Vermischtes
Newsroom

Eric Gujers Abschied als NZZ-Chefredakteur: Eine kritische Bilanz

Eric Gujers Abschied als NZZ-Chefredakteur: Eine kritische Bilanz Eric Gujer (Foto: NZZ)

Gujer gibt Anfang Februar 2027 die Chefredaktion der „Neuen Zürcher Zeitung“ ab. Der Publizist bleibt dem Verlag als Herausgeber für Deutschland erhalten. Markus Wiegand beleuchtet seine Erfolge und seinen umstrittenen Führungsstil.

Zürich – War Eric Gujer ein guter NZZ-Chefredakteur? Ja und Nein. Nach zehn Jahren im Amt verkündete die alte Dame, wie das Blatt in der Schweiz genannt wird, den Abschied des alten Haudegens an der Spitze, der künftig allerdings noch Herausgeber in Deutschland bleibt.

 

Gujer darf für sich in Anspruch nehmen, einer der wenigen Publizisten in der Schweiz zu sein, dessen Wort im Nachbarland und darüber hinaus Gewicht hat. Zudem zählt er zu den Architekten der erfolgreichen Deutschland-Expansion der „Neuen Zürcher Zeitung“, schreibt Chefredakteur Markus Wiegand im aktuellen „kress pro“ und weiter: 

 

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass intern nicht wenige aufatmen, weil Gujer die Leitung abgibt. Der NZZ-Chef legte in der Vergangenheit ein ungewöhnlich autoritäres Amtsverständnis an den Tag. Als wir vor fünf Jahren für eine Recherche intern Stimmen einholten, war das Bild so desaströs, wie wir es in zwanzig Jahren Medienjournalismus nur ganz selten erlebt haben. Selbst Weggefährten und Redakteure, die Gujer gefördert hatte, mochten dem Eindruck nicht entgegentreten, dass der Chefredakteur in der Redaktionsleitung sehr harsch bis herrisch agierte. Ziemlich ungewöhnlich für eine Publikation, die stolz auf ihre liberale Tradition ist.

 

Eines ist sicher: Widerspruch auszuhalten gehört nicht zu Gujers hervorstechenden Eigenschaften. Auch bei kritischer Berichterstattung zeigte er sich verschiedentlich ungewöhnlich dünnhäutig. Wir dürfen eine persönliche Anekdote einpflechten. Vor mehr als zehn Jahren stellten wir Gujer für den „Schweizer Journalist“ verschiedene kritische Fragen zu seiner, wie wir fanden, merkwürdigen Doppelrolle als Journalist und zu seinen Mitgliedschaften in verschiedenen sicherheitspolitischen Organisationen. Außerdem trat Gujer als Experte bei der Ausarbeitung des Nachrichtendienstgesetzes auf. Möglicherweise ist es nicht die beste Idee, als Journalist Organisationen zu beraten, über die man berichtet.


Ungewöhnlich: Gujer intervenierte persönlich und rief an. Als klar wurde, dass seine Argumente nicht durchdrangen, machte er deutlich, dass Juristen unsere Berichterstattung genau unter die Lupe nehmen würden.

 

Und so bleibt bei dem wortgewaltigen Chefredakteur auch der Eindruck, dass das Vermögen zur Selbstreflexion ein bisschen unterentwickelt ist. Ein weiterer Beleg: Es war in der Redaktion und auch in Führungskreisen des Hauses jahrelang ein Thema, dass seine Frau an zentraler Stelle ebenfalls in der Redaktion arbeitete. Gujer mochte darin keinen Interessenkonflikt erkennen. Eine Haltung, die er auch intern ziemlich exklusiv hatte.

 

Must-Reads im neuen „kress pro“:

  • 22 KI-Lösungen, die Medien besser machen: Von automatisierten Recherchen in Datenquellen bis zu cleveren Ansätzen in der Vermarktung. Wie führende Häuser arbeiten. 
  • Plus: Was KI-Profi Christoph Mayer Medienhäusern jetzt strategisch rät.
  • Fachmedien. Wie Carsten Wagner mit dem VKU-Verlag in sechs Jahren um 70 Prozent gewachsen ist. 
  • Print im Fokus. Warum die „Kleine Zeitung“ aus Österreich auf ein eigenes Team setzt.

 


Sie möchten aktuelle Medien-News, Storys und Praxistipps lesen – und sich über Jobs, Top-Personalien und Journalistenpreise aus Deutschland informieren? Dann abonnieren Sie jetzt unseren kostenlosen Newsletter.


Sie haben Personalien in eigener Sache oder aus Ihrem Medienhaus? Oder ist Ihnen in unseren Texten etwas aufgefallen, zu dem Sie sich mit uns austauschen möchten? Dann senden Sie Ihre Hinweise bitte an georg.taitl@oberauer.com.