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Die wichtigen Karriereentscheidungen wirken oft erst später

Die wichtigen Karriereentscheidungen wirken oft erst später Albert Attila

Karrierecoach Albert Attila rät dazu, bei beruflichen Weichenstellungen nicht nur auf kurzfristige Nachteile zu schauen. Entscheidend seien strategische Entscheidungen, deren Vorteile sich oft erst nach mehreren Jahren zeigen.

Berlin – Wer auf seinen bisherigen Berufsweg zurückblickt, wird feststellen, dass er durch ganz unterschiedliche Faktoren zustande gekommen ist. Vieles hat man selbst erreicht, manches ergab sich aus den Umständen oder wurde erst durch andere möglich. In der Gesamtschau sind es dabei aber meist wenige, dafür grundlegende Entscheidungen, die einen prägenden Einfluss auf die gesamte weitere Karriere haben: Weichenstellungen, aus denen sich die berufliche Richtung und die nächsten Stationen (Arbeitgeber, Positionen) ergeben – damit aber auch Aufgabeninhalte, Einkommen, Einfluss, Sicherheit und Perspektive.


Diese strategischen Weichenstellungen sollte man von Detailfragen unterscheiden, auf die es langfristig gar nicht weiter ankommt, und bewusst treffen. Das bedeutet: Die eigenen Prioritäten, Ziele und Werte kennen und danach entscheiden. Speziell für Medienprofis geht es dabei, je nach Lebensalter, typischerweise um folgende Grundsatzfragen:

  • 20 bis 30 Jahre: Die Entscheidung für eine bestimmte Mediengattung (Zeitung, Magazin, Digital, Fernsehen oder Radio) und den ersten Arbeitgeber;
  • 30 bis 40 Jahre: Die Entscheidung zwischen einer Fach- oder Führungskarriere sowie zwischen dem Arbeiten als Generalist oder als Spezialist;
  • 40 bis 50 Jahre: Die Entscheidung zwischen beruflicher Routine, die ausreichend Zeit für Familie und Privates erlaubt, oder einer neuen Herausforderung;
  • 50 bis 60 Jahre: Die Entscheidung für einen konstruktiven Umgang mit Krisen (z. B. Trennung, Krankheit) und das Nutzen neuer Freiräume (Kinder aus dem Haus);
  • 60 bis 70 Jahre: Die Entscheidung zwischen dem Ausstieg (Altersteilzeit, Rente) oder einer selbstbestimmten Fortsetzung des Berufslebens.

 

Eigenen Zielen, Werten und Vorlieben folgen

Die meisten dieser Weichenstellungen lassen sich dabei nicht objektiv „richtig“ oder „falsch“ treffen, sondern folgen subjektiven Kriterien. Beispiel: Eine Führungskarriere (z. B. Aufstieg vom Reporter zum Ressortleiter) bringt eine hierarchische und finanzielle Verbesserung, erlaubt dafür weniger eigenes Recherchieren und Schreiben, erfordert die ständige Präsenz in der Redaktion und in Meetings sowie das Führen von Mitarbeitern. Wer das nicht will, wird mit einer Fachkarriere (z. B. Chefreporter, Autor) glücklicher und schaut dann auch nicht neidisch auf den Ressortleiter, weil er dessen Tätigkeit eben nicht wollte.


Um sich an den genannten beruflichen Wendepunkten so zu entscheiden, dass man auch im Rückblick damit zufrieden ist, muss man sich selbst kennen – wer bin ich, was will ich? – und dabei ehrlich zu sich sein. Erst das erlaubt, sich unabhängig von dem zu machen, was andere wollen oder vorschlagen bzw. was allgemein als erstrebenswert gilt. Beispiel: Die Mehrheit der Arbeitnehmer möchte angestellt sein, weil ihnen Berechenbarkeit und Sicherheit am wichtigsten sind; für einige passt dagegen eine Selbständigkeit besser, weil sie freier entscheiden und gestalten wollen und so auch mehr verdienen können.

Als Redakteur bekam ich z. B. mit Mitte 20 das Angebot, als Lokalchef in eine andere Redaktion zu wechseln. Ich sagte zu, weil es für mich an der Zeit war, mich von meinem bisherigen Umfeld und einem wichtigen Mentor zu emanzipieren. Die meisten anderen Kollegen blieben und richteten sich vor Ort ein, kauften z. B. ein Haus. Mir bot man später an, eine Regionalredaktion zu übernehmen. Viele hätten sofort zugesagt. Ich lehnte ab, weil ich nicht auf die „Provinz“ festgelegt werden wollte, und bewarb mich nach Berlin. Wiederum später löste ich meinen langjährigen Arbeitsvertrag auf, weil ich bei meinem damaligen Arbeitgeber keine Perspektive mehr sah, und nahm ein Angebot im Ausland an. Andere hätten das als zu riskant bewertet bzw. es hätte nicht zu deren Lebensplanung gepasst.

 

Mittel- bis langfristige Vorteile zählen

Bei Weichenstellungen geht es also um strategische Vorteile, die häufig erst mittel- bis langfristig (3-5 Jahre) voll zum Tragen kommen. Sie erlauben dafür einen Aufstieg bzw. eine Neupositionierung bezüglich der Aufgaben, des Einflusses, der Hierarchieebene oder Einkommensklasse. Dafür kann man kurzfristige Nachteile (1-2 Jahre) in Kauf nehmen. Beispiel: Bei stagnierender Karriere in einem Medienkonzern für den Wechsel in ein mittelständisches Medienhaus entscheiden, obwohl es weniger renommiert ist und abseits der Großstädte liegt, weil dort eine Top-Führungsposition angeboten wird.

 

Gelegentlich muss man sich bei seinen persönlichen Weichenstellungen auch Kritik von anderen anhören, manchmal motiviert von Neid, manchmal von Sorge (Eltern, Partner): „Du kannst doch jetzt nicht aufgeben, was du dir bisher erarbeitet hast“, „Gerade jetzt wäre ich vorsichtig, du kennst doch die Lage überall“, „Du scheinst es ja besser als alle anderen zu wissen”. Berufliche Empfehlungen sollte man sich jedoch von neutraler, kompetenter Stelle (z. B. Mentor, Karriereberater) geben lassen und sich zudem darüber klar sein, dass viele Menschen eher das empfehlen, was sie sich eigentlich selbst wünschen.

Selbst habe ich beispielsweise mit Ende 30 berufsbegleitend noch ein dreijähriges Studium (Digitalisierung) absolviert. Es wurde von meinem damaligen Arbeitgeber finanziell gefördert, allerdings von einigen Redaktionskollegen spöttisch kritisiert: „Was willst du denn damit machen – Webdesigner mit 40?” Doch die zeitliche und finanzielle Anstrengung zahlte sich vielfach aus, denn das Studium war inhaltlich und persönlich anregend und eröffnete mir neue berufliche Perspektiven (z. B. als Trainer und Workshopleiter). Zudem führte es mich anschließend, über eine weitere einjährige Ausbildung, in den Coaching-Bereich.

Kurskorrekturen sind auch in späteren Lebensphasen möglich, dann aber schwieriger. Beispiel: Wer inzwischen eine Familie gegründet hat, wird ein Stellenangebot an einem weiter entfernten Ort zögerlicher bewerten oder gar nicht in Betracht ziehen, selbst wenn es beruflich gesehen sinnvoll wäre. Zudem sind späte Kurskorrekturen weniger wirkungsvoll, weil man von der Karrierephase und dem Lebensalter her manches inzwischen hinter sich hat, nicht mehr angeboten oder zugetraut bekommt. Wer seine Weichenstellungen früh vornimmt, kann seinen gesamten weiten Kurs neu ausrichten und deutlich weiterkommen.

 

Zur vergangenen Kolumne: Berufliche Zukunft nicht aufschieben

 

Zum Autor: Attila Albert (geb. 1972) begleitet Medienprofis bei beruflichen Veränderungen. Er hat mehr als 25 Jahre journalistisch gearbeitet, u.a. bei der Freien Presse, bei Axel Springer und Ringier. Begleitend studierte er BWL, Webentwicklung und absolvierte eine Coaching-Ausbildung in den USA.

www.media-dynamics.org 

 

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