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Vermischtes vom 31.07.2013

Newsroom.de-Leser fassungslos: "Schämen sollte sich Kollege Heiser"

"Fassungslos" zeigt sich "Bild"-Berlin-Chefin Miriam Krekel, "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann fehlen offenbar auch die Worte, er schreibt auf Twitter ein erstauntes "meine Güte". Der Kommentar von "taz"-Redakteur Sebastian Heiser lässt niemanden kalt.

Berlin - Zahlreiche Leserinnen und Leser haben auf Twitter, Facebook und in E-Mails die Newsroom.de-Berichterstattung über den Beitrag von Sebastian Heiser in der "taz am Wochenende" vom vergangenen Samstag kommentiert.

In dem Beitrag, in dem er den Wegfall von bis zu 50 Redakteursstellen bei "Bild" und "BZ Berlin" thematisiert, schreibt Sebastian Heiser: "Die Vielfalt, mit der Bild und BZ Berlin bereichern, ist etwa so wertvoll wie die Vielfalt an Hundekacke auf der Straße". Newsroom.de hatte auf den Kommentar hingewiesen und Leserinnen und Leser um ihre Einschätzung gebeten. Die positiven Reaktionen finden Sie hier.

Ulrich Janßen ist seit Anfang 2011 Bundesvorsitzender der dju in ver.di. Er sagt: "Die Arbeitslosigkeit von Menschen als einen “Gewinn für die Stadt” zu bezeichnen, halte ich für zynisch, weil darin gewollt oder ungewollt eine gefährliche, illiberale Ideologie anklingt."

Artikel bewegt die Gemüter

Der Artikel lässt die Newsroom.de-Leser nicht kalt.

Wir dokumentieren die wichtigsten Kommentare, die uns erreicht haben.

Achim Schregle erklärt: "Das Niveau des Journalismus in diesem Land war schon einmal höher. Das liegt daran, dass weder Fernsehsender noch Verlage Lust haben, inhaltliche Risiken einzugehen.

Die Folge im Fernsehbereich: Dauerwiederholungen und gescriptete Realität. Im Print sind es Redaktionszusammenlegungen.

Natürlich hat Sebastian Heiser recht, dass sich Bild und BZ nicht sonderlich unterscheiden. Aber sich über Entlassungen von Kollegen zu freuen, ist ja wohl das Hinterletzte.

Die Reporter und Redakteure, Verzeihung, ReporterInnen und RedakteurInnen, tragen nicht die Verantwortung für die Richtung eines Blattes.

Natürlich sind weder Bild noch BZ der Inbegriff der Politischen Korrektheit, den die Leserschaft der taz gern definiert und insofern redet Sebastian Heiser wohl einem Großteil seiner Leser nach dem Mund.

Aber moralisch ist das um keinen Deut besser als eine stark zugespitzte Bild-Schlagzeile."

"Schämen sollte sich Kollege Heiser"

Auch auf Facebook beziehen Newsroom.de-Leser Stellung. "Schämen sollte sich Kollege Heiser", erklärt Corinna Fuchs-Laubach. "Und wenn er schon so schön selektiert, um wen es "schade" wäre und um wen nicht - schreibt er an der Kündigungsliste mit, damit die "Richtigen" übrig bleiben."

Julia Schmitz schreibt: "Springer hin oder her - was für ein Kollegenschwein."

Reinhard Peters findet: "Die Reaktion von S. Heiser ist einfach nur dumm und den KollegInnen gegenüber ganz schön mies." Peters appelliert an den taz-Redakteur: "Lieber Sebastian Heiser: Erst denken, dann schreiben! Solltest Du eigentlich drauf haben…..?!"

"Typisch für das linke Hetzblatt taz. Wer nicht der eigenen Meinung ist wir fertig gemacht ohne Ende. Vielleicht isses aber auch Neid, kann ja sein das die Journalisten bei der BILD besser verdienen als bei der taz. Niemand verdient die Arbeitslosigkeit", schreibt Karl Köhler. "Solidarität mit Kollegen geht anders!", glaubt Georg Weißling.

"Auch wenn man die Bild nicht mag (die BZ Berlin kann ich nicht beurteilen) - Arbeitslosigkeit ist nicht lustig und für die betreffenden Kollegen kein Gewinn", so Peter Frankemölle.

"Natürlich darf sich Heiser über die fragwürdigen Praktiken einiger Kollegen bei BILD und BZ echauffieren. Das halte ich sogar für seine Pflicht als seriösen Journalisten. Doch im Falle von Massentlassungen, die für sehr viele das Existenzende für ihren Beruf bedeutet, hört der Spaß auf. Das ist ausschließlich schlechter Stil und würdelos. Mal sehen, wie Heiser denkt, wenn er an der Reihe ist", findet Lothar Meinerzhagen.

"Arbeitsplatzverluste werden wir nicht gutheißen"

Nicht gutheißen kann den Kommentar Ulrich Janßen, Bundesvorsitzender der Deutschen Journalisten-Union. Er erklärt: "Hätte die Frage, ob man einen solchen Kommentar schreiben darf, nur eine Ja/Nein-Dimension, dann lautete die Antwort: Ja, das darf man. Es ist abgedeckt durch Art. 5 des Grundgesetzes, der Zynismus nicht verbietet. Selbstverständlich haben wir Journalisten die Aufgabe, Lügen, Erpressung und Bestechung zu entlarven und zu bekämpfen – egal, ob sie im Journalismus auftreten oder anderswo. Auch Kritik an Medien, nicht nur an Boulevardmedien, ist journalistische Aufgabe. Der Erhalt der journalistischen Ethik ist auch berufspolitische Aufgabe der dju in ver.di als Journalistengewerkschaft. Deshalb engagiert sich die dju so intensiv in der berufspolitischen Arbeit und im Presserat.

In der "taz am wochenende" am vergangenen Samstag ist der Meinungs-Artikel von Sebastian Heiser erschienen (Titelthema übrigens: "Was ist Verantwortung?"). Der taz-Redakteur erntet für seinen Beitrag "50 Mitarbeiter entlassen: Kein Mitleid mit Springer!" viel Kritik.

Obwohl ich an der Zulässigkeit des Kommentars nicht zweifle, habe ich daran vor allem Folgendes auszusetzen: Die Arbeitslosigkeit von Menschen als einen “Gewinn für die Stadt” zu bezeichnen, halte ich für zynisch, weil darin gewollt oder ungewollt eine gefährliche, illiberale Ideologie anklingt, wonach die Gewährung oder der Entzug eines Arbeitsplatzes bis hin zur Verbannung in die Erwerbslosigkeit taugliche Instrumente seien, um tatsächliches oder vermeintliches Wohl- oder Fehlverhalten zu sanktionieren.

Von dem nahe liegenden Unbehagen darüber, dass der Zynismus des Kommentators ausgerechnet Journalisten trifft, möchte ich mich nicht leiten lassen. Träfe er die Beschäftigten eines Restaurants, das wegen Verstoßes gegen Hygieneregeln geschlossen wurde, wäre auch das kein Grund, deren Arbeitslosigkeit zu feiern. 

Tatsächlich werden die Pläne zur Zusammenlegung der beiden Redaktionen noch entworfen und sind nicht bekannt. Es wird bisher nur nicht ausgeschlossen, dass in Verlag und Redaktion weniger Personen beschäftigt sein werden als zurzeit. Wir als ver.di werden das kommentieren, sobald Konkretes bekannt wird, und wir werden Arbeitsplatzverluste sicherlich nicht gutheißen.

Prinzipiell ist jeder Arbeitsplatz weniger auch weniger Pressevielfallt und Pressefreiheit", so Ulrich Janßen, Bundesvorsitzender der Deutschen Journalisten-Union.

"Als Journalist darf man sich nicht über die Vernichtung journalistischer Arbeitsplätze freuen"

Die Newsroom.de-Berichterstattung hat Hendrik Zörner, Pressesprecher des Deutschen Journalisten-Verbandes, gleich als Anlass für einen Blogpost genommen. Hendrik Zörner stellt sich gegen Sebastian Heiser, hält nichts von der Kritik des "taz"-Redakteurs: "Man muss ihn nicht mögen, den Boulevardjournalismus. Man muss nicht die BILD oder die Berliner B.Z. lesen, wenn man als Journalist den gebildeten Schichten der Gesellschaft angehört.

Was man als Journalist aber keinesfalls machen darf, auch nicht als Schreiber der taz, ist sich öffentlich über die Vernichtung journalistischer Arbeitsplätze zu freuen. Auch dann nicht, wenn es die vermeintlichen Krawallreporter des Boulevardjournalismus trifft. Denn es sind Kollegen, deren berufliche Existenzen zur Disposition stehen. Da sie bei der B.Z. arbeiten, wissen sie, wie man vereinfacht und gelegentlich auch austeilt. Davon versteht die taz aber auch eine Menge."

Und Zörner fragt, aber wohl eher rhetorisch: "Gibt es eigentlich außer dem Journalismus eine andere Branche, in der Beschäftigte über Entlassungen in anderen Betrieben öffentlich in Jubel ausbrechen?"

"Absolut unterirdischer Kommentar"

"Dieser taz-Kommentar über die Kollegen von der BZ ist absolut unterirdisch und zeigt, wieviele Einschränkungen es in diesem Mindestlohn-Hirn gibt", schreibt Eberhard von Elterlein. "Da fäll einem nichts mehr ein - Solidarität ist da offenbar ein Fremdwort!", so Petra Lohse.

"Ob man die Springer-Presse mag oder nicht, ist aus Sicht der Journalistenverbände DPV und bdfj weniger die Frage, als die nach dem Sinn und Zweck einer pluralistischen Gesellschaft. Wenn Sebastian Heiser in der taz diejenigen kritisiert, die keine „alternativen Lebensentwürfe“ mögen, sollte man die Sache vielleicht einmal andersherum denken: Wie würde Deutschland heute dastehen, hätte es in den 1960er Jahren keine Pressefreiheit für die Publizierenden gegeben, die sich gegen den seinerzeitigen Mainstream gestellt haben?

Heiser trifft mit seinen Aussagen nicht nur seine Kollegen von den ungeliebten Nachbarblättern – nein. Denn es gibt ihn eben, den so genannten „Stammtisch“, und ja, es gibt erzkonservative Leser. Sie mögen andere Vorstellungen vom Leben haben als ein taz-Redakteur und sein Umfeld, und deswegen lesen sie Bild, BZ oder andere Blätter.

Die Entlassungen treffen in erster Linie auch nicht Springer, wie die Überschrift des Artikels suggerieren mag. Der Verlag selber handelt offensichtlich aus purem Gewinnstreben. Auf der Strecke bleiben dabei die Berichterstatter. Pressefreiheit ist keine Theorie, sondern einer der elementaren Rechtsbestandteile unserer Demokratie. Solange sich Medien im Rahmen der Rechtsordnung bewegen, wird sich das Journalistenzentrum Deutschland für deren Vielfalt und freie Meinungsäußerung einsetzen.

Darf man sich über den anstehenden Jobverlust bei Axel Springer freuen? Was sagen Sie? Schreiben Sie uns bitte per E-Mail an chefredaktion@newsroom.de. Gerne können Sie Ihre Meinung auch auf Facebook kundtun.

Die Aussage, dass die Arbeitslosigkeit der Kollegen ein Gewinn für die Hauptstadt und die Betroffenen selbst sei, halten wir für falsch. Dass sich über den drohenden Verlust von Arbeitsplätzen unter Kollegen in anderen Betrieben damit öffentlich lustig gemacht wird, können wir als Berufsverbände für Journalisten nicht gut heißen. Wir von DPV und bdfj werden jedenfalls alles in unserer Macht stehende tun, um unsere betroffenen Mitglieder so gut es geht zu unterstützen“, so Kerstin Nyst, Pressesprecherin des Journalistenzentrum Deutschland.

"So einen Kollegenschwein-Beitrag traue ich BILD nicht zu"

"Wer maßt sich an, besser zu sein, nützlicher für wen und was überhaupt, als ein anderer Mensch? Von einer nibelungentreuen Kollegialität über die Gesinnungs-Gräben hinaus halte ich übrigens nichts.

Aber - was ist mit Moral? Sollte ich einem Heiser nun ganz genau auf die Schreiber-Finger schauen? Ob er sein Handwerk beherrscht? Ob er keinen Fehler macht? Ob er weiß, mit Verantwortung umzugehen? Ob er bescheiden genug für seinen Beruf ist? Wessen Einladungen er folgt, für wen und was er kategorisch und aus Prinzip taub ist? Nicht einfach da zu bestehen, bei so viel Hochmut", schreibt Chuck Knox auf unserer Facebook-Seite.

Für Hanns Hoennekes steht fest: "Ich mag weder BILD noch taz, aber so einen Kollegenschwein-Beitrag wie Heiser's traue ich BILD nicht zu."

"Das ist typisch taz. Sie legt fest, wer darf und wer nicht. Ein Blatt, das zum Beispiel beim Zwangsouting von Peter Altmaier gegen alle journalistischen Standards verstoßen hat und es auch bei den Auswirkungen der Energiewende nicht immer mit der Wahrheit hält. Ich könnte jetzt sagen: Dieses Blatt braucht keiner - tue ich aber nicht, weil ich es eine Bereicherung finde, in einer Demokratie auch andere Meinungen zu lesen. Armer Journalismus 2013", bedauert Dennis Fischer.

Der freie Journalist Benno Stieber erklärt: "In Deutschland herrscht Pressefreiheit, das scheint Sebastian Heiser zu bedauern. Und schwingt sich soweit man das aus den Zitaten schließen kann zum Richter darüber auf, wer Journalist blieben darf und wer zu Recht seinen Job verliert. Ich will jetzt nicht den gleichen Fehler machen und darüber richten, ob er schreiben darf, was er geschrieben hat.

Es spricht für die innere Pressefreiheit der taz, dass sie diesen Kommentar gedruckt hat. So gesehen kann man Heiser nur zu seinem Arbeitgeber beglückwünschen, der ihm möglichst lange erhalten bleiben möge. Denn die Krise unterscheidet ja nicht zwischen redlichen und vermeintlichen Gossenjournalisten. Das dürfte sich auch schon bis zu Herrn Heiser herumgesprochen haben", so Stieber, der im Ehrenamt Vorsitzender von Freischreiber ist, dem Berufsverband freier Journalistinnen und Journalisten.

Bülend Ürük

 

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