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Print vom 22.01.2013

"Financial Times": Zuerst das Netz, danach die Zeitung

Die deutschen Medien haben "Digital First" als Heilmittel schon lange hinter sich gelassen. Anders sieht es jetzt bei der "Financial Times" aus London aus. Die britische Finanzzeitung mit Weltruf will künftig ihre Berichte zuerst online veröffentlichen. Der "große kulturelle Wandel" kostet bis zu 35 Redakteuren den Arbeitsplatz.

Salzburg - Wer einen Job bei der "Financial Times" ergattert hatte, war bislang im Olymp des Wirtschaftsjournalismus angekommen. Zeit für Recherchen, exklusive Zugänge zu Top-Politikern und Wirtschaftsführern, Archivare und Fact-Checker, die jeden Satz noch einmal geprüft, jede Quelle auf ihre Relevanz beleuchtet haben. Wie Chefredakteur Lionel Barber in einem Memo an die Mitarbeiter am Montag ankündigte, will er die FT "für das digitale Zeitalter neu gestalten" und aufstellen.

Insgesamt soll die Redaktion 1,6 Millionen Britische Pfund (gut 1,9 Millionen Euro) einsparen. Das Ziel, so zitiert der Guardian aus dem Chefredakteursschreiben, soll auch mit Personalabbau erreicht werden. 35 Redakteure verlieren ihre Arbeitsplätze, zehn Jobs im Digital-Bereich werden jedoch aktuell geschaffen. Insgesamt beschäftigt die FT 600 Redakteure weltweit.

In dem Schreiben erklärt Barber den Paradigmenwechsel in dem Medienhaus: "Uns muss klar sein, dass wir zuerst eine digitale Plattform bedienen, und danach die Tageszeitung. Dies ist ein großer kultureller Wandel für die FT. Wir werden es wohl nur mit einem weiteren strukturellen Wandel erreichen."

Laut Barber könne die FT nur überleben, wenn sie sich den Anforderungen der Leser anpasse. Gerade Technologie-Unternehmen wie Google, LinkedIn und Twitter würden das Geschäftsmodell von Zeitungen stören.

Vor allem ein Besuch im Silicon Valley im September 2012 habe ihm gezeigt, in was für einer Geschwindigkeit die Medien sich verändern müssten. Die FT merke den Wandel jetzt schon, so würden 25 Prozent aller Webseitenzugriffe inzwischen über mobile Geräte wie Handys erfolgen. Wichtig sei es nun, Arbeitsabläufe zu verändern.

Positiv sei es für die FT, dass sie für ihre Online-Seiten Geld verlange, frühzeitig eine Paywall aufgesetzt habe. Acht Artikel im Monat dürfen nach einer Registrierung kostenfrei gelesen werden; wer mehr lesen möchte, zahlt.

In Zukunft sollen beispielsweise auch weniger Seiten für die zweite US-Ausgabe verändert, Anzeigengrößen sollen angepasst, auch die Seitenfolge soll vereinheitlicht werden, zählt Barber in dem Schreiben auf.

"Dies sind keine leichten Veränderungen, aber wir sind verpflichtet, die schwierigen Schritte zu ergreifen, um die Zukunft der Financial Times als einer der weltweit größten Nachrichtenanbieter zu sichern."

Laut dem Memo werden die Pläne von der Eigentümerin der "Financial Times", der Pearson-Gruppe, voll und ganz unterstützt. Die Mittel stünden bereits im ersten Quartal dieses Jahres zur Verfügung - die Zeit drängt.

Hintergrund

Lionel Barber ist seit November 2005 Chefredakteur der "Financial Times". Der Brite arbeitet seit 1986 für die FT; die verkaufte, tägliche FT-Printauflage beträgt 281.000 Exemplare, die Seite FT.com hat über 600.000 zahlende Leser. Gegründet wurde die FT 1888, befindet sich also im 125. Jahr ihres Bestehens; Hauptwettbewerber ist das "Wall Street Journal" (Herausgeber: Rupert Murdoch), das mit WSJ.de eine eigene deutschsprachige Online-Ausgabe betreibt.

Seit Monaten gibt es Gerüchte, dass die Mediengruppe Pearson die "Financial Times" verkaufen möchte. Die geplanten Veränderungen bei der FT könnten einmal bedeuten, dass Pearson weiter an die Wirtschaftstageszeitung glaubt. Oder aber, dass die "Financial Times" für einen möglichen Käufer einfach aufgehübscht werden soll.

Auf dem deutschen Markt ist die Mediengruppe Pearson vor allem als Anbieter von Bildungssoftware und Büchern aktiv. Bis 2008 war Pearson Hälfteeigentümer der "Financial Times Deutschland".  Zum 1. Januar 2008 übernahm der Hamburger Großverlag Gruner + Jahr alle Anteile der FTD; die letzte Ausgabe der FTD erschien am 7. Dezember 2012.

Bülend Ürük

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