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Schluss mit faulen Kompromissen: Warum halbe Lösungen Medienprofis beruflich und privat ausbremsen

Schluss mit faulen Kompromissen: Warum halbe Lösungen Medienprofis beruflich und privat ausbremsen Attila Albert

Karriere-Coach Attila Albert erklärt, warum Kompromisse auf Dauer die eigenen Ziele verwässern – und wie man wieder klarer, konsequenter und authentischer arbeitet.

Berlin – Wie lange soll man einen Kompromiss noch mittragen, wann ist es genug? Diese Frage stellt sich beruflich wie privat immer wieder. Der Beginn eines neuen Jahres kann der Anlass sein, „die Dinge wieder zurechtzurücken“: sich erneut darauf zu besinnen und nun endlich einzufordern bzw. auszuhandeln, was man ursprünglich schon wollte und damals nur nicht durchsetzen konnte. Dabei macht es keinen Unterschied, ob der Kompromiss erst kürzlich oder schon vor langer Zeit eingegangen wurde. Selbst etwas, das jahrelang auf eine bestimmte Weise lief, muss nicht ewig so weitergehen, wenn es nicht mehr passt.

 

Kompromisse sind dabei nicht per se schlecht, sondern der häufigste Weg, um Konflikte zu lösen: Mindestens eine Seite verzichtet freiwillig auf Forderungen, um eine Einigung zu ermöglichen. Hier typische Kompromisse im Berufsleben:

  • Um eine Stelle zu bekommen, haben Sie widerwillig Zugeständnisse bei Position, Arbeitsort oder Gehalt gemacht. Dauerhaft wollen Sie das aber nicht hinnehmen.
  • Ihr Team ist ständig unterbesetzt. Sie helfen pragmatisch aus, indem Sie immer wieder anderswo einspringen, verzetteln sich dadurch aber selbst.
  • Neben einer Festanstellung haben Sie eigene Projekte, die Sie sich aber immer erst genehmigen lassen müssen. Sie fühlen sich eingeschränkt und gebremst.
  • Sie haben sich auf eine Führungsposition beworben, wurden aber in eine Doppelspitze gedrängt. Die geteilte Verantwortung funktioniert für Sie nicht.


Jeder Kompromiss stellt einen Mittelweg dar, der für beide Seiten akzeptabel ist. Er ist damit aber auch immer nur „eine halbe Sache“. Gibt es kein attraktives gemeinsames Ziel mehr oder glaubt eine Seite, nun etwas Besseres aushandeln zu können oder anderswo zu finden, kommt der Kompromiss an sein Ende. Das ist insbesondere der Fall, wenn nur eine Seite echte Zugeständnisse gemacht hat oder diese nur bedingt freiwillig erfolgt sind (z. B. mangels Alternative). Das Ende eines Kompromisses ist dann die Chance, künftig mehr nach eigenen Zielen und Werten zu leben und zu arbeiten. Hierzu einige Anregungen.

 

Kompromisse identifizieren und überdenken

Der erste Schritt ist, sich (wieder) darüber klar zu werden, welche Kompromisse Sie einmal eingegangen sind, die Sie aber nicht mehr weitertragen wollen. Je länger sie zurückliegen, umso schwerer fällt es häufig, sich noch an die genauen Umstände zu erinnern und daran, warum Sie damals zugestimmt haben. Beispiel: Sie haben im Bewerbungsprozess ein niedrigeres Gehalt akzeptiert, als Sie eigentlich wollten, um die Stelle zu bekommen. Nach Ihrer Erinnerung wurde Ihnen damals versprochen, dass man „später noch einmal darüber reden“ könne. Sechs Monate später will Ihr Arbeitgeber nichts mehr davon wissen, und Sie zweifeln inzwischen selbst, wie verbindlich diese Zusage damals wirklich gemeint war.

 

Tipp: Notieren Sie sich nach wichtigen Ereignissen und Gesprächen (z. B. mit dem Chef) in einigen Stichpunkten, was vorgefallen ist und gesagt wurde. So können Sie auch nach langer Zeit überprüfen, ob Ihre Erinnerung korrekt ist und was die Details waren.

 

Klarheit darüber, was Ihnen wichtig ist

Häufig verwässern Kompromisse für einen selbst, was man eigentlich wollte. Irgendwann ist man sich, nach all den Diskussionen und Zugeständnissen, selbst nicht mehr ganz sicher, auf welche Punkte man – auch bei Widerstand – bestehen sollte und was einem weniger wichtig ist. Gerade Menschen, die immer zuerst an die Bedürfnisse anderer denken und nicht genau wissen, was sie selbst wollen, zweifeln an ihrem Urteil. Unsicherheit, mangelnde Entschlusskraft und Konsequenz werden allerdings ausgenutzt. Beschäftigen Sie sich daher zwar mit den Bedürfnissen und Wünschen der Gegenseite (z. B. des Arbeitgebers), klären Sie aber vorab Ihre eigenen und ordnen Sie sie nach Wichtigkeit.

Tipp: Suchen Sie das regelmäßige Gespräch mit einem neutralen Vertrauten (z. B. Mentor, Coach), um ohne Scheu auszusprechen und zu diskutieren, was Ihnen wirklich wichtig ist. Das hilft, die Gedanken zu ordnen und konsistente Ansichten und Ziele zu entwickeln.

 

Kompromisse zeitlich begrenzen

Kompromisse entschärfen zwar einen Konflikt, indem sie eine Lösung schaffen, mit der beide Seiten leben können. Aber irgendwann kann es an der Zeit sein, zu dem ursprünglichen Konflikt zurückzukehren und nun eine andere Lösung zu suchen – diesmal mit besseren Konditionen für Sie. Beispiel: Sie haben sich darauf eingelassen, mehr Verantwortung zu übernehmen, ohne dafür befördert und besser bezahlt zu werden. Ein Jahr später fordern Sie, dass Sie Aufgaben wieder abgeben können oder vertraglich heraufgestuft werden. Hier kann die teilweise frustrierende Zeit des Kompromisses dazu beitragen, eigene Forderungen entschlossener vorzutragen und konsequenter einzufordern.

Tipp: Sehen Sie Kompromisse grundsätzlich als zeitlich begrenzte Lösung an, sozusagen mit eingebautem Verfallsdatum. Sie haben gerade nach eigenen Zugeständnissen immer das Recht, zum Ausgangspunkt zurückzukehren und neu zu verhandeln.

 

Kräfte wieder auf ein Ziel fokussieren

Kompromisse führen widersprüchliche Ziele zusammen. Das bedeutet aber auch, dass keines der Ziele ganz verfolgt werden kann. Auf Dauer ist das unbefriedigend und verhindert ein kraftvolles Engagement in eine klare Richtung. Beispiel: Sie wollten sich selbstständig machen, haben es zur Absicherung aber nur in Teilzeit getan. Das reduziert das Risiko, aber gleichzeitig können Sie sich so weder Ihrer Angestelltentätigkeit noch Ihrer Selbstständigkeit ganz widmen und kommen in beidem nur mäßig voran. Beenden Sie daher Kompromisse nach einer bestimmten Zeit. Das setzt bisher gebundene Kräfte frei und erlaubt Ihnen, sich ganz auf das Ziel zu konzentrieren, das Ihnen am wichtigsten ist.

Tipp: Identifizieren Sie, was Sie mit einem Kompromiss genau erreichen wollten. Häufig lässt sich das nach einiger Zeit auch auf andere Weise erreichen oder ist gar nicht mehr nötig – und dann müssen Sie den Kompromiss auch nicht mehr weiterführen.

 

Eigene Verhaltensmuster überprüfen und ändern

Jeder eingegangene Kompromiss sagt auch etwas darüber aus, was Ihnen wirklich wichtig ist – und in der Summe aller Kompromisse erkennen Sie Ihre Verhaltensmuster. Falls sich dabei zeigt, dass sie Ihnen schaden, sollten Sie sie überdenken und ändern (z. B. mit Hilfe eines Therapeuten). Beispiel: In Konflikten geben Sie aus Angst, andere zu enttäuschen, schließlich meistens klein bei. Damit können Sie aber nie Ihr eigenes Potenzial ausschöpfen. Insgesamt sollten Kompromisse die Ausnahme sein. Wenn Sie fortlaufend welche eingehen, zeigt das, dass eine grundsätzliche Veränderung notwendig ist, etwa der Wechsel des Arbeitgebers, weil dessen Werte gar nicht mit Ihren übereinstimmen.

Tipp: Seien Sie ehrlich zu sich selbst, warum Sie Kompromisse eingehen: Haben Sie Angst, ansonsten gar nichts zu erreichen? Wollen Sie Streit vermeiden, nicht als egoistisch gelten, andere glücklich machen? Wer seine Schwächen kennt, kann sie gezielt angehen.

 

Zur vergangenen Kolumne: Fünf Krisen-Kompetenzen für harte Zeiten

 

Zum Autor: Attila Albert (geb. 1972) begleitet Medienprofis bei beruflichen Veränderungen. Er hat mehr als 25 Jahre journalistisch gearbeitet, u.a. bei der Freien Presse, bei Axel Springer und Ringier. Begleitend studierte er BWL, Webentwicklung und absolvierte eine Coaching-Ausbildung in den USA.

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