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Wenn Zustimmung in die Irre führt: Warum KI kein guter Ratgeber ist

Wenn Zustimmung in die Irre führt: Warum KI kein guter Ratgeber ist Attila Albert

Karrierecoach Attila Albert warnt vor einem verbreiteten Problem im Umgang mit Feedback: Wer sich auf bestätigende Stimmen verlässt – ob von Menschen oder KI –, riskiert Fehlentscheidungen.

Berlin – In persönlichen Interaktionen werden die meisten misstrauisch, wenn ihnen jemand immer wieder bestätigt, dass sie sich keinesfalls irren, alles richtig machen und – wenn trotzdem etwas schiefgelaufen ist – nur andere schuld daran sein können. Schmeichelei streichelt das Ego und tröstet für den Moment. Aber jedem ist klar, dass einen das mittelfristig in die Irre führt: Man schätzt sich falsch ein und wird in seinen Fehlern noch bestärkt. Bei Ratschlägen von wohlgesinnten, aber in der speziellen Frage nicht kompetenten Menschen fällt es schon schwerer, das richtig einzuordnen und besser nicht anzunehmen: Sie meinen es ja gut.


So sollte beispielsweise ein Medienprofi, der überlegt, sich selbstständig zu machen, dazu nicht seine Eltern befragen, wenn diese immer angestellt waren und generell lieber nichts riskieren. Sie werden – von ihren Überzeugungen ausgehend und mangels Erfahrung auf diesem Gebiet – wahrscheinlich abraten, auch wenn dieser Rat gar nicht zum Fragesteller passt. Er wird einleuchtend klingen („Willst du denn wirklich riskieren, was du dir schon aufgebaut hast?“, „Gerade in diesen Zeiten sollte man vorsichtig sein …“), aber eben doch nicht hilfreich sein. Ein Gründer wäre hierfür der bessere Gesprächspartner.

 

Ähnlich verhält es sich im Privaten. Beziehungstipps sollte man sich z. B. nicht bei der besten Freundin holen, wenn diese nur kurze Beziehungen kennt und gerade wieder allein ist, sondern von jemandem, der lange und glücklich verheiratet ist. Aber da zeigt sich der Knackpunkt: Die beste Freundin aus dem Beispiel wird einem bestätigen, dass man „ein ganz toller Mensch“ ist, der „jemand viel Besseres verdient“ habe. Der verheiratete Ratgeber wird möglicherweise empfehlen, nicht nur gedanklich Wunschlisten durchzugehen, sondern auch an sich zu arbeiten, sich mehr für andere zu interessieren und einmal zu entscheiden.

 

KI bestätigt 49 Prozent häufiger als Menschen

KI-Chatbots, inzwischen ein bevorzugter Gesprächspartner und Ratgeber der Jüngeren, neigen noch stärker zu Schmeichelei und Inkompetenz. KI-Anwendungen wie ChatGPT, Gemini, DeepSeek oder Claude geben ihren Nutzern 49 Prozent häufiger recht, als es Menschen tun würden. Sie bestätigen auch fragwürdige oder eindeutig falsche Ansichten und Verhaltensweisen, weisen ihre Nutzer standardmäßig nicht auf Fehler hin und ersparen ihnen unangenehme Rückmeldungen. Das ergab eine Studie von Wissenschaftlern der Stanford-Universität, die kürzlich in „Science“ veröffentlicht wurde. Folge: Die Fragesteller fühlen sich in ihrem Irrtum noch bestätigt, werden rechthaberisch und selbstgerecht. (Auf Sachfragen geben KI-Anwendungen, je nach Gebiet, bis zu 80 Prozent falsche Antworten.)

 

Bei Führungskräften, die nicht entsprechende Vorsorge getroffen haben, können Mitarbeiter oft vergleichbare Tendenzen beobachten: Sie umgeben sich mit Ja-Sagern, weil sie diese für ihre Unterstützer halten, verlieren dadurch mit der Zeit ein wenig den Realitätskontakt und treffen auf dieser Basis sonst vermeidbare Fehlentscheidungen. Aber diese Tendenz – von anderen bestätigt werden zu wollen – wohnt jedem inne. Die tiefsitzenden Wünsche nach Anerkennung, Bestätigung und Geborgenheit lassen sich auch nicht einfach per Willenskraft verdrängen, aber man kann ihnen auf andere, geeignete Weise nachkommen. Daraus ergeben sich folgende vier Kriterien für gute Ratgeber:

 

1. Ehrlichkeit: Ihr Ratgeber sagt Ihnen offen, wie er Sie und Ihre Lage einschätzt, auch wenn diese Rückmeldung („Feedback“) für beide nicht angenehm ist.

2. Offenheit: Er kann seine eigenen Ziele, Werte und Wünsche hintanstellen und sich für das Gespräch auf das einlassen, das Ihnen wichtig ist.
3. Kompetenz: Er kennt sich inhaltlich ausreichend auf dem Gebiet aus, um das es Ihnen geht, und verweist Sie ansonsten an einen anderen Experten.
4. Empathie: Er nimmt Rücksicht auf Ihre Gefühle, ist respektvoll und mitfühlend. Sie fühlen sich gut aufgehoben und sind daher bereit, den Rat anzunehmen.

 

Einzelne berufliche oder private Entscheidungen können jahrelange Konsequenzen nach sich ziehen, manchmal sogar das ganze Leben in eine neue Richtung lenken. Daher wollen sich die meisten absichern – und fragen andere, um sich zu informieren und oft auch, um die Verantwortung zu teilen: „Was würdest du an meiner Stelle tun?“. Gute Ratgeber (z. B. ein Mentor aus der Branche) können innere Blockaden auflösen, Entscheidungen erleichtern und beschleunigen, zudem dabei helfen, vorhandene Ressourcen zielführend einzusetzen und Fehler zu vermeiden. So „überlegt“ man nicht ewig und verliert Zeit und Chancen, sondern trifft überlegte Entscheidungen – und handelt dann entsprechend.

 

Zur vergangenen Kolumne: KI im Journalismus

 

Zum Autor: Attila Albert (geb. 1972) begleitet Medienprofis bei beruflichen Veränderungen. Er hat mehr als 25 Jahre journalistisch gearbeitet, u.a. bei der Freien Presse, bei Axel Springer und Ringier. Begleitend studierte er BWL, Webentwicklung und absolvierte eine Coaching-Ausbildung in den USA.

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