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Leute vom 04.07.2013

Welche Probleme man hat, wenn der NZZ-Chef ein Interview nicht autorisieren will

Für das große Titel-Interview im neuen "Schweizer Journalist" stand Markus Spillmann, Chefredaktor bei der "Neuen Zürcher Zeitung", Rede und Antwort. Seine Antworten hat er im Anschluss nicht autorisiert. Ob das eine gute Idee war, fragt sich Markus Wiegand, Chefredaktor vom "Schweizer Journalist", in seinem Editorial.

Zürich - In einer Zeit, als mein Haar noch blonder und meine Augen noch blauer waren, also in meiner Anfangszeit als Medienjournalist vor mehr als sieben Jahren, habe ich alle Interviewpartner noch treuherzig gefragt, ob sie das Gespräch autorisieren wollen.

Heute muss ich feststellen: nicht ein einziger Medienmacher hat auf sein Recht verzichtet. Dabei gab es zwei Gruppen. Die einen lachten über die Naivität der Frage und ihr Blick sagte: „Ich bin doch nicht verrückt.“ Die anderen schauten ganz gefühlvoll und sagten, sie wollten doch einfach nur noch mal eben schnell drüberschauen. Sehr oft fiel dann auch der aufmunternde Satz: „Ich verändere nie etwas.“ Das hiess übersetzt: Ich vertraue Ihnen nicht.

Markus Wiegand ist der Chefredaktor vom "Schweizer Journalist". In seinem  Editorial erklärt er, dass Chefredaktoren am Ende auch nur Menschen sind. Und hier können Sie das Schwesterblatt von NEWSROOM bestellen.

Umso überraschter war ich, als ausgerechnet „NZZ“-Chef Markus Spillmann auf eine Autorisierung seines langen Titelinterviews verzichtete. Denn das hiess übersetzt: Ich vertraue Ihnen. Und wer hat nicht gerne das Vertrauen des Chefredaktors der „Neuen Zürcher Zeitung“? Anfangs freute ich mich, aber schnell dämmerte mir beim Schreiben, dass ich durch seinen Verzicht nicht ein Problem weniger hatte, sondern eins mehr.

Fragen über Fragen

Was unterschätzt wird: Bei autorisierten Gesprächen lagert man die Kontrolle des Inhalts immer an den Interviewten aus. Der Gesprächspartner kann an- schliessend nie behaupten, dass er etwas nicht so gesagt hat oder man ihn falsch wiedergegeben hat. Wenn ein Gesprächspartner auf die Autorisierung verzichtet, kann er das eigentlich immer behaupten. Das Interview mit Markus Spillmann wäre vollständig transkribiert mehr als 60.000 Zeichen lang, die gedruckte Version hat gerade noch ein Drittel der Länge. Ganze zwei Drittel der Aussagen Spillmanns habe ich also rausgeworfen. Darunter sind viele Doppelungen und Redundanzen, aber natürlich nicht nur.

So und jetzt kommt der heikle Punkt: Ich bin mir absolut sicher, dass Spillmann einen anderen Schwerpunkt gesetzt hätte. Weil er andere Sachen als relevant erachtet. Ich habe mir beispielsweise herausgenommen, mit Spillmann über seinen Leistungsausweis zu sprechen. Ganz einfach, weil ich weiss, dass viele Journalisten sich fragen, wie gut der Chefredaktor der „NZZ“ eigentlich seinen Job macht. Ich gehe also davon aus, dass die Frage die Zielgruppe interessiert. Spillmann fand diesen Zugang schon während des Gesprächs augenscheinlich eher anmassend.

Damit hängt eine weitere Frage zusammen: Wie stark darf man eine Dramaturgie in das Gespräch legen? Der Anfang unseres gedruckten Gesprächs entspricht nicht dem realen Beginn. Die erste inhaltliche Frage des Gesprächs drehte sich um den Erfolg der Paywall. Nachdem Spillmann keine Zahlen nannte und eher im Ungefähren blieb, wirkte der Einstieg ziemlich langweilig. Leser, die man am Anfang verliert, sind verloren, also haben wir den Teil nach vorn geschoben, in dem Spillmann bei den Fragen nach seinem Leistungsausweis emotional schon auf einer erhöhten Betriebstemperatur pegelte.

Und jetzt noch die schwierigste Frage: Wie geht man eigentlich mit Antworten um, die der Interviewte wohl einkassieren würde, wenn man ihn fragen würde? Spillmann sagt zum Beispiel (exakt bei Timecode 39:40) im Zusammenhang mit seiner Rolle als Leitartikler folgende Sätze: „Die ,NZZ‘ ist eine Spezialistenredaktion, als Chefredaktor sind Sie immer in der Generalistenrolle. Es kann ja sein, dass Sie der Einzige sind, der einen geraden Satz schreiben kann, wenn Sie eine Regionalzeitung führen, bei uns ist das leider nicht so.“

Alle diejenigen, die bei einer Regionalzeitung arbeiten und dennoch einen geraden Satz zu einem wichtigen Thema schreiben können, werden diese Passage als arrogant empfinden. Daher würde eine Pressestelle, die den Namen verdient, den Satz sicher ändern. Vielleicht so: „Bei Regionalzeitungen konzentriert sich die publizistische Kompetenz im Gegensatz zur ,NZZ‘ oft in der Chefredaktion.“

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Man könnte den angriffigen Satz Spillmanns auch einfach rauswerfen, um kein Risiko einzugehen. Andererseits hat er ihn so gesagt. Ein anderes Beispiel: Wenn der „NZZ“-Chefredaktor „Scheisse“ sagt, darf man dann auch „Scheisse“ schreiben? Ich würde sagen: Ja. Der Chefredaktor der „Neuen Zürcher Zeitung“ ist auch nur ein Mensch. Und Menschen sagen sowas.

Sie sehen: Dieses Interview war ein Experiment. Und es ist Markus Spillmann hoch anzurechnen, dass er sich darauf eingelassen hat. Ich bin gespannt, ob andere seinem Beispiel folgen. Die Gesprächspartner würden damit in einer Welt risikoloser Blabla-Aussagen ein Risiko eingehen. Das Ergebnis allerdings wäre wahrhaftiger als vieles von dem, was Manager, Politiker, Sportler und Künstler Tag für Tag in der Presse absondern. Es ist nur so: Die absolute Kontrolle ist ihnen allen lieber als ein bisschen mehr Wahrhaftigkeit.

Markus Wiegand
Chefredaktor
"Schweizer Journalist"

Newsroom.de-Tipp: Das Editorial von Markus Wiegand erschien zuerst im "Schweizer Journalist". Das Schweizer Schwesterblatt von Newsroom.de gibt es auch digital - über die App „iKiosk“.

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