus?
Klaus Boldt: Wir arbeiten in der Unterhaltungsbranche, also muss sie unterhalten und möglichst irgendetwas Überraschendes bieten. Sie sollte einen Helden und einen Schurken haben, und einer von beiden sollte der Mann mit der roten Mütze sein, hinter dem die Leser durch die Geschichte marschieren. Das Portal sollte nach spätestens 80 Zeilen kommen. Der beste Satz eines Absatzes steht an seinem Ende, der schwächste an seinem Anfang. Der Text sollte nicht länger als 700 und nicht kürzer als 400 Zeilen sein bei, sagen wir mal, 36 Anschlägen pro Zeile. Gute Fotos schaden nicht. Aber die Leute müssen etwas tun. Nicht nur gucken und posieren. Es gibt tausend andere Regeln, aber wenn man nur die zehn wichtigsten einhält, dann hat man eine gute Wirtschaftsreportage. Die besten stehen im Manager Magazin.
Newsroom.de: Welche Chancen haben Monatstitel in einer Zeit, in der die Nachrichten immer schneller gehandelt werden?
Klaus Boldt: Bessere als Zeitungen und Wochenblätter. Ein Monatstitel, wenn er nur tief genug buddelt, hat nichts zu fürchten. Um die meisten Käseblätter am Kiosk wäre es sowieso nicht schade, wenn sie eingingen. Das meiste ist ja nur gut gemachter Stuss.
Newsroom.de: Wird es gedruckte Magazine in zehn Jahren noch geben?
Klaus Boldt: Bestimmt, die Zeit geht so schnell 'rum. Außerdem sind sie ja auch verdammt praktisch: Man kann sie knüllen, knicken, rollen, falten. Papier ist ein feines Material, gutes Zeug. Brennt gut und ist so dünn, dass es überall dazwischenpasst. Wenn es nur Bildschirme gebe und plötzlich käme jemand auf die Idee, Papier als Datenträger zu benutzen - das wäre ein Hit.
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Hintergrund: Es war Rudolf Augstein, der 1971 mit dem amerikanischen Verlag McGraw-Hill das Manager Magazin aus der Taufe hob. In der Jubiläumsausgabe veröffentlichte das Hamburger Wirtschaftsblatt jetzt VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch auf der Titelseite, den eine Jury zum wichtigsten Manager Deutschlands der vergangenen 40 Jahre bestimmt hat. Die Auflage des Monatsmagazins beträgt 108.758 Exemplare (3. Quartal 2011), vor zwei Jahren waren es noch 117.066 Exemplare. Arno Balzer lenkt als Chefredakteur seit dem 1. Juli 2003 die Geschicke des Magazins. Unser Interviewpartner Klaus Boldt (Foto) studierte Wirtschaftsgeschichte, Germanistik, Politik- und Theaterwissenschaften in Hamburg und München. Er lebte vier Jahre lang als freier Journalist in Paris, war später Redakteur und Ressortleiter bei "Text intern" unter "Lutz Böhme, einen großartigen Journalisten und Menschen, mein Vorbild bis heute", so Boldt. 1996 kam Klaus Boldt zum Manager Magazin. |
Mit Klaus Boldt sprach Bülend Ürük.