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Funke-Verlegerin Becker: Medien haben „den Osten“ zu lange als Sonderkategorie behandelt

Funke-Verlegerin Becker: Medien haben „den Osten“ zu lange als Sonderkategorie behandelt Julia Becker (Foto: Funke)

Die Verlegerin rechnet beim Stiftungstag der Brost-Stiftung mit der Berichterstattung der Branche ab – ohne dabei einen härteren Umgang mit der AfD infrage zu stellen.

Funke-Verlegerin Julia Becker hat die Medienbranche beim Stiftungstag der Brost-Stiftung auf Zeche Zollverein zu mehr Nähe zum Publikum und einem selbstkritischeren Blick auf die eigene Rolle aufgefordert. Sie diskutierte dort mit Eric Gujer, Chefredakteur der „Neuen Zürcher Zeitung“, über die Zukunft des Qualitätsjournalismus. Beckers zentrale Forderung: „Mit Menschen sprechen, anstatt über sie zu reden.“

 

Besonders ausführlich beschäftigte sich Becker mit der Berichterstattung über Ostdeutschland. Zu lange sei von „dem Osten“ gesprochen worden, als handele es sich um eine gesellschaftliche Sonderkategorie, so Becker. Ein westdeutsch geprägter Blick habe dazu beitragen können, dass sich Menschen dort nicht ausreichend verstanden fühlten. Funke ist seit fast drei Jahrzehnten mit drei regionalen Tageszeitungen in Thüringen vertreten; die dortigen Redakteurinnen und Redakteure kämen überwiegend aus der Region selbst, verwies Becker – Nähe bedeute für sie damit nicht nur geografische Präsenz, sondern auch Kenntnis der gesellschaftlichen Wirklichkeit vor Ort.

 

Aus dieser Kritik an der bisherigen Berichterstattung folge jedoch keineswegs ein weniger kritischer Umgang mit der AfD, betonte Becker: Sie plädierte dafür, Parteiprogramme genau zu prüfen, Widersprüche herauszuarbeiten und AfD-Politiker öffentlich mit kritischen Fragen zu konfrontieren. Auch „NZZ“-Chefredakteur Gujer kritisierte die bisherige Ostdeutschland-Berichterstattung und warf die Frage auf, warum Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung noch immer über dieselben Defizite gesprochen werde.

 

Becker warnte zudem davor, dass der Rückzug professioneller Redaktionen Räume für andere Akteure öffne: In Thüringen verwies sie auf Angebote aus dem Umfeld der AfD, die sich in ihrer Aufmachung journalistischer Formen bedienten. Professionelle Medien dürften sich aus solchen Räumen nicht zurückziehen. Als Beispiel für eine alternative Reichweitenstrategie nannte sie die kostenlosen Funke-Wochenblätter, die mehr als vier Millionen Haushalte in fünf Bundesländern erreichten und seit Ende August eine von Chefredakteur Jörg Quoos verantwortete Doppelseite mit politischen Inhalten enthielten. Darauf sei sie „sehr stolz“, so Becker.

 

Zum journalistischen Selbstverständnis allgemein positionierte sich Becker deutlich: Eigentümer sollten sich nicht in die redaktionelle Behandlung einzelner Themen einmischen, gleichzeitig müsse die Trennung zwischen Bericht und Meinung erkennbar bleiben. Journalismus habe die Aufgabe, eine verlässliche Faktenbasis für gesellschaftliche Debatten bereitzustellen – nicht, den Bürgern die daraus zu ziehenden Schlussfolgerungen vorzugeben. Gujer bezeichnete Glaubwürdigkeit als das „höchste Gut“ des Journalismus und mahnte, relevante Perspektiven nicht auszublenden: „Die Leser sind nicht dumm.“ Journalisten selbst beschrieb er selbstironisch als „Besserwisser von Beruf“ und forderte von der Branche mehr Demut.

 

 

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