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Print vom 25.11.2011

Paid Content: Neue Zürcher Zeitung errichtet lückenhafte Bezahlschranke

Die Neue Zürcher Zeitung macht ernst: Was schon seit Monaten in gewissen deutschen Medienzirkeln gemunkelt wurde, wird jetzt tatsächlich umgesetzt. Bereits im ersten Quartal 2012 errichtet die NZZ, die zu den renommiertesten Tageszeitungen der Welt zählt, eine Bezahlschranke für das komplette Internetangebot.

Zürich - Damit ist sie Vorreiter bei den Zeitungen im deutschsprachigen Raum, die Entscheidung könnte weitere Verleger animieren, konkreter über "Paid Content" nachzudenken. Bei einer großen deutschen Mediengruppe liegt nach unseren Informationen bereits ein Konzept für eine Bezahlschranke im Web in der Schublade der Geschäftsführung, eine Entscheidung dort soll in Kürze fallen und hätte Auswirkungen auf zahlreiche Online-Angebote im Netz.

Chefredaktor Markus Spillmann hat zudem vom NZZ-Verwaltungsrat den Auftrag erhalten, die Online- und Printredaktion in der Zürcher Falkenstraße 11 in einem Newsroom zu verschmelzen. Zukünftig werden Redaktionsteams gemeinsam Inhalte für verschiedene Angebote erstellen, eine aufwendigere Tablet-Ausgabe wird die bisherige PDF-Ausgabe für das iPad ergänzen. Die NZZ-Redaktion wird personell aufgestockt.

Ähnlich wie bei einigen US-Zeitungen - unter anderem New York Times, Baltimore Sun, Minneapolis Star Tribune - wird das Schweizer Traditionsblatt (Auflage laut Wemf, Schweizer AG für Werbemedienforschung: über 132.670 Exemplare) eine lückenhafte Bezahlschranke einsetzen, um im Netz endlich Geld zu verdienen.

Dabei kommt die "metered paywall" zum Einsatz, wie Peter Hogenkamp, Leiter Digitale Medien bei der NZZ-Mediengruppe, bestätigte. Nutzer können so eine gewisse Anzahl von Artikeln kostenfrei lesen, bevor sie aufgefordert werden, ein Digital-Abonnement abzuschließen. Wieviele Beiträge am Ende bei der NZZ tatsächlich frei zugänglich bleiben, steht noch nicht fest, die Schwellwerte seien noch nicht definiert, sagte Peter Hogenkamp. Bei der Financial Times sind es zehn, bei der New York Times 20 Artikel, die umsonst gelesen werden dürfen. Artikel, die in sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter geteilt werden, können auch darüber hinaus noch komplett gelesen werden.

Im ersten Quartal 2012 soll nicht nur die Integration der Online- und Print-Redaktion der NZZ erfolgen, auch die Website erhält ein neues Design. Ob das Digital-Team Technik es bis dahin allerdings auch schafft, die schon längst überfällige, neue mobile NZZ-Website zu veröffentlichen (sollte bereits im Sommer 2011 kommen), wird sich dann zeigen. Gute Nachrichten für Journalisten - die NZZ-Redaktion wird aufgestockt.

Vorbild New York Times

Mit ihrer Entscheidung für die "metered paywall" umgeht die NZZ Fehler von Medien wie der Lebensmittel-Zeitung, die ihre Beiträge hinter einer kompletten Paywall verstecken. Deutsche Tageszeitungen wie das Hamburger Abendblatt, die ebenfalls auf Paid Content setzen, lassen ihre Artikel wenigstens über Google kostenfrei auffinden. Wer sie dort anklickt, darf sie auch kostenfrei lesen.

Hintergrund

"Soft Paywalls" wie jetzt bei der NZZ galten am Anfang als das Ende des Online-Angebotes der New York Times. Tenor - niemand wird die Seite mehr besuchen, alle Leser verabschieden sich zur kostenlosen Konkurrenz. Zur großen Enttäuschung vieler lautstarker Kostenlos-Befürworter wurde die Entscheidung von NYT-Verleger Arthur Sulzberger jedoch zum großen Erfolg, die Reichweite blieb konstant, das digitale Angebot kommt an.

Die Umsetzung bei der NZZ könnte Vorbild auch für die weiteren Blätter der NZZ-Mediengruppe (unter anderem St. Galler Tagblatt, Neue Luzerner Zeitung) sein, die Fehler aus den Anfangsjahren des Internets hinter sich zu lassen und für Qualitätsjournalismus auch im Netz Geld zu verlangen.

Bülend Ürük

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