Leute vom 07.09.2012
Journalismus wird immer mehr zu Scripted Reality
Scharfe Worte zum Abschied aus der Behörde findet eine Dortmunder Oberstaatsanwältin zum Zustand des deutschen Journalismus: "Wenn die Geschwindigkeit wichtiger wird als der Inhalt, rutscht da etwas schief", sagt Ina Holznagel.
Dortmund - Acht Jahre lang hat die Juristin Ina Holznagel als Pressesprecherin in der Staatsanwaltschaft Dortmund gearbeitet. Jetzt hält sie im Gespräch mit Tobias Großekemper, Redakteur bei den "Ruhr Nachrichten", Journalisten einen Spiegel vor. Ihr Urteil über den Zustand des Journalismus fällt dabei vernichtend aus.
"In den letzten Jahren habe ich den Eindruck bekommen, dass manche Medienvertreter nicht anrufen, um zu erfahren, was eigentlich los ist. Die haben dann eine Geschichte und suchen dafür Bausteine", so Holznagel. "Man wird angerufen, um eine bestimmte Rolle zu spielen, oder man darf nicht mitspielen. Das ist teilweise wie "Scripted Reality". Und das geht mir wirklich auf den Wecker."
Oberstaatsanwältin Ina Holznagel findet, dass sich die Zusammenarbeit mit Journalisten in den vergangenen Jahren deutlich verschlechtert hat: "Das wird befeuert durch das Internet, durch die ins Hysterische umschlagende Geschwindigkeit, in der Berichterstattung erfolgen muss, wo keine Zeit mehr ist, um abzuwarten, was ermittelt worden ist. Redaktionen, die sich bemühen, bestimmte journalistische Qualitätsstandards zu halten, haben es schwer. Wenn die Geschwindigkeit wichtiger wird als der Inhalt, rutscht da etwas schief."
Besonders unangenehm sind der Top-Juristin Journalisten aufgefallen, die bei spektakulären Fällen in Dortmund "einfallen wie die Heuschrecke und diese Geschichte haben wollen. Nach einem bestimmten Muster wollen sie das haben, und ihnen ist dabei völlig egal, was mit den Menschen passiert, die ihrerseits unter einer solchen Katastrophe leiden."
Cornelia Haß, Bundesgeschäftsführerin der dju in Verdi, nimmt die Journalisten in Schutz und widerspricht der Pressestaatsanwältin. Zu NEWSROOM sagt sie: "Journalisten können ihr Handwerk, sie arbeiten seriös. Aber sie sind Teil einer Nachrichtenbeschleunigungsmaschine. In den Redaktionen steigt der Druck, neben Zeitungen müssen auch Onlineangebote bedient werden. Diese Entwicklung wirkt sich auch auf die Qualität aus", so Cornelia Haß. Dies sei aber nicht die Schuld der Reporter: "Das ist aber nicht in der Verantwortung der Kolleginnen und Kollegen, sondern der Verlage, die immer mehr wollen, aber nicht bereit sind, in Qualitätssicherung und Recherche investieren wollen."
Bülend Ürük
Was sagen Sie? Hat die Pressestaatsanwältin recht? Fallen Journalisten an Tatorten wirklich wie "Heuschrecken" ein und wollen eine Geschichte haben? Wie skrupellos sind Journalisten wirklich? Suchen Journalisten tatsächlich nur noch O-Ton-Geber, die in die Geschichte passen? Woran liegt das? Und wie sieht Ihre Zusammenarbeit mit der Justiz in Ihrer Redaktion aus? Wir freuen uns über Zusendungen an redaktion@newsroom.de.
