Vermischtes
KNA – Steffen Grimberg

Print-Stopp unter der Woche: „taz“ zieht positive Zwischenbilanz

Print-Stopp unter der Woche: „taz“ zieht positive Zwischenbilanz

Vier Monate nach der „Seitenwende“ verliert die Berliner „Tageszeitung“ deutlich weniger Abonnenten als befürchtet. Das E-Paper gewinnt an Gewicht, die Mischkalkulation scheint aufzugehen.

Berlin (KNA) – „Es wird immer gerne erzählt, dass der morgendliche Griff zur gedruckten Zeitung fehlen würde, wenn die Leute bei uns reinkommen. Wir haben deswegen ein digitales Display am Eingang stehen, wo immer die aktuelle taz angezeigt wird und wo man auch selber digital blättern kann.“ Doch auch dieser Phantomschmerz dürfte vorübergehen. Zumindest, wenn es nach Andreas Marggraf geht.

Seit 2019 steht der gebürtige Offenburger jetzt als Geschäftsführer an der traditionellen Doppelspitze der Berliner „Tageszeitung“. Unter der Regie von Co-Geschäftsführerin Aline Lüllmann und ihm hat die „taz“ mit ihrer „Seitenwende“ im vergangenen Jahr Neuland betreten. Als erste überregionale Tageszeitung Deutschlands stellte das Blatt am 17. Oktober die gedruckte Ausgabe unter der Woche ein. Seitdem erscheint die „taz“ von Montag bis Freitag nur als E-Paper, die am Samstag erscheinende „wochentaz“ gibt es weiter auf Papier.

 

Nach einem guten Vierteljahr fällt die erste Bilanz positiv aus, auch wenn noch keine ganz exakten Zahlen vorliegen. „Es ist tatsächlich immer noch erstaunlich viel Bewegung in den Daten“, sagt Marggraf: „Wir haben ja schon im Vorfeld gesagt, dass wir voraussichtlich erst nach einem halben Jahr belastbar sagen können, wie der Stand ist.“

 

Acht Prozent Auflagen-Minus

Doch nach den jüngsten Zahlen der Auflagenkontrolle IVW, die auch E-Paper misst, hat die „taz“ insgesamt nur acht Prozent der täglichen Auflage verloren, was ein sehr gutes Ergebnis ist. Danach verkaufte sich die papierlose Ausgabe im letzten Quartal 2025 unter der Woche gut 33.000-mal pro Tag, davon 31.000-mal im Abo. Die „wochentaz“ schlägt mit 45.600 Print- und weiteren 33.100 E-Paper-Verkäufen zu Buche. „Intern messen wir immer, wie viele von den Leser*innen, die vorher ein gedrucktes Vollabo von Montag bis Samstag hatten, jetzt noch mit einem der Aboangebote (Digiabo, ‚wochentaz‘-Abo oder Kombiabo von E-Paper und ‚wochentaz‘) dabei sind. Hier liegen wir im Moment auch irgendwo zwischen 80 und 90 Prozent“, rechnet Marggraf vor.

 

Und das übertrifft sogar die optimistischen Erwartungen des Blattes, das die Leserschaft vor der Umstellung akribisch nach ihrer Meinung gefragt hatte. „In unserem Wirtschaftsplan haben wir mit 70 Prozent gerechnet – neben einem Worst-Case-Szenario, was passiert, wenn nur 40 Prozent bleiben“, so Marggraf: „Da liegen wir auf jeden Fall relativ gut.“

 

Genauso sehe es bei der Frage Umwandlung und Preis aus, sagt der „taz“-Geschäftsführer. Bei der taz können sich Abonnenten zwischen einem ermäßigten Preis, dem Normalpreis und einem höheren „politischen Preis“ für ihr Abo entscheiden. Auch hier „liegen wir relativ gut“, sagt Marggraf. Nur wenige Abonnenten hätten den Preis reduziert. „Wir haben natürlich eine ganze Menge Leute, die vom Vollabo auf das Wochentaz-Abo umgestiegen sind. Wir wussten aber im Voraus, dass viele das machen würden. Der weitaus größte Teil ist aber beim Kombiabo geblieben.“

 

Leser reagieren unterschiedlich

Bei den Umfragen im Vorfeld der „Seitenwende“ hatten 18 Prozent der Abonnenten erklärt, dann nur noch auf die „wochentaz“ gehen zu wollen. „Da liegen wir aktuell aber auf jeden Fall drunter“, sagt Marggraf, schränkt aber ein, dass man hier noch „keine große Bilanz gemacht“ habe, „weil das auch immer noch wechselt. Die Leute entscheiden sich oft noch mal um. Wir haben Leser*innen, die dann schon ‚nur noch‘ bei der ‚wochentaz‘ waren und jetzt doch wieder das E-Paper dazubuchen. Dann gibt es Leute, die sagen, das Digitale ist so toll, dass sie die ‚wochentaz‘ nicht mehr gedruckt brauchen. Aber wir haben auch welche, die jetzt nach ein paar Monaten sagen, wir waren sehr gewillt, den Schritt zum E-Paper zu machen, aber wir kriegen es doch irgendwie nicht hin.“

 

Dass auch das klassische „taz“-Klientel älter wird, mache sich dabei kaum bemerkbar, meint der taz-Geschäftsführer: „Wir haben die modernen, beweglichen Alten. Ich weiß selbst von mehreren älteren Leuten, die über 80 sind, dass sie den Umstieg ganz bewusst mitgemacht haben und von sich sagen, dass sie nie gedacht hätten, dass sie mal digital lesen würden und das jetzt total gut finden.“

 

Aber natürlich gibt es auch „Digitalverweigerer oder -skeptiker, die das aus Prinzip falsch finden, dass wir das machen“, sagt Marggraf. Das seien übrigens oft gar nicht unbedingt ältere Leute, „da sind auch Menschen um die 50 oder 60 dabei“. Doch diese sind klar in der Minderheit: Im Vorfeld hätten zwar viele erklärt, sie würden bestimmt nicht digital lesen, „aber die meisten haben es dann doch irgendwie ausprobiert“.

 

Wie aber sieht es bei den Werbekunden aus? Hier habe sich der Trend zur gedruckten „wochentaz“ noch mal verstärkt, sagt Marggraf. „Unter der Woche ist das Anzeigengeschäft sowieso immer relativ gering gewesen. Die meisten haben sich aufs Wochenende umswitchen lassen.“ Zudem gibt es die Möglichkeit, mit ganzseitigen PDF-Anzeigen im E-Paper mitzulaufen. Auch das läuft laut taz-Geschäftsführung „ganz gut, da ist kein großer Einbruch gewesen“.

 

Bedeutung des E-Papers oft unterschätzt

Auch bei der „taz“ zeigt sich die von vielen Verlagen bestätigte Bedeutung des E-Papers, also einer Ausgabe, die zwar digital ist, aber im klassischen Zeitungsdesign und -layout daherkommt. Ganz am Anfang der Planungen habe man zwar auch bei der „taz“ gedacht, für die E-Paper-Ausgabe keine Zeitungsseitenansicht mehr zu produzieren, sondern nur noch ein Smartphone-optimiertes Layout. Doch dann sei irgendwann klar geworden, dass es die klassische Zeitungs- und Seitenansicht doch noch braucht – und zwar für die Leser – aber „am Ende auch für die Redaktion“, sagt Marggraf: „Dieses Gefühl, ich habe etwas produziert und es ist ein fertiges Produkt, das brauchen wir schon noch – und dafür ist die Zeitungsseitenansicht im E-Paper auch intern wichtig. Das war mir vorher auch nicht so klar.“

 

Was die „taz“ durch ihre Seitenwende spart, ist dagegen nicht so leicht zu sagen, hier möchte sich Marggraf nicht zu tief in die Karten gucken lassen. „Am Ende ist es eine Mischkalkulation. Wir haben immer gesagt, dass wir Defizite machen, wenn wir weiter täglich drucken. Ziel war deshalb, unsere verschiedenen Produkte so auszubalancieren, dass unten ein positiver Ertrag herauskommt“, sagt der Geschäftsführer. Ist das Ganze also ein totales Nullsummenspiel, bei dem vom Verzicht auf Druck und Vertrieb unter der Woche rein gar nichts übrig bleibt? „Ein Nullsummenspiel ist es auf jeden Fall nicht, denn durch die Umstellung haben wir zunächst ein sonst entstehendes Defizit verhindert.“

 

Aber für eine Gesamtbewertung sei es eben noch zu früh. Die rund 1.000 Abos, die die „taz“ mit ihrer Seitenwende verloren hat, reduzierten natürlich die Erlöse unter der Woche. Dazu kämen die Leser, die mit der Umstellung ihren Preis reduziert haben. „Und bei der ‚wochentaz‘ ist der Ertrag natürlich niedriger, weil da hohe Druck- und Vertriebskosten für eine deutlich dickere Zeitung anfallen – das sind mehr als 1 Euro pro Exemplar“, sagt Marggraf. So viel dürfte aber schon heute klar sein: Die Mischkalkulation scheint insgesamt aufzugehen.

 

 

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