Vermischtes
Newsroom

Joachim Mischke: „Der Appetit kommt auch bei der Kultur mit dem Essen“

Joachim Mischke: „Der Appetit kommt auch bei der Kultur mit dem Essen“ Joachim Mischke (Foto: Funke)

Kultur als prägende Kraft des Lebens: Mischke, Kulturjournalist „Hamburger Abendblatt“, vermittelt seit Jahren Kunst aus Musik, Theater, Film und Literatur in vielfältigen journalistischen Formaten – von Reportagen bis zu seinem Podcast „Erstklassisch mit Mischke – Klassik hautnah“.

Hamburg – „Kultur kann als unverzichtbarer Bestandteil des Lebens Dinge bewegen und Perspektiven verändern“, ist Joachim Mischke überzeugt. Und genau das lebt der Chefreporter Kultur & Medien beim „Hamburger Abendblatt“. Musik, Theater, Theater, Film oder Literatur: Der Journalist macht Kunst seit vielen Jahren zum Erlebnis, ob in Interviews, Hintergrundreportagen, Rezensionen oder seinem Podcast „Erstklassisch mit Mischke – Klassik hautnah“.

 

Mischke, 1964 in Flensburg geboren, hat in Münster Musikwissenschaft, Publizistik und Anglistik studiert, Examensthema: Leben und Werk des US-Komponisten Aaron Copland. Seit 1993 ist er Kulturredakteur beim „Hamburger Abendblatt“, seit 2009 Chefreporter im Ressort Kultur & Medien. Nicht erst seit der Entstehung der Elbphilharmonie, die er von Anfang an journalistisch begleitet hat, beschäftigt Mischke sich auch mit der Hamburger Musikgeschichte. Er schrieb unter anderem die Bücher „Elbphilharmonie“ (2016) und „Geschichten und Geheimnisse der Elbphilharmonie“ (2021). Seit 2017 sitzt er in der Jury zum Preis der deutschen Schallplattenkritik.

 

Wie kam es dazu, dass du dich auf das Ressort Kultur spezialisiert hast?

Joachim Mischke: Nichts anderes hätte mich gereizt, in jedem anderen Ressort (ganz besonders in der Wirtschaft oder womöglich im Sport) wäre ich mit meinem Sparteninteresse an Musik eine Fehlbesetzung gewesen. Die Begegnungen mit Künstlerinnen und Künstlern und ihrer jeweiligen Kunst sind so unberechenbar spannend, dass dieses Themenfeld nach wie vor nicht langweilig wird.

 

Welche Bereiche sind dein Steckenpferd?

Vor allem die Klassik mit einem riesigen Sweet Spot für Wagner schon vor dem ersten Besuch der Bayreuther Festspiele, seitdem ist das unheilbar. Theater sehr gern. Jazz zu selten. Und Kulturpolitik immer, sobald es dort aufregend wird. Grundsätzlich habe ich sehr gern eine Meinung und meine dabei immer, dass ich mit allem total recht habe.

 

Wie entscheidest du, welche Themen in deine Berichterstattung aufgenommen werden?

Relevanz, Bauchgefühl, Begeisterung, Interesse. Die Reihenfolge kann wechseln. Wenn ich etwas oder jemanden toll finde, kann ich mir nicht vorstellen, dass es anderen damit nicht sofort genauso geht. Hin und wieder meldet sich der missionarische Eifer, etwas oder jemanden als Erster empfohlen zu haben.

 

Was braucht es, um aktuelle Kulturthemen spannend und für unterschiedliche Zielgruppen zugänglich zu machen? Oder bedienst du bewusst eher Nischen?

Es braucht Neugierde auf Menschen und Offenheit für deren künstlerische Arbeit. Es braucht anschließend eine journalistische Handschrift, die zum Dranbleiben einlädt, die weder überfordert noch – ganz wichtig – unterfordert. Erfahrung kann für die Einordnung aber auch nicht schaden. „Nischen“ sind Ansichtssachen, für manche ist schon Beethovens Neunte eigenartige Nischenware. Ohne Blicke über den thematischen Tellerrand geht es nicht. Wer nur von einem Genre etwas versteht, versteht auch davon nichts.


Welche Trends in der Kulturwelt beobachtest du aktuell besonders?

Den Generations- und Mentalitätswechsel an der Hamburgischen Staatsoper in der Führungsetage: was er kurz vor dem 350. Geburtstag der Hamburger Oper programmatisch bedeutet, wie er sich auf das bisherige und das neue Publikum auswirkt und wohin er führt. Eng damit verbunden ist die Debatte um den Bau einer neuen Staatsoper in der HafenCity, die zu großen Teilen ein nicht unumstrittener Mäzen finanzieren will. Ein weiteres wichtiges Thema sind die Transformationsprozesse im Bereich der Klassik generell: Welche neuen Konzepte gibt es, um Publikum dauerhaft zu interessieren, das bislang noch gar nicht wusste, wie spannend, beglückend und horizonterweiternd so ein Konzertbesuch sein kann? Kultur hat eine große gesellschaftliche Relevanz, das Abbauen der vermeintlichen Schwellenangst vor Musik mit Opuszahlen ist dabei eine enorm wichtige Aufgabe. Hoffentlich trägt der eine oder andere Text von mir ein kleines bisschen dazu bei.

 

Welche Kriterien spielen bei deiner Bewertung von Theaterstücken, Ausstellungen oder Konzerten eine Rolle?

Meine eigenen. Es steht ja auch immer mein Name über dem Text, der klar macht: Fakten gibt es hier nur bedingt zu sehen, dafür aber ganz viel Meinung. Ich kann immer nur so objektiv wie möglich subjektiv sein.

 

Wie unterscheidet sich die Berichterstattung über angesehene Institutionen von der über die freie Szene oder Underground-Kultur?

In den Themen, in der Beurteilung der jeweiligen Niveaus und Ambitionen, aber nicht im grundsätzlichen Umgang damit. Überall gilt grundsätzlich das elfte Gebot: Du sollst nicht langweilen. Soll heißen: aufregen jederzeit gern!

 

Gibt es ein kulturelles Ereignis, das dir nachhaltig in Erinnerung geblieben ist und deine Perspektive auf Kunst verändert hat?

Das Eröffnungskonzert der Elbphilharmonie am 11. Januar 2017. Aber fast noch mehr der erste – damals streng geheime – Besuch einer Probe des NDR-Orchesters, noch vor dieser Eröffnung. Weil da klar wurde, wie stark diese Musik auf Menschen und auf eine ganze Stadt einwirken kann, auf die Kulturnation Deutschland und über Deutschland hinaus. Und dass nach jahrelangem Warten und endlosem Stress eine neue Ära begann. Anders toll, ganz persönlich: Asmik Gregorian als Salome bei den Salzburger Festspielen 2018. Und die epochale Gerhard-Richter-Werkschau im letzten Dezember in Paris.

 

Und welcher Gesprächspartner hat dich nachhaltig beeindruckt?

Beeindruckend waren so viele. Die Begegnungen mit so unterschiedlichen Persönlichkeiten wie Karlheinz Stockhausen oder Stephen King, Harry Belafonte oder Bill Murray, Jessye Norman oder Luciano Pavarotti, Charly Hübner oder Igor Levit, Georg Stefan Troller oder György Ligeti waren prägend für das Verständnis, wie anders Künstler und Künstlerinnen durchs Leben gehen und aufs Leben blicken. Was für sie wichtig ist und was nicht. Negativ überrascht war ich bislang nur selten. Schlicht Glück gehabt, vielleicht. Obwohl: Der Moment, in dem Lou Reed im Thalia Theater nach wenigen Interview-Minuten wutschnaubend den Raum verließ, der war schon speziell. An mir lag’s nicht.

 

Wie beurteilst du den Einfluss von Kulturförderungen und Politik auf die Kulturlandschaft?

Dass es diese Förderung gibt und dass sie erhalten wird, ist enorm wichtig. Nach welchen Kriterien sie stattfindet, ist noch wichtiger. Dass die Politik Projekte, Institutionen und Menschen fördert, ohne deswegen inhaltlichen Einfluss ausüben zu wollen, ist am wichtigsten.

 

Wie siehst du die Zukunft des Kulturjournalismus, insbesondere in einer zunehmend digitalen Gesellschaft?

Zunehmend relevant. Dabei ist es wichtig, Fachkompetenz zu fördern und zu erhalten. Es bleibt schwierig, es bleibt aber auch interessant. Im „Hamburger Abendblatt“ ist die Kulturberichterstattung ein zentraler und erfolgsrelevanter Markenkern. Unsere Leserinnen und Leser wollen umfassend informiert werden; sie wollen das nicht nur hin und wieder, sondern immer wieder. Journalistinnen und Journalisten werden auch in der Kultur noch stärker zu Personenmarken. Das war aber schon bei Feuilleton-Legenden wie Marcel Reich-Ranicki und Joachim Kaiser so. Man konnte sie lieben oder hassen, aber man wollte sie unbedingt lesen – genau deswegen.

 

Gibt es Unterschiede zwischen dem privaten Joachim Mischke und dem Experten des „Hamburger Abendblatts“? Oder schaust, hörst und liest du abends auch am liebsten das, was dich beruflich begeistert?

Ja und nein. Beruflich „muss“ ich hin und wieder in Konzerte oder zu Aufführungen, auf die ich privat auch mal verzichten könnte. Doch ich bin in der glücklichen Position, spätestens seit der Eröffnung der Elbphilharmonie eine tolle Auswahl zu haben. Das ist also Jammern auf höchstem Niveau. Verpasse ich A, B oder C, kommt diese oder jener garantiert bald wieder. Ehrlich gesagt: Privat, weil es gerade ginge, höre ich eher selten Musik. Die habe ich ja professionell reichlich um die Ohren, in einer Vielfalt und vor allem in einer Klangqualität, die meine Anlage leider nicht hergibt. Es ist etwa so wie mit den Köchen, die in ihrer eigenen Küche mühelos verhungern könnten. Dafür bekomme ich den privaten Bücherstapel einfach nicht kleiner, weil die Zeit fehlt.

 

Was würdest du jemandem empfehlen, der sich für klassische Kultur interessiert, aber keinen Zugang dazu findet?

Einfach mal machen, um einen Bundespolitiker zu zitieren. Niemand wird des Konzertsaals verwiesen, weil er nicht weiß, wann Mozart gestorben ist oder was eine Sonatenhauptsatzform sein könnte. Niemand wird von allen anderen Museumsbesuchern ausgelacht, falls er Expressionismus von Impressionismus nicht unterscheiden kann. Kein Theaterintendant beschimpft einen seiner Besucher, der den neuen Shakespeare-Abend leider doch gähnend uninteressant findet. Und überhaupt: Was heißt schon „klassische Kultur“? Die Rolling Stones sind gefühlt seit Jahrhunderten Klassiker, Motown-Hits sind Klassiker, Marvel-Comics sind Klassiker, sogar der oft gefürchtete Zwölftöner Schönberg ist schon seit vielen Jahrzehnten ein Klassiker. Findet man Bach langweilig, kann das bei Bruckner schon ganz anders sein. Oder auch nicht. Hat man bislang ausschließlich handliche Serienfolgen konsumiert, wird ein fünfstündiger Theaterabend – am besten ohne Pause – das Leben verändern. Oder auch nicht. Dann macht das nichts, und man versucht es eben wieder. Hilfreich ist sicher auch der Austausch mit anderen über Erwartungen und Interessen, ebenso die Nutzung der gut gemachten Einführungsangebote von Theatern, Museen oder Konzerthäusern. Der Appetit kommt auch bei der Kultur mit dem Essen. Und, natürlich!, mit der Beschäftigung mit unseren Texten, Podcasts und Posts.

 

Das Interview mit Joachim Mischke erschien zuerst in „FUNKE finest“.

 

Podcast-Tipp: „Erstklassisch mit Mischke – Klassik hautnah“

Joachim Mischke lädt seine Zuhörerinnen und Zuhörer im Podcast ein, die größten Stars der klassischen Musik hautnah kennenzulernen. 

 

 

Sie möchten aktuelle Medien-News, Storys und Praxistipps lesen – und sich über Jobs, Top-Personalien und Journalistenpreise aus Deutschland informieren? Dann abonnieren Sie jetzt unseren kostenlosen Newsletter.

 

Sie haben Personalien in eigener Sache oder aus Ihrem Medienhaus? Oder ist Ihnen in unseren Texten etwas aufgefallen, zu dem Sie sich mit uns austauschen möchten? Dann senden Sie Ihre Hinweise bitte an georg.taitl@oberauer.com.