Vermischtes
Newsroom

„Leser als Gefährten und Komplizen betrachten“ – Bernhard Pörksen zur Zukunft des Journalismus

„Leser als Gefährten und Komplizen betrachten“ – Bernhard Pörksen zur Zukunft des Journalismus Bernhard Pörksen (Foto: Albrecht Fuchs)

Der Medienwissenschaftler spricht im Interview über ein „schreckliches Jahr 2025“ für den Journalismus, den wachsenden Einfluss von Big Tech, den Angriff auf die Pressefreiheit – und darüber, warum Transparenz zur zentralen Überlebensstrategie wird.

Berlin – Demokratie braucht Journalismus – doch dessen ökonomische und publizistische Grundlagen geraten zunehmend unter Druck. Werbemärkte brechen weg, Plattformen bestimmen die Spielregeln der Aufmerksamkeit, KI verändert Informationswege grundlegend. Gleichzeitig nehmen politische Angriffe auf unabhängige Medien zu, insbesondere in den USA. Bernhard Pörksen analysiert im „medium magazin“-Interview mit Wolfgang Scheidt die strukturelle Krise des Journalismus, beschreibt den neuen Autoritarismus als verkappten Freiheitsdiskurs und fordert eine Neujustierung des journalistischen Selbstverständnisses: mehr Transparenz, mehr Dialog, mehr Nähe zum Publikum. Drei Fragen:

 

War das Jahr 2025 ein gutes oder ein schlechtes für den Journalismus?
Bernhard Pörksen: Ein schreckliches Jahr, gezeichnet von einem merkwürdigen Widerspruch: Aufklärerischer Journalismus wird in Zeiten der Erosion von Demokratien wichtiger denn je, aber ist doch seiner Existenz bedroht. Big-Tech-Unternehmen wie Meta, Amazon, Google und Tiktok verbuchen laut Zentralverband der Werbewirtschaft rund 72 Prozent aller Werbeeinnahmen in Deutschland. Die KI-Revolution verwandelt Suchmaschinen in Antwortmaschinen. Das offene Netz ist praktisch Geschichte. Die Null-Klick-Suche viel zu oft bereits Realität. Das heißt: Menschen geben sich mit KI-generierten Zusammenfassungen zufrieden, journalistische Angebote bleiben ungenutzt.

 



„Trump-Fatigue“ – im Oktober kehrten Sie von einer mehrwöchigen Forschungsreise aus den USA zurück und bezeichneten den US-Präsidenten als „einen todernsten Sektenführer“, konstatierten, das Land befinde sich im Feldzug gegen die Meinungsfreiheit.
So ist es. Wir erleben einen noch unverstandenen Großangriff auf den Journalismus – die zentralen Hebel: die Dämonisierung kritischer Medien, Einschüchterung durch Milliardenklagen, die Drohung der US-Regierung, bei Bedarf Sendelizenzen zu entziehen. Hinzu kommt: die direkte Attacke auf einzelne Journalisten, missliebige Comedians, den öffentlichen Rundfunk. Hinzu kommt auch: Die Big-Tech-Branche unterwirft sich. So hat Facebook das Fact-Checking in den USA abgeschafft, Jeff Bezos das Kommentar-Ressort der „Washington Post“ auf eine liberal-libertäre Linie gebracht. Dabei ist die amerikanische Informationslandschaft eh schon geschwächt.

 

 

Auch wenn der Journalismus sich nicht selbst aus der Dauerkrise befreien kann: Was ist die eine Stellschraube, die 2026 am meisten Wirkung entfalten kann?
David Weinberger, ein früher Netzanalytiker, hat einmal gesagt: „Transparenz ist die neue Objektivität.“ Ich würde hinzufügen: „Gib deinem Publikum jede nur denkbare Möglichkeit, die Qualität der von ihm vermittelten Informationen einzuschätzen.“ Das heißt: Die eigene Arbeit und auch die schwierige ökonomische Lage erklären und wieder erklären, Leser nicht als passive Rezipienten, sondern als Gefährten und Komplizen betrachten, den Journalismus in ein großes, pulsierendes Gespräch mit seinem Publikum verwandeln – darum geht es.

 

  • Wie sich Bernhard Pörksen selbst informiert – und warum auch er unter News- und Weltmüdigkeit leidet
  • Weshalb Empörung, Zuspitzung und Plattformlogiken das Kommunikationsklima vergiften
  • Warum Community-Building und Digitalabos zur zentralen Überlebensstrategie für Redaktionen werden
  • Welche Rolle KI im Journalismus spielen kann – und warum Transparenz über Autorschaft unverzichtbar ist
  • Weshalb der Lokaljournalismus demokratiepolitisch eine Schlüsselrolle spielt

Zum ganzen Interview 

 

 

Sie möchten aktuelle Medien-News, Storys und Praxistipps lesen – und sich über Jobs, Top-Personalien und Journalistenpreise aus Deutschland informieren? Dann abonnieren Sie jetzt unseren kostenlosen Newsletter.

 

Sie haben Personalien in eigener Sache oder aus Ihrem Medienhaus? Oder ist Ihnen in unseren Texten etwas aufgefallen, zu dem Sie sich mit uns austauschen möchten? Dann senden Sie Ihre Hinweise bitte an georg.taitl@oberauer.com.