Vermischtes
KNA – Steffen Grimberg

DW-Akademie diskutiert über Journalismus und generative KI

Auf einer Konferenz der DW Akademie diskutierten Experten, wie KI den Journalismus verändert. Zwischen Transparenz, Machtfragen und „Techno-Faschismus“ ging es um nichts weniger als die Zukunft von Vertrauen – und von Nachrichten.

Berlin (KNA) – Das Verhältnis von Journalismus und Künstlicher Intelligenz zu vermessen, ist aktuell so schwierig wie en vogue. Unter dem provokant-doppeldeutigen Titel „Breaking the News? – Globale Perspektiven auf die Zukunft des Journalismus im Zeitalter der KI“ diskutierten am 28. Januar in Berlin internationale Experten und Journalisten auf Einladung der Deutsche Welle Akademie Risiken und Nebenwirkungen, aber auch positive Herausforderungen und Ansätze.

 

„KI ist im traditionellen Sinne vielleicht keine Breaking News“, meinte Deutsche-Welle-Intendantin Barbara Massing zum Auftakt. Wie es der Konferenztitel aber treffend formuliere, könnte KI sehr wohl gerade dabei sein, das „zu zerbrechen“, was wir heute unter Nachrichten verstehen. In einer Welt, die von synthetischen Inhalten überflutet wird, werde Transparenz daher automatisch zu einem Führungsprinzip. „Sie bedeutet, offenzulegen, wie Journalismus funktioniert, wie Entscheidungen getroffen werden, welche Quellen genutzt werden und wo Technologien zum Einsatz kommen. Sie bedeutet, Methoden zu erklären, Unsicherheiten anzuerkennen und Fehler schnell und sichtbar zu korrigieren“, so Massing. Daher brauche es „konsistente Standards, konsistente Verifikation und konsistente Verantwortlichkeit“.

 

Vor dem Hintergrund der Verhältnisse in den USA forderte Courtney Radsch, Direktorin des Zentrums für Journalismus und Freiheit am Open Markets Institute aus Washington, D. C., zu gemeinsamen strategischen Anstrengungen über Länder- und Mediengrenzen hinweg auf. Trump und seine Regierung hätten das Orwell’sche Diktum „Traue nicht deinen Augen und Ohren. Glaube einfach, was die Partei dir sagt“ regelrecht übernommen, sagte Radsch: „Das ist ein autoritärer Angriff auf das Informationsökosystem“, denn es gehe nicht nur um eine Reihe isolierter Vorfälle oder einen einmaligen Angriff. „Es ist das Zusammenwirken autoritärer Politik und unternehmerischer technologischer Macht“ – für Radsch „Techno-Faschismus. Ich mag diesen Begriff nicht, aber es ist nun einmal das, was es ist.“

 

KI ist nicht politisch neutral

Es sei illusorisch zu glauben, generative KI sei politisch neutral. „Die Modelle und ihre Ausgaben spiegeln die Interessen ihrer Eigentümer und der Rechtsräume wider, in denen sie entwickelt werden.“ Das müssten Journalisten immer im Hinterkopf haben – gerade, wenn sie selbst KI bei ihrer Arbeit anwenden. „Wir haben gesehen, wie Elon Musk rassistische Propaganda-Memes über einen angeblichen ‚weißen Genozid‘ in Südafrika verbreitet oder rechtsextreme Politiker und Parteien in Deutschland unterstützt hat.“ Das unter chinesischen Governance-Vorgaben trainierte DeepSeek streike dagegen bei Fragen zu grundlegenden historischen Fakten: „Versucht zum Beispiel nicht, hier nach dem Tiananmen-Platz zu fragen“, so Radsch.

 

Journalismus sei die Institution, die „Macht mithilfe von Fakten zur Rechenschaft ziehen“ solle. „Und dennoch integriert er freiwillig große Sprachmodelle und KI-Chatbots in seine Prozesse, ohne die systemischen und ökonomischen Konsequenzen zu bedenken“, kritisierte die Juristin, die regelmäßig internationale Institutionen wie die UNO oder die EU berät. Dadurch werde Journalismus „strukturell verdrängt – genau in dem Moment, in dem er am unverzichtbarsten ist“.

 

Sie appellierte dafür, Journalismus als „Schlüssel-Spezies im Informationsökosystem“ zu verstehen: „Er stabilisiert Vertrauen, verankert Verifikation, strukturiert Verantwortlichkeit und ermöglicht, dass andere Institutionen funktionieren. Und wie alle Schlüsselarten hat er eine geringe funktionale Redundanz. Das heißt, er kann nicht durch eine andere Art ersetzt werden“ – und schon gar nicht durch die neue Spezies der „Newsfluencer“, so Radsch.

 

Vorhersagbare Fehler

Zur souveränen Arbeit mit KI gehört laut Radsch dabei auch, ihre Schwachstellen zu kennen und zu benennen. Hier ließen sich viele Medienschaffende aber von den KI-Unternehmen aufs Glatteis führen. „Ich will das Wort ‚Halluzinationen‘ nicht mehr hören – das sind vorhersagbare Fehler oder klare Lügengeschichten.“ Denn wenn KI-Systeme zunehmend mit synthetischen Daten oder Propaganda statt mit realitätsbasierter Berichterstattung trainiert würden, gerieten sie automatisch in solche Rückkopplungsschleifen. „Modelle lernen aus ihren eigenen Erfindungen, Fehler potenzieren sich“, als Konsequenz werde Wissen selbst destabilisiert. „Lasst uns darüber sprechen, was wirklich passiert, und übernehmt nicht den Jargon der KI-Industrie“, forderte Radsch.

 

Es gehe nicht darum, den Journalismus vor KI zu retten, sagte Radsch: „Es geht darum, zu entscheiden, ob sich Journalismus und KI symbiotisch entwickeln oder ob KI den Journalismus kannibalisiert und sich dabei selbst zerstört.“ Wesentlich dabei seien politische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen, die einerseits den bestehenden Rechtsrahmen durchsetzten und im Sinne der „Informations-Spezies“ Journalismus weiterentwickelten – und andererseits seine ausreichende Finanzierung absicherten. „Lasst euch nicht von der Drohung mit Zöllen durch eine Trump-Regierung davon abhalten, bestehendes Recht anzuwenden oder neues zu schaffen“, riet Radsch den rund 150 Teilnehmern der Tagung: „Denn es gibt Hoffnung. Journalismus kann ohne KI nicht überleben, und KI kann ohne Journalismus nicht überleben. Wir sitzen also im selben Boot.“

 

Individuelle Deals und Absprachen einzelner Medienunternehmen mit den KI-Konzernen führten hier aber nicht weiter, sondern ins Abseits, meinte der deutsche KI-Experte Matthias Spielkamp von der Organisation Algorithm Watch: „Publisher, die Deals mit den großen Plattformen machen – das nenne ich Stockholm-Syndrom“, sagte Spielkamp.

 

„Nato for News“ gefordert

Es brauche eine „Nato for News“, eine Nato für Nachrichten, um aus diesem Dilemma herauszukommen, meinte in Berlin der frühere BBC-News-Entwicklungsdirektor Madhav Chinnappa, der mehrere Jahre bei Google die Sparte „News Ecosystem Development“ leitete und daher in der Branche nicht unumstritten ist. Laut Chinnappa, der aktuell als Fellow am Reuters Institute der Universität Oxford forscht, müssten sich Verlage und Medienunternehmen auf mindestens nationaler Ebene zusammenschließen, um genügend Marktmacht bei Lizenzierungsverhandlungen mit den großen KI-Plattformen mitzubringen.

 

Dabei gehe es nicht mehr um Inhalte, Website-Traffic oder Copyright, sondern um „Access“, also den Zugang an sich. Unverzichtbar seien dabei klare Kriterien, wer hier wozu berechtigt sei, sowie Transparenz auf allen Ebenen. „Dabei muss der Fokus klar auf langfristige Ziele gelegt werden“, so Chinnappa – aktuell zähle überall aber nur „short term success“.

 

Und selbst wenn sich das alles umsetzen ließe, merkte der ehemalige Google-Mann selbstkritisch an, sei das „nur die am wenigsten schreckliche Variante“. Außerdem, so Chinnappa, „finde ich den Slogan ‚Nato for News‘ schrecklich – wer einen besseren hat, her damit“.

 

 

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