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KI in Redaktionen: Was jetzt auf Medienprofis zukommt

KI in Redaktionen: Was jetzt auf Medienprofis zukommt Mediencoach Attila Albert (Foto: T. Ramsey)

KI-Tools wie ChatGPT verändern den Redaktionsalltag – und stellen viele vor neue Herausforderungen. Wird ihre Nutzung zur Pflicht? Welche Jobs sind gefährdet? Und lohnt sich Weiterbildung? Ein Überblick über die drängendsten Fragen von Attila Albert.

Berlin – Nach der großen Euphorie sind KI-Anwendungen inzwischen in vielen Medienhäusern zu einer neuen Selbstverständlichkeit geworden. Einerseits werden sie kritischer bewertet – etwa wegen Verstößen gegen redaktionelle Standards (z. B. von der KI erfundene Ereignisse und Zitate oder KI-generierte Bilder von nicht existierenden Menschen). Auch die versprochene Zeit- und Kostenersparnis stellt sich nicht immer ein. Andererseits drängen die Arbeitgeber verstärkt zur KI-Nutzung. Beispielhaft Springer-Chef Mathias Döpfner: „Bei uns muss sich keiner dafür rechtfertigen, dass er für Artikel, Präsentationen, Reden – was auch immer – künstliche Intelligenz genutzt hat. Rechtfertigen muss sich nur, wer sie nicht nutzt.“


„Was heißt das für meine berufliche Zukunft?“, fragen sich entsprechend viele Medienprofis, die sicher schon ChatGPT und ähnliche Anwendungen ausprobiert haben, aber eigentlich andere Vorstellungen von redaktioneller Arbeit hatten. Eine weit verbreitete Sorge ist zudem, den Arbeitsplatz zu verlieren, weil zukünftig vieles automatisiert erledigt werden soll. Hier Einschätzungen zu häufigen Fragen rund um KI in der Redaktion:


Wie viel wird sich durch KI wirklich verändern?
Wie bei jeder neuen Technologie waren die Einschätzungen von KI anfangs völlig übertrieben – entweder utopisch oder apokalyptisch. KI-Anwendungen werden wohl nicht „praktisch jeden menschlichen Job ersetzen“, wie ein Berater kürzlich behauptete – schon deshalb nicht, weil viele Berufsfelder ihren Platz außerhalb von Büros und abseits von Computern haben. Gleichzeitig sollte sich niemand an die Hoffnung klammern, dass KI wegen ihrer bisherigen Mängel (z. B. Fehlerquoten, umständliche, teure Implementierung in den Unternehmen bei oft fragwürdigem Nutzen) bald wieder verschwinden wird. Die Bewertungen werden differenzierter werden, die Anwendungen technisch besser.


Werden Stellen wegen KI-Anwendungen gestrichen?
Die meisten Arbeitgeber bemühen sich, diesem naheliegenden Eindruck entgegenzuwirken, und erklären, man wolle die Mitarbeiter mittels KI „entlasten“ und ihnen mehr Zeit „für höherwertige Aufgaben“ verschaffen. Vor allem ginge es darum, Routineaufgaben zu automatisieren. Hier darf man skeptisch sein: Wegen des hohen Kostendrucks wird wahrscheinlich jede Chance genutzt werden, Stellen einzusparen – teilweise geschah das schon, bevor die KI implementiert war und fehlerfrei lief. Meist wird die KI als optimale „Hilfe“ eingeführt – die Nutzung bald aber verpflichtend. Für Medienprofis bedeutet das, dass sie diese Entwicklung einkalkulieren und sich entsprechend positionieren sollten.


Für welche Medienprofis ist KI eine besondere Bedrohung?
Im redaktionellen Umfeld sind Anwendungen der sogenannten generativen KI besonders üblich. Diese Programme erzeugen automatisch Text aus Vorlagen wie Agenturmeldungen, anderen Medienberichten oder Tabellendaten (Sportergebnisse, Börse, Wetter). Auch das Erstellen von Textvarianten, etwa für Teaser oder den Newsletter, kann ein „KI-Assistent“ weitgehend vorbereiten oder direkt selbst erledigen. Wer bisher vor allem mit derartigen Aufgaben befasst ist – etwa als Redakteur für Aktuelles, den Newsletter oder Social Media –, verliert daher wahrscheinlich. Die KI arbeitet hier wesentlich schneller und günstiger, wenn auch nicht immer fehlerfrei oder stilistisch originell wie ein Mensch.


Wie kann man auch im KI-Zeitalter erfolgreich bleiben?
Dafür bieten sich, je nach persönlicher Eignung und Interesse, drei Grundrichtungen an:
1. Originäre Inhalte produzieren, die also mehr als Content-Wiederverwertung sind (z. B. als Reporter, Redakteur mit besonderer Fachkompetenz, Rechercheur). Das erlaubt, sich von der Masse abzusetzen und zu profilieren.

2. Als Experte für die Implementierung und Nutzung von KI (z. B. als Projektleiter, Produktentwickler, Berater). Hier kommen Fähigkeiten zum Tragen, die viele klassische Journalisten nicht haben.
3. Mindestens als professioneller Anwender der KI-Lösungen, die im Unternehmen implementiert werden. Wer sich der neuen Technologie dagegen verweigert, macht sich langfristig überflüssig.


Welche KI-Weiterbildungen bringen einen weiter?
Kurze, anwendungsorientierte Weiterbildungen (z. B. eine Einweisung in die Nutzung von ChatGPT oder des KI-Assistenten im Redaktionssystem) sind für den beruflichen Alltag nützlich – die eigene Karriere fördern sie aber kaum, dafür sind sie zu oberflächlich und austauschbar. Hierfür braucht es eine spezialisierte berufsbegleitende Weiterbildung über mindestens drei bis fünf Monate, die wahlweise einen strategischen, konzeptionellen, technischen oder organisatorischen Fokus hat. Wichtig: Definieren Sie immer erst Ihr nächstes berufliches Ziel – und entscheiden Sie danach, ob es dafür eine Weiterbildung braucht und wenn ja, welche. Das erspart zeitliche und finanzielle Fehlinvestitionen.


Wie sollten Medienprofis generell mit KI umgehen?
Das Versprechen von KI an Unternehmen, Kosten zu senken und neue Umsatzquellen zu erschließen, adressiert existenzielle Bedürfnisse der Medienbranche. Daher gehört sie zu denjenigen, die sich bereits früh mit KI beschäftigt und sie genutzt haben. Zudem eignen sich die aktuell besonders populären KI-Anwendungen hervorragend für redaktionelle Aufgaben – insbesondere für Recherche, Textauswertung und -erstellung. Medienprofis, die bisher noch wenig oder gar nicht mit KI in Berührung gekommen sind, sollten sich daher im Detail mit ihr beschäftigen – mit einem professionellen Blick, wie sie die neue Technologie für ihre Arbeit nutzen könnten (z. B. auch im Vergleich zur bisherigen Google-Nutzung).


Welche Chancen bietet KI für eine Selbstständigkeit?
Grundsätzlich dieselben genannten drei Richtungen wie für Angestellte. Dabei werden sich die meisten auf niederschwellige Angebote konzentrieren, die wenig technisches Vorwissen voraussetzen: über KI reden (z. B. als Berater, Dozent, Trainer), anstatt eigene KI-Projekte zu konzipieren und umzusetzen. Im ersten Fall entscheidet dann eher das persönliche Netzwerk, ob man ausreichend viele Beraterstunden, Vorträge, Workshops usw. oder auch redaktionelle Beiträge zum Thema verkaufen kann. Auch hier gilt: Investieren Sie nicht zuerst in eine KI-Weiterbildung in der Hoffnung, daraus ein Geschäftsmodell ableiten zu können. Sondern: Planen Sie erst dieses – bilden Sie sich danach bedarfsweise weiter.

 

Zur vergangenen Kolumne: Kompletter Berufswechsel

 

Zum Autor: Attila Albert (geb. 1972) begleitet Medienprofis bei beruflichen Veränderungen. Er hat mehr als 25 Jahre journalistisch gearbeitet, u.a. bei der Freien Presse, bei Axel Springer und Ringier. Begleitend studierte er BWL, Webentwicklung und absolvierte eine Coaching-Ausbildung in den USA.

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