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Karriere ohne Chefposten: Wie Medienprofis sich trotzdem weiterentwickeln

Karriere ohne Chefposten: Wie Medienprofis sich trotzdem weiterentwickeln Attila Albert

Nicht jeder möchte Teamleiter, Ressortchef oder Chefredakteur werden. Warum das so ist, welche Risiken dauerhafte Stagnation birgt und welche Alternativen es zum hierarchischen Aufstieg gibt, erklärt Karrierecoach Attila Albert.

Berlin – Lange war es für Medienprofis ein selbstverständliches Ziel, im Laufe der Zeit hierarchisch aufzusteigen, sich z. B. vom Redakteur zum Team- oder Ressortleiter zu entwickeln und danach eventuell sogar eine Chefredaktion zu übernehmen. Das war und ist bis heute der sicherste Weg, sein Einkommen deutlich zu steigern und überhaupt Zugang zu bestimmten Extras (Tantiemen, Prämien, Aktienoptionen) zu bekommen. Zudem lockten mehr Einfluss und Gestaltungsfreiheit sowie angenehme Zusatzleistungen – vom eigenen Büro mit Aussicht und Sekretärin bis zum Dienstwagen. Doch für viele ist das heute kein reizvolles Ziel mehr, und das gilt nicht nur für die „Generation Z“ (geboren zwischen 1995 und 2012).

 

Auch Medienprofis im mittleren Lebensalter, die bereits einige Führungskräfte beobachten konnten, sind weniger interessiert. Sie konnten erleben, wie sich ihre Chefs in Zielkonflikten aufgerieben haben und problematische Entscheidungen vertreten mussten, die sie selbst ganz anders getroffen hätten. Nicht selten sahen sie, wie schnell Chefs heute oft ersetzt werden. Das höhere Gehalt relativiert sich angesichts der Steuern und Abgaben, viele früher übliche Extras gibt es gar nicht mehr. Zudem sind private Aspekte wichtiger geworden, will man z. B. kaum noch die nötigen Überstunden machen. Doch wer sich gegen einen Aufstieg entscheidet, steht vor der Frage: Welcher Entwicklungsweg bleibt dann?

 

Selbst gewählte Stagnation zeitlich begrenzen

Tatsächlich ist es möglich und erlaubt, sich ohne höhere Ambitionen dem redaktionellen Tagesgeschäft zu widmen und ansonsten aufs Wochenende und den nächsten Urlaub zu freuen. Als Karrierecoach für Medienprofis begleite ich immer wieder Redakteure, die das manchmal bereits seit zwei oder drei Jahrzehnten so praktizieren. In dieser Zeit haben sie gelegentlich den Themenschwerpunkt oder sogar das Ressort gewechselt, hier und da auch ein Sonderprojekt betreut, sind aber nie aufgestiegen. Nicht selten handelt es sich dabei um Alleinverdiener, etwa alleinerziehende Eltern, die eine Führungsposition zu viel Zeit und Kraft kosten würde und die auch keinen externen Wechsel riskieren wollen.

 

Für eine gewisse Zeit ist das eine sinnvolle Strategie. Das langfristige Problem bei diesem Vorgehen ist, dass die Medienbranche und generell die Arbeitswelt (Tätigkeitsprofile, erwartete Qualifikationen und Kompetenzen) nicht stehen bleiben, auch wenn man sich selbst dafür entschieden hat. Man muss in diesem Fall damit leben, dass andere an einem vorbeiziehen, die möglicherweise weniger talentiert, engagiert und erfahren sind – dafür mutiger und entschlossener. Das geschieht oft zum eigenen Nachteil. Besser ist es daher, selbst gewählte Phasen der beruflichen Stagnation (z. B. wegen kleiner Kinder, pflegebedürftiger Angehöriger, privater Umbrüche wie einer schwierigen Trennung) auf maximal ca. fünf Jahre zu begrenzen. Danach sollte man sich weiterentwickeln.

 

Nicht ins berufliche Abseits drängen lassen

Wer das nicht tut, gerät unmerklich, aber gravierend ins Abseits. Bekommt zunehmend unbeliebte Pflichtaufgaben (z. B. Spät- und Schlussdienste, Agenturtexte umformulieren, Meldungen schreiben), wird bei Gehaltserhöhungen nicht mehr berücksichtigt oder sogar zurückgestuft (z. B. niedrigere Tarifgruppe mit Verrechnung früherer außertariflicher Zulagen, Versetzung in eine Tochtergesellschaft mit schlechteren Vertragsbedingungen). Während man eigentlich nur unverändert seine Arbeit erledigen wollte, erodiert die eigene Position im Unternehmen, weil der Eindruck entstanden ist, dass man nicht mehr besonders ambitioniert sei und alles hinnehmen würde, nur um bleiben zu können.

 

Damit beantwortet sich auch die häufige Frage, ob man denn ständig neue Ziele brauche und es nicht einmal genug sein müsse. Philosophisch gesprochen: Solange etwas lebt, verändert es sich, das gilt für einzelne Menschen wie für Organisationen. Veränderungen sind damit nicht zu vermeiden, und das Ziel sollte eher sein, sie zu einem wesentlichen Grad nach eigenen Bedürfnissen und Wünschen mitzubestimmen. Wer sich dem verweigert, muss feststellen, dass dann andere für einen entscheiden, die dabei ihre Interessen durchsetzen. Stagnation führt zudem dazu, dass man fachlich schwächer wird und schließlich ganz zurückbleibt, wenn sich alles andere weiterbewegt. Beispiel: Wer sich den nächsten Schritten der Digitalisierung (aktuell: KI) verweigert, wird sie nicht aufhalten oder seine Stelle trotzdem behalten, sondern langfristig verdrängt werden.

 

Wechsel auf gleicher Ebene oder Spezialisierung

Wer keinen Aufstieg anstrebt, kann auf gleicher Ebene wechseln, um sich zu verbessern: in ein anderes Team, in ein anderes Ressort (z. B. als Redakteur von News zu Wirtschaft) oder zu einem anderen Medium im Unternehmen – alternativ zu einem anderen Arbeitgeber. Damit lässt sich inhaltliche Abwechslung schaffen, die einen geistig wieder anregt. Oft ist es möglich, von den neuen Vorgesetzten und Kollegen wieder etwas dazuzulernen (z. B. andere Recherchemethoden, redaktionelle Abläufe, digitale Werkzeuge), mehr noch bei einer veränderten Unternehmensgröße und -kultur (z. B. vom Fach- zum Publikumsverlag). Oft lassen sich weitere Verbesserungen erreichen, beispielsweise eine Gehaltserhöhung oder andere höhere Zulagen, günstigere Arbeitszeiten oder ein kürzerer Arbeitsweg.

 

Ein anderer Weg ist die Fachkarriere, also die Spezialisierung. Dabei sind grundsätzlich drei Richtungen denkbar: 1. die Wahl eines bewusst eng gefassten Themengebietes (z. B. Energie- oder Agrarwirtschaft), in dem man besondere Kenntnisse und Kontakte aufbaut; 2. die Wahl einer besonderen Arbeitsmethode (z. B. Investigativ- oder Datenrecherche), die andere nicht so leicht imitieren können, oder 3. die Wahl eines eigenen Umsetzungsstils (z. B. Ich-Reportagen, Texte im Paket mit selbst produzierten Audio- oder Videoinhalten). Vieles davon lässt sich anfangs autodidaktisch angehen und umsetzen. Mittelfristig empfiehlt sich aber eine formale Weiterbildung, um die neuen Kenntnisse und Kompetenzen zu systematisieren, zu vervollständigen und leichter belegen zu können.

 

Zur vergangenen Kolumne: Weiterbildung als Karriere-Investment

 

Zum Autor: Attila Albert (geb. 1972) begleitet Medienprofis bei beruflichen Veränderungen. Er hat mehr als 25 Jahre journalistisch gearbeitet, u.a. bei der Freien Presse, bei Axel Springer und Ringier. Begleitend studierte er BWL, Webentwicklung und absolvierte eine Coaching-Ausbildung in den USA.

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