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Judith Wittwer bricht mit alter Fehlerkultur

Judith Wittwer bricht mit alter Fehlerkultur Roman Deininger (l.), Judith Wittwer und Ulrich Schäfer (Foto: Lorenz Mehrlich)

Nach einer fehlerhaften Seite-Drei-Reportage zieht die „Süddeutsche Zeitung“ Konsequenzen. Die Chefredakteurin räumt Versäumnisse offen ein und kündigt mehr Transparenz im Umgang mit journalistischen Fehlern an.

München – Im Interview mit Senta Krasser und Frederik von Castell für das „medium magazin“ räumt die SZ-Chefredakteurin erstmals öffentlich ein, dass die Redaktion unter der Doppelspitze mit Wolfgang Krach im Umgang mit Fehlern „nicht immer souverän genug" war. Intern galt damals „never complain, never explain" – damit ist jetzt Schluss.

 

Konkreter Anlass ist eine ungewöhnliche Entscheidung: Eine Seite-Drei-Reportage über den Leiter der Deutsch-Arabischen Schule in Berlin-Neukölln wurde Ende April aus dem Online-Archiv der SZ entfernt – weil sich zentrale Recherchen als falsch erwiesen hatten. Wittwer erklärt die Hintergründe klar: „Wir haben Warnsignale übersehen, hätten zu den Schilderungen des Mannes mehr kritische Distanz wahren und den Werdegang besser durchleuchten müssen. Das waren Fehler, die wir aus heutiger Sicht bedauern."

 

Wittwer zieht Konsequenzen: Die SZ hat ihre journalistischen Standards in einem internen Handbuch zusammengefasst. Fehler sollen künftig transparent gemacht werden – auch an prominenter Stelle. „Als Journalisten decken wir Missstände auf und zeigen Fehler auf – das muss genauso für unsere eigenen Fehler gelten", sagt Wittwer.

 

Besonders aufschlussreich ist ihr Umgang mit dem betroffenen Autor Thorsten Schmitz, einem der renommiertesten Reportagen-Autoren der SZ und Preisträger des Theodor-Wolff-Preises. Auf die Frage, ob es Konsequenzen für ihn gab, antwortet Wittwer klar: Nein. „Ich glaube nicht, dass man heute weit kommt, wenn man mit Angst führt." Schmitz habe die Nachrecherchen nicht nur willkommen geheißen, sondern sie als Autor selbst aktiv unterstützt – und gehörte schließlich zum vierköpfigen Team, das die aufwendige Aufarbeitung „Ein Mann und seine Lügen" verfasste. „Für mich steht die Aufarbeitung, nicht die Sanktion im Vordergrund."

 

Das vollständige Interview mit Judith Wittwer – über Fehlerkultur, das neue SZ-Redaktionshandbuch, den Umgang mit KI-Fakes und die Frage, ob an der SZ künftig Kuschelkurs statt Haifischbecken herrscht – ist im „medium magazin“ erschienen. Für alle, die tiefer einsteigen wollen: Das Interview lohnt sich.

 

 

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