Unternehmen vom 27.02.2012
Millionendeal: WAZ steigt ins Online-Druckerei-Geschäft ein
Erstmals steigt mit der WAZ-Mediengruppe ein großes europäisches Medienhaus ins Online-Printgeschäft ein. Die Essener Verlagsgruppe hat für ihren Einstieg ins Remote Publishing nach Informationen von Newsroom.de einen Millionenvertrag mit dem irischen Unternehmen Tweak.com abgeschlossen.
Berlin - Bislang dominieren kleine und mittelständische Druckereien das Online-Printgeschäft, Experten erwarten mit dem Einstieg der WAZ eine Marktbereinigung. Mit dem neuen Angebot können Kunden aus einem Pool von Designvorlagen und Texten auswählen, direkt ihre Anzeigen gestalten und dann bis kurz vor Druckschluss in den WAZ-Zeitungen und Wochenblättern schalten.
Die WAZ will mit dem neuen Angebot auch ihre Druckmaschinen mit privaten Aufträgen auslasten. Der Riese aus Nordrhein-Westfalen will dabei seine Muskeln spielen lassen und mit Kampfpreisen und Größe den Markt erobern. Schon in den nächsten Wochen soll es losgehen.
Den Zwei-Jahres-Vertrag mit Tweak.com-Chef Jerry Kennelly hat Geschäftsführer Mark-Oliver Multhaup für WAZ NewMedia, der digitalen Tochter der WAZ-Gruppe, eingefädelt und abgeschlossen. Multhaup, seit Sommer 2009 in Essen, lobt die neue Partnerschaft in den höchsten Tönen. Die WAZ stütze das Printgeschäft mit den exzellenten Möglichkeiten, die das Web-basierte Angebot von Tweak.com anbiete und setze sich als Unternehmen an die Spitze des sich wandelnden Marktes. Der neue Online-Shop richtet sich vor allem an die vielen kleinen und mittelständischen Unternehmen im Verbreitungsgebiet der Lokalblätter (Westdeutsche Allgemeine Zeitung, Westfälische Rundschau, Thüringer Allgemeine).
Eine offizielle Stellungnahme zum Millionendeal gab es am Samstag aus dem Ruhrgebiet nicht.
Unternehmensgründer Jerry Kennelly geriert sich als der neue Heilsbringer des darbenden Printgeschäfts - wenn weniger Zeitungen verkauft werden, müssen auch weniger Exemplare gedruckt werden. Kennelly glaubt, dass die Kooperation der Druckindustrie in Gänze helfen werde, da sie sich in Schockstarre befinde. "Wir freuen uns auf unseren neuen, starken Partner aus Deutschland", bestätigte am Wochenende ein Sprecher aus dem irischen Killorglin Newsroom.de die irisch-deutsche Zusammenarbeit.
Was steckt hinter Tweak.com?
Fünf Jahre lang, so heißt es aus dem 4.200-Einwohner-Ort Killorglin, hat ein Team von Designern, Journalisten, Grafikern, Druckvorstufen-Experten, Fotografen und Illustratoren an Tweak.com gearbeitet. Die Firma beschäftigt 45 Mitarbeiter in Irland und den USA (zum Vergleich: bei der WAZ-Mediengruppe arbeiten europaweit rund 11.000 Beschäftigte).
Die Idee hinter Tweak.com ist simpel, Unternehmer können Werbematerial erstellen, ohne Agenturen beauftragen zu müssen. Alles, was sie für das Remote Publishing benötigen, ist ein funktionsfähiger Computer, ein Internetzugang und ein aktueller Webbrowser. Dabei können Kunden aus fast einer Million Designvorlagen, Fotos, Logos wählen, für 350 Branchen stehen Textbausteine zur Verfügung, die von professionellen Werbetextern stammen. Neben Anzeigen können beispielsweise auch Visitenkarten, Briefbögen, Broschüren oder Flyer bestellt werden.
Schon in den nächsten Monaten sollen neben dem bereits erfolgreichen englischsprachigen Tweak-Shop auch eine französisch- und spanischsprachige Version vor allem Geschäftsleute ansprechen, erklärte Jerry Kennelly der Zeitung Irish Independent.
Für Mark-Oliver Multhaup, den früheren Chefredakteur Bilderdienste Deutschland, Österreich, Schweiz und Osteuropa bei Associated Press, ist es der erste richtig große Deal, den er für die WAZ-Mediengruppe abschließt. Jerry Kennelly gilt als einer der Pioniere von Fotodiensten im Internet, wie Multhaup ist er gelernter Fotograf. Kennelly hat seine Foto-Datenbank Stockbyte im Jahr 2006 für 110 Millionen Euro an Getty Images verkauft.
Auswirkungen auf den Markt
Das Online-Printgeschäft ist schon heute ein hart umkämpfter Markt, der von hunderten kleinen, aber auch einigen mittelständischen Druckereien besetzt wird. So verfügt die Unitedprint.com SE aus Meißen über Standorte in 21 Ländern in Europa und Nordamerika. Gerade das Unternehmen des Bayern Wolfgang Lerchl wird das Feld nicht kampflos verlassen. Ein brutaler Preiskampf könnte jedoch auch die Existenz der noch zahlreichen kleineren Druckereien mit ihrem Vor-Ort-Geschäft bedrohen. Tweak.com wirbt damit, dass sich mit ihrem System die Kosten für Druckerzeugnisse um 80 Prozent senken lassen.
WAZ-Medienberater in Sorge
Bei den schon jetzt arg gebeutelten Medienberatern der WAZ-Mediengruppe machen sich bereits Sorgen breit. Denn wer benötigt schon einen Anzeigenberater, wenn er für die Gestaltung seiner Werbung schon auf eine Agentur verzichtet? Wenn sich das Online2Print-Angebot durchsetzt, so ein WAZ-Insider zu Newsroom.de, werde das Unternehmen die Armada der Medienberater reduzieren, Menschen dank des Programms von der Lohnliste streichen und vor die Tür setzen. Persönliche Beratung vor Ort falle dann ganz einfach weg.
Bülend Ürük