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Newsroom – Markus Wiegand

Kann Correctiv auch Selbstkritik?

Kann Correctiv auch Selbstkritik? Anette Dowideit (Foto: Correctiv)

Die Recherchen der Correctiv-Vizechefin Anette Dowideit zum Fall um Jan Philipp Burgard werfen Fragen nach Transparenz, journalistischer Distanz und möglichen Interessenkonflikten auf.

Berlin – Die Correctiv-Berichterstattung über Ex-Welt-TV-Chef Jan Philipp Burgard wirft Fragen nach Transparenz und journalistischer Distanz auf. Markus Wiegand, Chefredakteur von „kress pro“, analysiert den Fall in seiner Kolumne und fragt :„Kann Correctiv auch Selbstkritik?“


Nach mehreren Kontakten mit dem Recherchenetzwerk müssen wir leider feststellen, dass dies offenbar nicht die stärkste Seite der Rechercheprofis ist. Als Disclaimer sei jedoch ausdrücklich betont: Damit ist nicht gesagt, dass Correctiv grundsätzlich schlecht berichtet oder überwiegend staatlich finanziert wird. Beides wird von Trollen ständig behauptet und ist schlicht falsch.

 

Abgesehen davon sollte eine Rechercheorganisation wie Correctiv, die Missstände aufdecken möchte, besonders hohe handwerkliche Standards an sich selbst anlegen und eigene Fehler transparent aufarbeiten. Beides ist bei den Recherchen zu Jan Philipp Burgard nicht geschehen. So berichtete jetzt (wie bereits vor einem Jahr) ausgerechnet Anette Dowideit, die rund 19 Jahre lang für Axel Springer gearbeitet hatte und 2023 ausgeschieden war, über Burgard. Wer so lange für ein Unternehmen tätig war, hat natürlich viele Zugänge. Gleichzeitig war Anette Dowideit aber Teil der Organisation und kann nicht unbelastet und ohne Interessenkonflikte über die Vorgänge berichten. Ganz abgesehen von der Frage, warum sie dort eigentlich so lange gearbeitet hat, wenn das doch so ein Saftladen ist.

 

Dass Dowideit, immerhin Correctiv-Vize-Chefin, diese Zusammenhänge nicht erkennt, ist irgendwie enttäuschend. Auf Anfrage teilte die Correctiv-Pressestelle mit: „Anette Dowideit hat die an die vorherige Recherchen anknüpfende Berichterstattung aufgrund ihrer tiefen Branchenkenntnis sowie ihres Zugangs zu relevanten Quellen verfasst.“

 

In der ersten Berichterstattung vor mehr als einem Jahr hatte Correctiv immerhin noch offengelegt, dass Dowideit lange für Springer gearbeitet hat. Beim zweiten Aufschlag hielt man das nicht mehr für nötig. „Einen Transparenzhinweis auf ihre frühere Tätigkeit gab es bereits in der ersten Berichterstattung. Einen erneuten Hinweis hielten wir angesichts der direkten Verlinkung auf den ersten Beitrag nicht für erforderlich“, teilte Correctiv mit.

 

Transparenz in eigener Sache? Offenbar nicht so wichtig.

 

Deutlich problematischer war aber der Rechercheweg von Dowideit, die als Journalistin mehrfach ausgezeichnet wurde. Sie suchte auf sozialen Medien offensiv nach Quellen für die angeblichen Vorfälle auf der Weihnachtsfeier. Dies ist heikel, da man damit leicht die Welle selbst erzeugt, auf der man anschließend surft.

 

Correctiv schreibt dazu: „Der Aufruf diente der Recherche und der Sammlung möglicher Hinweise. Wir haben zur Kenntnis genommen, dass der pointiert formulierte Post unterschiedliche Reaktionen ausgelöst hat – was bei Medienthemen nicht ungewöhnlich ist.“

 

Fehler können immer passieren, überall. Aber Selbstkritik sieht anders aus. Vielleicht fehlt intern bei Correctiv einfach ein Correctiv und die Erkenntnis, dass es nicht hilft, mit den falschen Mitteln für gute Anliegen zu kämpfen.

 

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