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US-Medienkrise: Qualität in Gefahr - Journalisten haben «Angst»

Die Medien ziehen sich immer mehr von der aufwendigen journalistischen Arbeit zurück. Es fehlt Geld für Reporter und Rechercheure, insbesondere der investigative Journalismus hat enorm gelitten. Wachsendes Desinteresse der Amerikaner an den klassischen Nachrichtensendungen und Zeitungen macht das ganze zu einem Teufelskreis: «Die alten Medien sterben». Während 1965 laut Studie des PEW-Instituts in Washington noch 71 Prozent der Amerikaner Zeitungen lasen, sind es heute nur noch etwa 40 Prozent.

Washington (dpa) - Die «Angst» geht um unter den US-Journalisten. Amerikaner nutzen das deutsche Wort «Angst», wenn sie eine besondere Bedrohlichkeit des Gefühls beschreiben wollen. Genau so sieht der Direktor des Journalismus-College der Universität Maryland, Prof. Thomas Kunkel, die Sorgen der Branche. Werden gut ausgebildete Journalisten «einmal so anachronistisch sein wie heute der Setzer in der Zeitung?», fragt Kunkel im Medien-Blatt «American Journal Review» (AJR). Nicht ganz, meint er, «aber der unbarmherzige Druck des modernen Nachrichtengeschäfts» werde den Journalismus in ungeahntem Ausmaß verändern.

Kunkel sorgt sich wie viele andere Medienexperten um den Qualitätsjournalismus in den USA. Von allen Seiten scheint die «Vierte Gewalt» der Demokratie bedroht zu sein. Die Auflagen der Zeitungen befinden sich auf einer Talfahrt, die nicht enden will. Die Einschaltquoten der TV-Nachrichtenprogramme sinken. Blogger, «Laien- Journalisten», Internet-Plattformen, kostenlose Web-Medien und das Informationsangebot von Politik und Wirtschaft konkurrieren mit den klassischen Medien. Während 1965 laut Studie des PEW-Instituts in Washington noch 71 Prozent der Amerikaner Zeitungen lasen, sind es heute nur noch etwa 40 Prozent.

«Journalismus im Notstand» beschreibt der Publizist Sean Condon im «Economist» die Lage der US-Branche. Seit den 80er Jahren schwinde die Rolle der Qualitätsmedien als öffentlicher «Wachhund gegen die Macht». Wachsende Gewinnerwartungen hätten aus «Institutionen der Integrität» Unternehmen gemacht, die vor allem nach Erträgen fragten. Zwar erwirtschaften die Zeitungen - noch immer Herz des Qualitätsjournalismus - selbst in diesen Krisenjahren beachtliche Gewinne, aber die letzten Jahre waren geprägt von Entlassungen, Büroschließungen und Sparprogrammen.

«Die alten Medien genügen immer weniger ihrer Wächterrolle, aber die neuen Medien sind weit davon entfernt, einzuspringen und sie zu ersetzen», schreibt Condon. Die USA befänden sich deshalb in einer «sozialen und politischen Krise». Die Verfassungsväter seien von einer Presse ausgegangen, die den Bürger umfassend und objektiv informiere. Aber die US-Medien hätten sich von diesem Ideal entfernt, wie auch die unkritische Berichterstattung über den Irak-Krieg gezeigt habe. «Die Medienkrise ist weniger Folge der technologischen Entwicklung als vielmehr eines moralischen Zusammenbruchs».

Zudem ziehen sich laut Condon die Medien immer mehr von der aufwendigen journalistischen Arbeit zurück. Es fehle Geld für Reporter und Rechercheure, insbesondere der investigative Journalismus habe enorm gelitten. Wachsendes Desinteresse der Amerikaner an den klassischen Nachrichtensendungen und Zeitungen mache das ganze zu einem Teufelskreis: «Die alten Medien sterben».

Allerdings wehren sie sich und ringen um Überlebensstrategien. «Stirb oder verändere dich», heißt die Parole laut US-Zeitschrift «Editor and Publisher». Zunehmend verschwindet demnach in den Verlagen die Trennung zwischen den Redaktionen für Zeitung und Internet. «Flexible Journalisten» brauche es, die rasch fürs Web und dann analysierend fürs Blatt arbeiten könnten, fordert Prof. Conrad Fink im Fachblatt «AJR». Der drohende Untergang des hochwertigen Journalismus sei auch «eine Bedrohung der Gesellschaft... Und über Herz und Seele des Journalismus wird genau jetzt entschieden».

Viele US-Zeitungen verabschieden sich nun von Konzepten, die noch bis vor kurzem als innovativ gepriesen wurden. Insbesondere verzichten viele Blätter darauf, die Internet-Generation zum gedruckten Papier locken zu wollen. Sie setzen auf die Generation der «Baby Boomer», der 50- und 60 Jährigen, die noch auf viele Jahre treue Leser bleiben können. Blätter wie die «Savannah Morning News» stellen die traditionellen Rubriken - wie Fernsehprogramme oder Börsenkurse - in Frage, die ohnehin aktueller im Netz zu finden sind. Manche Zeitungen prüfen, ob sie an der täglichen Erscheinungsform festhalten wollen. Andere experimentieren mit neuen Spezialausgaben für verschiedene Zielgruppen wie Kinder, Sport- oder Autofans.

Doch es gibt auch andere Meldungen aus der US-Medienwelt: Die Stiftung «Pro Publica» mit 30 Millionen Dollar Kapital vom kalifornischen Milliardär Herbert Sandler soll künftig die US-Medien kostenlos mit aufwendig recherchierten und investigativen Geschichten füttern. Und der Nachrichtensender CNN verkündete kürzlich den Aufbau neuer Auslandsbüros.