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Qualitätsjournalismus: Eine Frage der Standhaftigkeit

Die Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, Claudia Roth, hat mehr Standhaftigkeit im Journalismus gefordert. "Nach meinem Gefühl fehlt im Journalismus häufig der Luxus der Langsamkeit und Gründlichkeit", schreibt die Politikerin in einem Gastbeitrag. Standhaftigkeit sei wichtig für die Recherche, aber auch im Umgang mit Verlagen.

Berlin (dapd) - Qualitätsjournalismus hat, finde ich, auch viel mit der altmodischen Tugend der Standhaftigkeit zu tun. Wobei Qualitätsjournalismus für mich gleichbedeutend ist mit gutem und glaubwürdigen Journalismus. Standhaftigkeit gerät im Journalismus aber nach meiner Beobachtung immer mehr unter Druck - und wird gleichzeitig immer wichtiger.

Unter Druck gerät sie offenkundig durch harte Konkurrenz, in der zunehmend Quote und Klicks zum Maßstab werden, wo die schnelle Schlagzeile mehr zählt als der gründlich recherchierte Hintergrundbericht. Hier würde ich mir öfter wünschen, dass diesem Druck immer wieder standgehalten, ihm, wenn nötig, zähe Ausdauer in der Recherche, zur Beschaffung, Überprüfung und gründlichen Einordnung von Informationen entgegensetzt wird. Dazu zählt für mich auch Recherche als Mittel, um eine These herauszubilden oder zu überprüfen - und nicht um Puzzlesteine für eine schon längst fest gefasste These zusammen zu klauben. Das begegnet mir als Politikerin leider häufig.

Nach meinem Gefühl fehlt im Journalismus häufig der Luxus der Langsamkeit und Gründlichkeit. Sicher, Journalismus lebt von Schnelligkeit, von der Jagd nach harten News, von der Konkurrenz, wer schneller und am schnellsten etwas vermelden kann. Doch das hat gerade in der digitalen Welt oftmals fatale Folgen. Denn was vermeldet wird, ist sofort auf unzähligen Websites zu lesen, bekommt ein unaufhaltsames Eigenleben im Netz. Korrektur ausgeschlossen. Wird man einmal, wie es mir passiert ist, fälschlicherweise als Besitzerin einer Handwaffe gekennzeichnet, bekommt man das Ding so schnell nicht mehr los.

Elementarer Beitrag für die Demokratie

Standhaftigkeit braucht es für Journalistinnen und Journalisten auch im Umgang mit Verlag und Geschäftsführung, mit wirtschaftlichen Zwängen. Das ist sicher oft nicht einfach. Aber umso wichtiger, denn bei Medien handelt es sich nach meiner Überzeugung eben nicht nur um Wirtschaftsgüter, sondern um Kulturgüter mit großer gesellschaftlicher Relevanz. Freie und unabhängige Medien leisten einen elementaren Beitrag für das Funktionieren einer Demokratie.

Dieser Verantwortung müssen sich auch die Eigentümer bewusst sein - viele legendäre Verleger der Nachkriegszeit haben es vorgemacht. Wer ein Medium als reines Spekulationsobjekt, als vorübergehendes Investitionsgut missbraucht, der schadet nicht nur den dort beschäftigen Journalistinnen und Journalisten, er schadet der demokratischen Gesellschaft insgesamt.

Diese braucht Pluralismus und Vielfalt, auch in der Medienlandschaft. Jeder mediale Akteur, der einen wichtigen Beitrag zu gutem und glaubwürdigem Journalismus leistet, und der wirtschaftlich zugrunde gerichtet wird, bedeutet einen bitteren Verlust an Vielfalt. Zu viele solcher Verluste kann eine lebendige Demokratie nicht verkraften.

Unabhängigkeit von Medien stärker schützen

Standhaftigkeit ist aber gerade gefordert gegenüber den Versuchen politischer Einflussnahme. Vor dieser Standhaftigkeit habe ich auch einen hohen Respekt. Die jüngsten Beispiele etwa vonseiten der CSU, Berichterstattung in ihrem Sinne mit Druck und Drohungen zu beeinflussen, haben gezeigt, wie aktuell diese Frage ist. Deswegen müssen wir auch die Unabhängigkeit von Medien stärker schützen, etwa in dem wir den Einfluss der Exekutive in den Kontroll- und Aufsichtsgremien des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zurückdrängen und beenden. Deren Zusammensetzung sollte sich zudem stärker an den gesellschaftlich relevanten Kräften von heute orientieren, statt an denen der sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts.

Standhaftigkeit zu fordern ist natürlich leichter, als sie in den jeweiligen Situationen dann auch wirklich zu zeigen. Das weiß ich gerade als Politikerin allzu gut. Meine Branche ist da leider keine heldenhafte Ausnahme.

Claudia Roth