Stuttgart – Uwe Vorkötter, früherer Chefredakteur der „Stuttgarter Zeitung“, kritisiert den Kurs seines ehemaligen Blattes unter der Neuen Pressegesellschaft Ulm (NPG). In der „Kontext“ beschreibt er eine Zeitung, die ihr Profil und ihre erkennbaren Stimmen verliere, wie kress.de berichtet.
„Die neuen Ulmer Herrscher über die Stuttgarter Zeitung versuchen es auf die neue Ulmer Art. Ein südwestdeutsches Redaktionsnetzwerk macht alle gleich: die Südwest Presse und den Schwarzwälder Boten, die Eßlinger Zeitung und den Teckboten. Warum nicht auch die Stuttgarter Zeitung?“, fragt Vorkötter in seinem Gastbeitrag bei Kontext.
Zur Erinnerung: Die Neue Pressegesellschaft (NPG) hat Anfang Januar mit der NBR-Plattform ein Partnerangebot für Verlage gestartet. Die Plattform will überregionalen Journalismus mit einem Technologie-Service für den Online-Bereich kombinieren. Die Neue Berliner Redaktionsgesellschaft liefert dabei täglich ein Vollsortiment an überregionalen Themen – von Politik und Wirtschaft bis Sport und Kultur. Die NBR-Inhalte nutzen bereits „Badische Neueste Nachrichten“, „Volksstimme“, „Mitteldeutsche Zeitung“, „Freie Presse“ und eben „Stuttgarter Nachrichten“ und „Stuttgarter Zeitung“. Ulrich Becker, Geschäftsführer bei der NBR, sagte damals bei der Vorstellung: Mit der Plattform biete man einen Rundum-Service, den es in dieser Art noch nicht gebe. Kunden bewahrten ihre Unabhängigkeit, profitierten aber vom Know-how und den exzellenten Inhalten eines großen Medienhauses. Daniel Torka, Geschäftsführer der NPG Digital GmbH, argumentierte: Das Digitalgeschäft sei stark fixkostengetrieben. Für viele regionale Anbieter sei es kaum möglich, allein nachhaltig zu skalieren.
„Kosten runter, Content ist ein beliebiger Rohstoff“
Uwe Vorkötter sieht die Strategie der NPG-Führung ganz anders: „Sie beurteilen den Journalismus nicht nach der Qualität seiner Texte, nicht nach der Kompetenz seiner Autoren, sondern sie orientieren sich an den Metriken der digitalen Zeit: Klicks, Likes, Conversions. Kosten runter, Content ist für sie ein beliebiger Rohstoff, überall verfügbar. Qualität? Anspruch? Dafür zahlt doch keiner! Das Ergebnis ist die Stuttgarter Zeitung, die wir jetzt lesen: ein Medium mit Dutzenden neuen Namen, aber doch so namenlos, so beliebig. Mainstream, alles glatt, auf keinen Fall anstößig. Uninspiriert und gähnend langweilig.“
Vorkötter meint, die Ulmer Manager würden diese Kritik als Melancholie abtun. Melancholie sei dabei, „aber längst nicht nur“. Er wolle es daher in der Sprache des Managements sagen: Die „Stuttgarter Zeitung“ verliere ihren Markenkern, als einziger USP bleibe ihr der Lokalteil. Das möge für die „Stuttgarter Nachrichten“ ausreichen, für die „Stuttgarter Zeitung“ sei es zu wenig. Was bleibe von der einstigen publizistischen Institution, „wenn sie jegliches eigene Profil verliert“? Premium sei nur noch der Preis, nämlich mehr als 800 Euro im Jahr für das Voll-Abo. „Die Ulmer Zeitung ist das Geld nicht wert.“
Die „Stuttgarter Zeitung“ sei 81 Jahre alt, schreibt Vorkötter. Um im großen Rauschen der digitalen Kommunikation nicht unterzugehen, bräuchte sie Stimmen, die sie erkennbar machen: Journalistinnen und Journalisten, die für ein Thema oder eine Haltung stehen und denen das Publikum vertraut. Sein Urteil über den Ulmer Kurs fällt deutlich aus: „Im Ulmer Netzwerk schreiben viele, aber wenige haben etwas zu sagen. So verstummt die Stuttgarter Zeitung – auf Geheiß ihrer Eigentümer. So wird sie aussterben mit den Namen, die sie prägten. Stuttgarter Zeitung steht noch auf der Titelseite, aber das ist nur noch eine Reminiszenz an bessere Zeiten.“
Vorkötter war von 1995 bis 2001 Chefredakteur
Zur Person: Uwe Vorkötter, Jahrgang 1953, war 20 Jahre lang bei der „Stuttgarter Zeitung“. Zuerst als Volontär, zuletzt als Chefredakteur (1995 bis 2001). Danach wechselte er zu „Berliner Zeitung“, „Frankfurter Rundschau“ und dem Fachverlag Horizont.
Die Südwestdeutsche Medienholding (SWMH), Eigner der „Süddeutschen Zeitung“, hat im Jahr 2025 ihre Regionalzeitungen in Baden-Württemberg mehrheitlich an die NPG verkauft – darunter die „Stuttgarter Zeitung“, die „Stuttgarter Nachrichten“, die „Eßlinger Zeitung“ und den „Schwarzwälder Boten“. Hinter der NPG stehen Titel wie die „Südwest Presse“ (Ulm) samt etlicher Partner- und Tochterverlage, die „Märkische Oderzeitung“ und die „Lausitzer Rundschau“.
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Uwe Vorkötter (Foto: dfv Mediengruppe)