Ausbildung vom 30.06.2012
Zehn Überlebenstipps für Jungjournalisten
Was Nachwuchsjournalisten heute können müssen, um einen interessanten und ordentlich bezahlten Job zu bekommen. Zehn Ratschläge eines Praktikers des Journalismus und der Journalisten-Ausbildung. Buchverlosung.
Wien - Jungjournalisten erwarten völlig andere Anforderungen als noch vor zehn Jahren. Eines bleibt aber gleich: Wer vor allem viel Geld verdienen will und sich um moralische Anforderungen nicht schert, der ist in anderen Branchen besser aufgehoben.
Reinhard Christl gibt Jungjournalisten auf NEWSROOM zehn Überlebenstipps.
1. Frechheit siegt!
Axel Hacke, eine der Edelfedern der „Süddeutschen“, wurde ganz am Anfang seiner Karriere gefragt, ob er über Skirennen schreiben wolle und könne. Obwohl er als gebürtiger Norddeutscher keine Ahnung vom Skifahren hatte, sagte er Ja.
Und siehe da, er konnte. Ich selbst war nach ein paar Artikeln in der „Wirtschaftswoche“ mutig oder, besser gesagt, größenwahnsinnig genug, mir den Job des Chefredakteurs eines neu gegründeten Wirtschaftsmagazins zuzutrauen.
Will sagen: Eine gewisse Frechheit und Unbekümmertheit halfen schon immer, im Journalismus gute Jobs zu bekommen. Künftig wird das noch mehr gelten, wenn neue Technologien eingeführt und neue Wege beschritten werden müssen, für die den alten Hasen die Skills fehlen.
Unser Autor Reinhard Christl ist Leiter des Instituts für Journalismus der FH Wien und war 14 Jahre lang Journalist. Ab Herbst leitet er das Department Wirtschaft mit Schwerpunkt Medien der FH St. Pölten.
2. Seien Sie lästig, kritisch, unbequem!
Viele 20-Jährige glauben heutzutage aus welchen Gründen auch immer, sie dürften, wenn sie beruflich etwas erreichen wollen, nur ja nicht durch ungebührliches Benehmen und kritische Fragen auffallen. Solche Menschen sind im Journalismus falsch. Wir brauchen Leute, die kritisch sind, eine eigene Meinung haben und sie zu artikulieren verstehen.
3. Werden Sie Multimedia-Journalist!
Journalismus hat heute wesentlich mehr Facetten als früher. Es genügt normalerweise nicht mehr, nur gut recherchieren und gute Texte schreiben zu können. Gefragt sind Journalisten, die mehr können: Videos schneiden, Online-Texte schreiben, Geschichten multimedial erzählen, Apps entwickeln, fotografieren und Fotos bearbeiten, twittern, neue Geschäftsmodelle entwickeln. Eine gute Radiostimme zu haben und die Fähigkeit, im TV eine gute Figur zu machen, schadet ebenfalls nicht.
Keine Angst, Sie müssen nicht alles können, was ich aufgezählt habe. Aber möglichst viel davon.
Vor allem, um den Einstieg in die Journalismus-Branche zu schaffen. Denn der Job-Start gelingt heutzutage meist nicht mehr über klassischen Printjournalismus, auch nicht, wenn Sie letztlich unbedingt Printjournalist werden wollen. Die meisten Jungen bekommen heute ihren ersten Journalismus-Job dadurch, dass sie Dinge können, mit denen die 50-Jährigen überfordert sind.
4. Setzen Sie auf Ihre Stärken!
Von der obigen Regel gibt es auch in Zukunft Ausnahmen: Wenn Sie beispielsweise ein begnadeter Schreiber beziehungsweise eine begnadete Schreiberin sind wie Sibylle Hamann („Falter“) oder Rainer Nikowitz („Profil“), dann brauchen Sie, so Sie nicht wollen, keine Videos zu drehen und keine Multimedia-Storys zu machen, und Sie werden trotzdem erfolgreich sein.
Denn der Printjournalismus wird sich zwar verändern, aber er wird nicht sterben. Und launig und spannend geschriebene Reportagen und Geschichten werden auch in Zukunft gefragt sein.
Um in diesem Genre zu reüssieren, müssen Sie allerdings wirklich sehr, sehr gut schreiben können, ein paar Deutschschularbeiten-Einser sind dafür zu wenig.
Anderes Beispiel: Wenn Sie über so gute Kontakte und Informanten verfügen wie Florian Klenk („Falter“), Renate Graber („Der Standard“) oder Michael Nikbakhsh („Profil“), werden Sie immer wieder spannende Geschichten enthüllen, die man Ihnen abkaufen oder derentwegen man Ihnen einen gut bis sehr gut bezahlten Job anbieten wird. (Und da habe ich jetzt nur Journalisten genannt, die bei mir am Institut für Journalismus unterrichten oder unterrichtet haben; es gibt zig andere Beispiele.)
Dieser Beitrag ist zuerst in der Fachzeitschrift "Der Österreichische Journalist" erschienen. Hier können Sie Ihr persönliches Exemplar bestellen.
5. Werden Sie ein „Entrepreneurial Journalist“!
Journalisten, die 30 Jahre bei ein und demselben Medium arbeiten, werden künftig die Ausnahme sein.
Viele werden als Freie oder Selbstständige arbeiten. Das muss nicht immer ein Nachteil sein. Führende US-Journalismus-Universitäten bieten seit einigen Jahren Kurse in „Entrepreneurial Journalism“ an. Darin wollen sie Journalisten unternehmerisches Denken beibringen: Der „Entrepreneurial Journalist“ hat nicht nur möglichst viel Ahnung vom Journalismus, sondern auch davon, wie er sich selbst am besten verkauft, sich zur journalistischen Marke macht.
Denn wer das schafft, wer unter seinem Namen in der Branche eine bestimmte Bekanntheit, vielleicht sogar Berühmtheit erlangt, der muss nicht für Hungerlöhne arbeiten. Er kann sich seine Auftraggeber aussuchen und die Preise, die er für seine Geschichten verlangt, auf Augenhöhe mit ihnen aushandeln.
„Ist der Journalismus am Ende? – Ideen zur Rettung unserer Medien“ fragt unser Autor Reinhard Christl in seinem neuen Buch, das im Falter-Verlag erschienen ist. NEWSROOM verlost drei Exemplare.
6. Keine Angst vor Technik!
Wer Freude an Technik hat, dem bietet der neue Journalismus deutlich mehr Möglichkeiten als der traditionelle.
Journalisten, die gern mit technischen Gadgets spielen, die gern neue Apps oder neue Software ausprobieren, haben die Chance, dieses Hobby zu einem interessanten und höchst einträglichen Job zu machen. Auf diese Art entstanden etwa in den vergangenen Jahren viele neue Formen des Data Journalism oder des Video-Journalismus. Künftig werden es noch mehr sein.
7. Erfinden Sie den Journalismus neu!
In 20 Jahren wird es neue Formen des Journalismus geben, die wir uns heute noch nicht einmal vorstellen können, neue Technologien, neue multimediale Darstellungsformen, neue Online-Medien. Auch neue Printmedien übrigens.
Die heute 50-Jährigen werden diese Medien eher nicht mehr erfinden. Aber für Junge bieten sich tolle Möglichkeiten, Neues auszuprobieren. Am besten wohl, indem sie sich selbstständig machen. Wer also über ein wenig Risikobereitschaft und Unternehmergeist verfügt, der sollte diese Option zumindest ins Auge fassen.
Dieser Beitrag ist zuerst in der Fachzeitschrift "Der Österreichische Journalist" erschienen. Hier können Sie Ihr persönliches Exemplar bestellen.
8. Gehen Sie ins Ausland!
So wie jeder österreichische Fußballer das Ziel haben muss, irgendwann einmal in der deutschen Bundesliga zu spielen, sollte jeder junge Journalist irgendwann ins Ausland gehen, zum Beispiel von Österreich nach Deutschland oder von Deutschland in die Schweiz oder von der Schweiz nach Österreich. Denn wie im deutschen Fußball gibt es auch im deutschen Journalismus andere, bessere, vielfältigere Möglichkeiten als im österreichischen. In Deutschland wird professioneller gearbeitet, einfach deshalb, weil der Markt zehnmal so groß ist und deshalb zehnmal so viel Geld zur Verfügung steht.
9. Verkriechen Sie sich nicht im Internet!
Viele Junge glauben, die journalistische Arbeit, vor allem das Recherchieren, spiele sich heutzutage vor allem im Internet ab. Dort finde man alles, was es zu wissen gibt. Das stimmt nicht.
Wer wirklich Neues herausfinden will, findet im Internet gar nichts. Für den sind sein Telefon und seine persönliche Adressenliste viel wichtiger. Das Neue erfährt man auch in Zukunft fast immer von Menschen. Deshalb ist recherchieren auch in Zukunft eine Sache des Redens, des Fragens, des Kommunizierens. Auch ein Journalist der neuen Schule muss möglichst viele Leute kennen, möglichst gute Informanten finden, möglichst fruchtbare Kontakte pflegen.
Deshalb sollte er mindestens so viel Zeit bei Veranstaltungen, Tagungen und im Kaffeehaus verbringen wie im Netz.
10. Vergessen Sie nicht auf die traditionellen Werte!
Bei aller Begeisterung für Multimedia, neue Geschäftsmodelle und selbstgedrehte Videos: Nicht alles im Journalismus wird anders durch Internet und neue Technologien.
Die traditionellen Werte und Tugenden des klassischen Journalismus gelten auch in der multimedialen Welt. Auch in Zukunft werden sich gute Journalisten von schlechten dadurch unterscheiden, dass sie besser und länger und intensiver recherchieren. Werden die Leser und User gut geschriebene Texte zu Ende lesen, während sie aus schlechten nach fünf oder 50 Zeilen aussteigen.
Auch in Zukunft sind moralische Integrität und absolute Unbestechlichkeit unabdingbare Voraussetzungen für jeden guten Journalisten. Und auch künftig gilt: Wer vor allem viel Geld verdienen will und sich um moralische Anforderungen nicht schert, der ist in anderen Branchen besser aufgehoben.
Deswegen ist und bleibt der letzte Ratschlag auch in Zukunft der wichtigste.
Reinhard Christl
Zum Autor: Reinhard Christl ist Leiter des Instituts für Journalismus der FH Wien und war 14 Jahre lang Journalist. Ab Herbst leitet er das Department Wirtschaft mit Schwerpunkt Medien der FH St. Pölten. Der Beitrag ist zuerst im "Österreichen Journalist" erschienen.
Mehr zu diesem Thema in dem neuen Buch „Ist der Journalismus am Ende? – Ideen zur Rettung unserer Medien“ von Reinhard Christl (Falter Verlag, Wien 2012). Das Buch ist ein Plädoyer für mehr Optimismus und Selbstbewusstsein im Journalismus und richtet sich an Journalisten, Chefredakteure, Medienmanager, Journalismus-Studierende, aber auch an Verleger und Medienkonsumenten, die hinter die Kulissen des Journalismus blicken wollen.
Verlosung
Wir verlosen drei Exemplare von "Ist der Journalismus am Ende? - Ideen zur Rettung unserer Medien". Wer ein Buch gewinnen möchte, schreibt uns bitte eine E-Mail mit Namen und Postanschrift und dem Stichwort "Reinhard Christl" an redaktion@journalistenpreise.de. Einsendeschluss ist Samstag, 7. Juli 2012, 24 Uhr. Die Gewinner werden benachrichtigt, der Rechtsweg ist wie immer ausgeschlossen.