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Der Wissenschaftserklärer: Harald Lesch wird 60

Der Münchner Physikprofessor Harald Lesch erklärt in seinen TV-Sendungen und auch auf Youtube die Welt der Wissenschaft knapp, verständlich, philosophisch − und enthusiastisch.

München (dpa) − Die Hände zeichnen in großen Bögen die Bahnen von Elektronen, weisen ausgestreckt in die Weite des Universums − oder zeigen mit den Fingern den Moment geballter Energie während des Urknalls. Selbst wer inhaltlich doch mal aussteigt bei den Erläuterungen über die physikalischen Wunder der Welt, den hält Harald Lesch immer noch mit seiner Gestik und seiner Präsenz im Bann.

 

Sein Video zu Corona ging mit 6,6 Millionen Abrufen auf Youtube durch die Decke, aber selbst unter dem trockenen Titel „Quantenmechanik“ − „die Theorie, von der die Physiker selber sagen: man kann sie nicht verstehen“ − lockte er fast 1,9 Millionen Nutzer. Am 28. Juli wird er 60 Jahre alt.

Der Astrophysiker, Philosoph, Wissenschaftsjournalist und „Senior-Influencer“ bringt per TV und Youtube hochkomplexe Themen wie Teilchenphysik mit teils unterhaltsamen Titeln wie „Gibt es Zufall“ in deutsche Wohnzimmer. Millionen-Aufrufe bekam er auch mit „Sind wir allein im Universum?“ − Thema seines Vortrags zur Habilitation 1994. Dabei spart er weder den philosophischen noch den politischen Part aus. Hieß der Slogan bei den 68ern „das Private ist politisch“, wird bei Lesch klar: Die Wissenschaft − auch die Physik − ist politisch.

 

„Wissenschaft ist eine Sache der Polis, sie gehört auf den Marktplatz. Sie sollte sich keinesfalls in Laboratorien verstecken. Sie hat sogar die Verpflichtung, sich so zu zeigen. Dafür zahlt die Gesellschaft die Wissenschaft ja“, sagt Lesch der Deutschen Presse-Agentur.

 

So meldet sich der vielfach ausgezeichnete Professor für Physik an der Ludwig-Maximilians-Universität München und Lehrbeauftragte für Naturphilosophie an der Hochschule für Philosophie immer wieder auch politisch zu Wort, etwa als Mitglied des Bayerischen Klimarates. Vor einigen Jahren nahm Lesch das Wahlprogramm der AfD auseinander, die eine menschengemachte Erderwärmung infrage stellt. Als er dann Hassmails bekam, konterte er mit einer Analyse zur Psychologie des Hasses.

 

Der gläubige Protestant, der sich Gott als „älteren Herrn in Cordhosen“ vorstellt, spürt auch der Frage nach: „Gibt es einen Gott?“ Und wie passt der in eine Welt der Wissenschaft? Man könne viel lernen von denen, die an Gott glauben, lautet sein Resümee, und: „Wenn es ihn nicht gibt, dann sollte man ihn erfinden.“

 

Ursprünglich wollte Lesch nicht nur Sterne beobachten, sondern selbst zu ihnen zu fliegen. Traumberuf Astronaut: Schriftlich bewarb er sich bei der Nasa. Die US-Raumfahrtbehörde sagte freundlich ab − der Bewerber war erst neun Jahre alt. Gut eine Woche vor Leschs neuntem Geburtstag war die Apollo 11 auf dem Mond gelandet. „Ich war damals das, was man heute einen Nerd nennt“, sagt Lesch über sich. Vor allem die Science-Fiction-Serie „Perry Rhodan“ hatte es ihm angetan. „Da habe ich zum ersten Mal etwas von Neutronensternen gelesen.“ Unglaublich schwer auf kleinstem Raum − die Faszination der masse- und energiereichen Sterne lässt ihn bis heute nicht los.

 

Den Eltern im heimischen Gießen wäre es lieber gewesen, der Sohn hätte etwas Handfestes gelernt. Elektroingenieur etwa, hatte sich doch der Vater erfolgreich vom Landwirt zum Starkstromelektriker hochgearbeitet − in gewisser Weise auch das freilich eine physikalisch bedingte Arbeit. Nicht ganz technikfern entwickelte sich auch Leschs Sohn, er arbeitet als Ingenieur für erneuerbare Energien.

Seine Medienkarriere begann Lesch 1998 beim Sender BR-alpha mit den Sendungen „Alpha Centauri“ und „Die Physik Albert Einsteins“. Dann moderierte er beim ZDF zunächst „Abenteuer Forschung“, später in „Leschs Kosmos“ umbenannt. Trotz der späten Sendezeit gegen 23.00 Uhr erreicht er damit ein Millionenpublikum. Seit 2009 führt er unter anderem durch die Terra X-Reihe „Faszination Universum“. Daraus entstand auch der Video-Kanal Terra X Lesch & Co bei Youtube.

 

Anfangs habe er sich dagegen gewehrt. „Ich habe gesagt: Ich bin 55! Ich bin doch kein Youtuber.“ Und schon gar kein Influencer. „Ich dachte immer, das sind Leute, die Klamotten bewerben oder irgendwelche Bilder verteilen.“ Inzwischen findet er Gefallen daran. Es sei „anarchischer“, denn „man kann sich mit einem Thema auch mal schnell beschäftigen“. Hinsetzen, losreden. „Ich bin Pädagoge vom Scheitel bis zu Sohle.“ Schon früh habe er alle möglichen Dinge erklärt − auf Bierdeckeln, Servietten und Tischdecken.

 

Das Ambiente der Sitzungen: Den 1970er Jahren entliehen. Im Hintergrund läuft ein Röhrenbildschirm mit dem Bildschirmschoner „Starfield Simulation“, der ausschaut wie ein Blick aus dem Raumschiff Enterprise. Dazu ein Globus, auf dem die Jugend vor Internetzeiten Fernwehpläne schmiedete, und ein Bild der jüdischen Publizistin Hannah Arendt, die Lesch gern und oft zitiert. Man habe eben „alles zusammengekratzt, was meinem Alter entspricht“.

 

Die Youtube-Videos − vielleicht nur Appetizer. „Wenn mich eine Schulklasse auf der Straße anspricht, und sagt, sie guckt auch Leschs Kosmos, dann weiß ich: Ich bin auf dem richtigen Weg.“ Denn dort gebe es den tieferen Einblick. Sei der Fernseh-Beitrag die Königsdisziplin gegenüber Youtube, dann sei die Vorlesung im Hörsaal die „Kaiserdisziplin“. Direkter Kontakt: Unersetzlich.

 

Smartphone? Nichts für Lesch. „Ich habe ein uraltes Handy. Auf diese Weise bin nur selten online. So habe ich unglaublich viel Zeit, das zu machen, was ich will − und nicht das, was andere wollen.“ Man findet ihn nicht bei Instagram und Facebook − nur Fanseiten. „Ich schreibe immer noch lieber Bücher oder mache Fernsehprojekte.“

 

Derzeit arbeitet Lesch an einem Buch über Zeit: An einen Ort kann man zurückkehren, in eine Zeit nicht: „Die Zeit ist die Dimension der Veränderung.“ Und die spielt mit 60 eine Rolle. Zwischen 50 auf 60 lägen gefühlt mehr als zehn Jahre. Zeit wird knapper. Wie er den Runden nun feiert? Das planen gerade andere − er lässt sich überraschen. „Ich soll mich nicht drum kümmern.»