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KI im Journalismus: Karrierecoach Attila Albert über Verunsicherung und neue Chancen

KI im Journalismus: Karrierecoach Attila Albert über Verunsicherung und neue Chancen Attila Albert

Künstliche Intelligenz verändert die Medienbranche grundlegend – von redaktionellen Abläufen bis zu Geschäftsmodellen. Albert zeigt, vor welchen Herausforderungen Medienschaffende stehen und welche Perspektiven sich im Wandel eröffnen.

Berlin –  Für jeden Berufstätigen ist es eine Versuchung, werktags seine Arbeit zu erledigen und sich vor allem mit dem zu beschäftigen, was an kleinen und großen Herausforderungen eben gerade so anliegt. So vergehen die Monate und Jahre, und über die Frage, wie es für einen eigentlich langfristig weitergehen soll, denkt man nur gelegentlich nach. Zwar gibt es Unterbrechungen, wenn sich die persönlichen Umstände verändert haben oder man – aus eigenem Antrieb oder gezwungenermaßen – eine neue Stelle sucht. Aber bald ist man wieder zurück in seinem Alltag und insgeheim auch froh, dass man sich nicht weiter mit etwas beschäftigen muss, was unklarer und unsicherer denn je erscheint: die eigene Zukunft.


Die Medienbranche war in den vergangenen vier Jahrzehnten fortlaufend Umbrüchen ausgesetzt, die ihre Angebote und Geschäftsmodelle immer wieder in Frage gestellt haben. Für die älteren Medienprofis begann das mit der Zulassung der privaten Radio- und Fernsehsender in Deutschland, die zu neuen Konkurrenten für die Öffentlich-Rechtlichen, aber auch für Kaufzeitungen und Magazine wurden. Wer im mittleren Alter ist, setzt den Umbruch für sich mit dem Aufstieg des Internets und der Online-Medien an, gefolgt von dem der Mobilgeräte, Video- und Social-Media-Apps. Nun sind es die Anwendungen der Künstlichen Intelligenz (KI), die wiederum das bisher Sichere und Gewohnte angreifen.

 

KI ist bereits Teil der meisten Redaktionen

Bei allen Schwächen hat sich KI inzwischen breit etabliert. Je nach Anwendung ist sie heute bereits recht gut darin, Informationen zusammenzutragen, zu ordnen und zu bewerten. Sie kann redaktionelle Entscheidungen treffen, Texte im gewünschten Stil schreiben – und das sekundenschnell –, sogar dazu passende Abbildungen erzeugen. Auch die Ausspielung und Nutzung der Beiträge wird zunehmend von KI kontrolliert, was Einfluss auf Abo-Abschlüsse und Anzeigeneinnahmen hat. Wie bei allen technologischen Entwicklungen ist davon auszugehen, dass sie zudem fortlaufend besser und billiger wird. Für Medienprofis stellt sich daher die Frage: Was bleibt dann noch für mich?

 

Ganz ähnliche Gedanken machen sich aber auch Berufstätige vieler anderer Branchen, etwa in der Kommunikation (Marketing, PR), die bisher als naheliegende Alternative für Journalisten galt, aber auch bei den Technologiekonzernen selbst. Wer in diesen Tagen durch LinkedIn scrollt, sieht viele Marketingleiter, Pressesprecher und Projektmanager, die ihren Job verloren haben und nun eine neue Aufgabe suchen. Häufig hat KI bei den Unternehmen bisher gar nicht viel effizienter gemacht oder gar automatisiert, dient aber als willkommene Erklärung für Stellenabbau. Bestimmte Aufgaben werden einfach den verbleibenden Mitarbeitern zusätzlich übertragen oder gar nicht mehr erledigt, um Kosten zu sparen, bei Bedarf werden die Standards und Qualitätsansprüche gesenkt.

 

Viele Möglichkeiten für den weiteren Berufsweg

Der Blick auf frühere technologische Umbrüche zeigt ein vielschichtiges Bild und legt nahe: Berufstätige haben die verschiedensten Möglichkeiten, mit ihnen umzugehen; sie können dabei zu einem großen Grad ihren persönlichen Neigungen und Interessen folgen. Einige werden ihren weiteren Berufsweg auf die neue Technologie ausrichten und sich tiefer mit ihren technischen oder betriebswirtschaftlichen Aspekten beschäftigen (z. B. Entwicklung redaktioneller Produkte auf KI-Basis, Integration ins CMS, Automatisierung von Abläufen, Schulung von Mitarbeitern). Speziell für Medienprofis mit diesem Interesse empfehlen sich dafür klassische IT- und BWL-Weiterbildungen als CAS oder MAS.

 

Andere werden dagegen komplementäre Berufswege einschlagen, also gerade abseits der KI erfolgreich sein (z. B. als Investigativjournalist, Texter oder Strategieberater). Das heißt nicht, dass sie nicht auch ausgewählte KI-Anwendungen nutzen, beispielsweise für die Recherche oder die Erstellung von Textgrundlagen. Aber ihre originäre Leistung liegt gerade in dem, was KI nicht kann, sondern eben nur sie als Mensch. Um das kompetent beurteilen zu können und keinen Illusionen nachzuhängen, muss man KI aber in den Grundzügen verstehen und kennen. Hier sind spezialisierte Anwenderkurse sinnvoll, um zu entscheiden, was man zukünftig selbst mit KI erledigen will und was gerade nicht.

 

Neugier und echtes Interesse am Neuen

Entscheidend ist dabei die persönliche Sicht auf Veränderungen und der praktische Umgang damit. Wer Umbrüche – inklusive auch mancher objektiven Verschlechterung – vor allem als fortlaufenden Abstieg sieht, wird sich immer dagegen wehren und verweigern, damit aber nicht die Veränderungen aufhalten, sondern nur selbst beruflich ins Abseits geraten. Wer dagegen prüft, wo sie einem möglicherweise Verbesserungen bringen und welche Chancen sich daraus ergeben, wird sie vielleicht nicht begeistert begrüßen, aber pragmatisch und zum eigenen Vorteil damit umgehen. Ein eher spielerischer Ansatz – sich die Dinge einfach einmal anschauen und für sich ausprobieren – führt da schon weit.

 

Immer braucht es dazu Neugier und echtes Interesse am Neuen. Statt schnellen Urteilen – was man selbst gut und schlecht findet, wie die Dinge sein sollten, auch wenn sie nicht so sind – viel Zuhören und Beobachten: Warum bevorzugen die Leser, Zuschauer bzw. Zuhörer und Anzeigenkunden nun dieses und nicht mehr jenes Angebot, was sehen sie darin, was man selbst bisher nicht sehen kann oder will? Die Perspektive eines Reporters ist hier für Medienprofis in eigener Sache nützlich: Eindrücke und Stimmen sammeln, die persönliche Meinung zurückstellen, erst später seine Schlüsse ziehen. Oft kann man dabei etwas lernen und verstehen, was einem bisher unbekannt oder fremd war.

 

Einige Jahre später hat sich mancher Trend schon wieder erledigt, anderes ist selbstverständlich geworden, das seinerzeit als fast undenkbar galt. Eine gewisse Leichtigkeit und Gelassenheit helfen dabei, nicht jede Aufregung mitzumachen, sondern bedacht zu erledigen, was eben getan werden muss, ansonsten aber sein Leben auch zu genießen, wenn gerade vieles mal wieder durcheinandergeht.

 

Zur vergangenen Kolumne: Karriere im Schatten der Partnerschaft

 

Zum Autor: Attila Albert (geb. 1972) begleitet Medienprofis bei beruflichen Veränderungen. Er hat mehr als 25 Jahre journalistisch gearbeitet, u.a. bei der Freien Presse, bei Axel Springer und Ringier. Begleitend studierte er BWL, Webentwicklung und absolvierte eine Coaching-Ausbildung in den USA.

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