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dpa – Anna Ringle

Saarländischer Rundfunk steht vor Wechsel an der Spitze

Nach dem Wechsel beim Bayerischen Rundfunk wird auch beim Saarländischen Rundfunk der mächtigste Posten neu vergeben. Vor der Intendantenwahl fällt immer wieder ein Wort: Eigenständigkeit.

Saarbrücken (dpa) − Der mächtigste Posten beim Saarländischen Rundfunk (SR) wird neu vergeben. Am Montag (22. Februar) treten drei Kandidaten bei der Intendantenwahl an. Mit SR-Chefredakteurin Armgard Müller-Adams könnte erstmals eine Frau in der Geschichte der ARD-Anstalt in Saarbrücken die Position übernehmen. Ihr SR-Kollege Martin Grasmück ist stellvertretender Programmdirektor und kandidiert ebenfalls. Die beiden Saarländer haben prominente Konkurrenz von außen: ARD-Chefredakteur Rainald Becker.

 

Am Montag stimmt der 39-köpfige Rundfunkrat darüber ab, wer die ARD-Anstalt in die nächsten Jahre und damit durch unsichere Zeiten führen wird. Wenn die erforderliche Zweidrittelmehrheit auf einen Kandidaten nicht zusammenkommt, gibt es am Dienstag erneut eine Wahl.

 

Der Posten wird frei, weil der seit 2011 amtierende Intendant Thomas Kleist (65) Ende April aufhört. Eigentlich hätte seine Amtszeit noch zwei Jahre gedauert. Er begründete seinen Schritt unter anderem so: Die Zeit sei reif für einen Stabwechsel an die jüngere Generation.

 

Sein Nachfolger wird an mehreren Großbaustellen parallel arbeiten müssen beim SR, der rund 620 Mitarbeiter auf 544 Planstellen sowie knapp 200 freischaffende Mitarbeiter (feste Freie) hat.

 

Das Hauptproblem: Geld. Da ist die ungeklärte Situation zur ursprünglich geplanten Erhöhung des Rundfunkbeitrags. Ebenso macht die noch nicht erfolgte Anhebung des Finanzausgleichs unter den ARD-Anstalten zugunsten des SR und Radio Bremen als kleinste unter den neun ARD-Anstalten den Saarbrückern zu schaffen.

 

Der Verwaltungsrat nutzte im Dezember drastische Worte: Der Sender sei „existenziell bedroht“, wenn die zwei Stellschrauben nicht erfolgten. Der nicht zum Jahresbeginn in Kraft getretene Staatsvertrag der Bundesländer, der das alles geregelt hätte, ist jetzt ein Fall für das Bundesverfassungsgericht. ARD, ZDF und Deutschlandradio müssen solange warten und irgendwie überbrücken.

 

Der deutschlandweit bekannteste Anwärter für die SR-Spitzenposition ist ARD-Chefredakteur Rainald Becker. Vielen Fernsehzuschauern ist der 61-Jährige durch seine Interviews mit Politikern bekannt. Jüngst sprach er in einer ARD-Sondersendung mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) über die Corona-Pandemie. Becker ist seit 2016 ARD-Chefredakteur. Im Herbst wurde bekannt, dass der stellvertretende Leiter des ARD-Hauptstadtstudios, Oliver Köhr, zum 1. Mai Beckers Nachfolger wird. Damals hieß es, dass dieser im Jahr 2021 die Koordination zur Bundestagswahl übernehme.

 

Der gebürtige Nordrhein-Westfale war in seiner Karriere zeitweise Chefredakteur des ARD-Hauptstadtstudios und präsent in Formaten wie „Bericht aus Berlin“, „Brennpunkt“ und Berliner Runde. Seine Laufbahn begann im Oktober 1986 als Redakteur und Reporter in der Redaktion Fernsehen Innenpolitik beim Süddeutschen Rundfunk (SDR − heute SWR).

 

Einen Heimvorteil − wenn man so will − haben seine beiden Konkurrenten, deren berufliche Wege im SR ähnlich verliefen. Beide sind im Saarland geboren. Martin Grasmück (50) bezeichnet sich selbst als „Hausgewächs“ des SR. 1992 begann alles noch während seiner Studienzeit mit einer Mitarbeit − seit mehr als 13 Jahren ist er in Führungspositionen tätig. Der derzeit stellvertretende Programmdirektor steht für Innovation, etwa im Popwellenbereich oder mit Angeboten im Netz für jüngere Leute. Grasmück kennt neben der journalistischen Seite auch die Verwaltungs- und geschäftsführende Ebene. Er war etwa von 2008 bis 2015 Leiter der Abteilung Intendanz, zunächst unter Intendant Fritz Raff und dann unter Kleist.

 

Armgard Müller-Adams (47) ist auch im Saarland geboren und kennt den Sender wie Grasmück durch zahlreiche Stationen. Ihre Karriere begann im Jahr 2000 als Volontärin, seit Oktober 2019 ist sie Crossmediale Chefredakteurin des SR. Sie leitete zeitweise auch die Abteilung Intendanz des Senders und war Referentin von Kleist. In dieser Periode leitete sie ein Projekt, bei dem es die erste senderweite Mitarbeiterbefragung gab. Als eine Folge entstand ein Feedbackportal im Intranet. Auch eine Einstiegshilfe für neue Kollegen wurde erarbeitet und Praktika innerhalb anderer Senderbereiche wurden für Mitarbeiter ermöglicht. Viele Jahre war Müller-Adams auch als Reporterin, Moderatorin und Sprecherin im Sender tätig.

 

Hört man sich vor der Wahl um, so fällt immer wieder ein Wort: Eigenständigkeit. Das Saarland und die Eigenständigkeit − die Debatte darum gehört seit Jahrzehnten zu dem kleinen Bundesland, auch in der Politik. Der frühere rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) verbrannte sich immer wieder die Finger, wenn er eine Fusion der Länder Rheinland-Pfalz und Saarland ins Spiel brachte.

 

In ein Wespennest schien auch der Intendant des Südwestrundfunks (SWR), Kai Gniffke, gestoßen zu haben, als er jüngst und sicher auch mit Blick auf die Intendantenwahl eine engere Zusammenarbeit von SR und SWR anregte − zum Beispiel mit gemeinsamen Direktionen. Zu einer vollständigen Fusion der zwei Anstalten äußerte er sich aber zurückhaltend. In Saarbrücken war man auf der Zinne.

 

Der Verwaltungsrat stellte sich hinter Kleists Konter zu Gniffkes Vorstoß. Der Rat betonte, er unterstütze den SR-Intendanten „vollumfänglich darin, die Eigenständigkeit des Saarländischen Rundfunks zu bewahren, und lehnt gleichermaßen die Vorschläge zu senderübergreifenden Strukturen ab, die die Autonomie des Saarländischen Rundfunks untergraben würden“.

 

Das Wort Eigenständigkeit benutzte auch die Vorsitzende des Rundfunkrats, Gisela Rink, als die drei Kandidaten vor Tagen bekanntgemacht wurden: „Wir freuen uns, dass wir dem Rundfunkrat mit unserem Wahlvorschlag mehrere qualifizierte Personen zur Wahl vorschlagen können, die wir für besonders geeignet halten, den SR in die Zukunft zu führen und seine Eigenständigkeit zu wahren.»

 

Ein Regierungssprecher des von CDU und SPD regierten Saarlandes sagte auf dpa-Anfrage: „Dem SR ist es − trotz erheblicher Sparmaßnahmen in den vergangenen Jahren − gelungen, innerhalb der ARD einen eigenständigen, unverwechselbaren Markenkern zu bilden und zu erhalten, was wiederum eine wesentliche Stärke der ARD mit ihrer föderalen Struktur darstellt. Daher ist die Wahrung der Eigenständigkeit des SR als selbstständige Landesrundfunkanstalt von großer Bedeutung.»