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Reichelt-Komplex vor Gericht: NDR bringt neue Zeuginnen ins Spiel

Reichelt-Komplex vor Gericht: NDR bringt neue Zeuginnen ins Spiel Julian Reichelt (Foto: APA Images/Tobias Stein)

Im Streit um verbotene Aussagen zur Reichelt-Affäre geht der NDR in die Offensive. Mit neuen Zeuginnen will der Sender zentrale Vorwürfe vor Gericht belegen – und gesperrte Passagen wieder sendefähig machen.

Berlin – Der NDR will verbotene Aussagen über den Ex-„Bild“-Chef Julian Reichelt wieder berichten. Dazu sollen im Frühjahr Zeuginnen vor Gericht aussagen, schreibt Chefredakteur Markus Wiegand im aktuellen „kress-pro“. Und weiter:


Die Mühlen der Justiz sind hierzulande nicht für Geschwindigkeitsrekorde bekannt, im Presserecht schon gar nicht. Und deshalb könnten in diesem Frühjahr in der Reichelt-Affäre die letzten offenen Fragen geklärt werden, die vor geschlagenen fünf Jahren mit der Berichterstattung des „Spiegel“ ihren Anfang nahmen.


Trotz der Empörung über das Verhalten des „Bild“-Chefs konnte nie so ganz geklärt werden, wie viele Affären Julian Reichelt mit Untergebenen hatte und ob er tatsächlich Frauen unter Druck gesetzt hat, sexuelle Beziehungen mit ihm einzugehen. Das ARD-Format „Reschke Fernsehen“ hatte nach der ersten Welle der Berichterstattung im Februar 2023 nachgelegt und behauptet: „Fall Reichelt: Ausmaß des mutmaßlichen Machtmissbrauchs bei ‚Bild‘ größer als bekannt“.


Reichelt klagte im Eilverfahren gegen die aus seiner Sicht unzulässige Verdachtsberichterstattung vor dem Landgericht in Hamburg und bekam in wesentlichen Punkten recht. So durfte der NDR verschiedene Aussagen nicht mehr verbreiten, die im Video unkenntlich gemacht werden mussten. Journalistisch wurde der Beitrag dadurch entwertet, weil besonders pointierte Aussagen per einstweiliger Verfügung verboten wurden.


Zeuginnen geladen
Um diese verbotenen Teile wieder in die Berichterstattung aufnehmen zu können, stieg der NDR ins sogenannte Hauptsacheverfahren ein und will nun beweisen, dass die Vorwürfe von „Reschke Fernsehen“ wahr sind. Dazu, so verlautet aus gut informierten Kreisen, wird der NDR Zeuginnen präsentieren, die ab Ende April aussagen sollen.


Der schwerwiegendste Vorwurf: Eine der Zeuginnen erhebt offenbar den Vorwurf, von Reichelt unter Druck gesetzt worden zu sein, um Sex mit ihm zu haben. Der Ex-„Bild“-Chef hat dies stets entschieden bestritten. Eine andere Frau, die diesen Vorwurf auch erhoben hatte und sich mit Axel Springer in den USA außergerichtlich geeinigt hat, konnte den Nachweis nicht erbringen. Eine Berichterstattung des „Stern“ weckte im Gegenteil starke Zweifel an ihrer Glaubwürdigkeit.


Offen ist die Frage, ob die neue Zeugin, die die Berichterstattung des NDR stützen soll, öffentlich aussagen muss. Nur einige wenige Quellen scheinen dazu bereit zu sein. Eine der betroffenen Frauen schreibt auf „kress pro“-Anfrage: „Ich habe mich damals nicht geäußert und werde es auch künftig nicht tun, da ich inzwischen ein ganz anderes Leben führe.“


Und Julian Reichelt? Der sieht auch fünf Jahre nach der Affäre keinen Grund für Selbstkritik. In einem „Nius“-Video sagte er vor zwei Monaten: „Ich habe immer gewusst, dass das, was mir da vorgeworfen worden ist, einfach frei erfunden und auf ekelhafteste Weise erlogen ist.“ Reichelt sieht sich vielmehr als Opfer einer politischen Kampagne.


Unangenehm könnte eine öffentliche Befragung der Zeuginnen auch für Axel Springer werden. Verschiedene Frauen hatten in „Reschke Fernsehen“ berichtet, wie sie berufliche Nachteile durch ihre Aussagen im Rahmen der Aufklärung bei Springer erlebt haben.


Kurios: Die umstrittene Sendung ist in der ARD-Mediathek nicht zu finden, weil die zweijährige Verweildauer abgelaufen ist. Warum der NDR den Rechtsstreit dennoch weiterführt, ließ der Sender auf Nachfrage offen.


Must-Reads im aktuellen „kress pro:“

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  • Plus: Beraterin Anita Zielina sagt, wie Medienhäuser die KI-Transformation meistern und welche Fehler sie jetzt vermeiden sollten
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