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Wie glaubwürdig ist eine Behörde als Quelle?

Hochkarätig war der „Mainzer Medien Disput“ in Berlin besetzt. Die Suche nach Antworten auf die Frage „Black Box NSU – Warum ist die Aufarbeitung des rechtsextremen Terrors gescheitert?“ gestaltet sich aber weiterhin als schwierig. Von Christoph Nitz.

Berlin - Moderator Thomas Leif, Chefreporter des SWR, hatte nach der Rolle der Medien bei den NSU-Morden gefragt und warum sich häufig Mutmaßungen der Ermittlungsbehörden als Tatsachenbehauptungen in den Medien wiederfinden.

„Journalisten müssen Quellenvielfalt herstellen und Mitteilungen der Ermittlungsbehörden überprüfen“, fordert Tanja Thomas, Co-Autorin der OBS-Studie „Das Unwort erklärt die Untat“ zur Berichterstattung über die NSU-Morde. Die Wissenschaftlerin kritisierte besonders, dass Medien die Glaubwürdigkeit der Quellen nicht überprüft hätten.

 


Ein hochkarätig besetztes Podium stellte sich am Donnerstagabend der Diskussion  zum Thema „Black Box NSU – Warum ist die Aufarbeitung des rechtsextremen Terrors gescheitert?“ (von links): Andreas Förster, Berliner Zeitung; Dr. André Hahn (MdB) Vorsitzender des Parlamentarischen Kontrollgremiums der Nachrichtendienste; Barbara John, Ombudsfrau für die Hinterbliebenen der Opfer der NSU-Morde; Moderator Prof. Dr. Thomas Leif, Chefreporter SWR; Holger Münch, Präsident des Bundeskriminalamts (BKA); Tanja Thomas, Medienwissenschaftlerin Universität Tübingen; Hartmut Aden, Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin. Foto: Ulli Winkler

 

 

Geheimdienst-Experte Andreas Förster, Journalist bei der „Berliner Zeitung“, wies darauf hin, dass Journalisten einen „unkritischen Umgang mit Behörden“ pflegten. „Man wird gefüttert“ und als Gegenleistung werde erwartet, dass die „Sicht der Behörden übernommen wird.“

Die Studie der Otto Brenner Stiftung, die mit dem Podium in Berlin vorgestellt wurde, weist nach, dass dieses Vertrauen in die Arbeit der Strafverfolgungsbehörden dazu führte, dass „die vorgelegten Mutmaßungen auch als glaubwürdig eingestuft wurden.“ Deshalb wurden die Vermutungen der Polizei von den Medien als Tatsachenbehauptungen transportiert und ein Jahrzehnt lang wurden die Opfer als mögliche Täter diskreditiert.

Die zumindest merkwürdige Auslegung der Aufgaben von Journalisten bei der Berichterstattung über Straftaten wie die rassistische Mordserie des NSU und anderen Ermittlungen fand Holger Münch, Präsident des Bundeskriminalamts (BKA) problematisch, dies sei „nicht Informationssteuerung sondern Beeinflussung.“

Münch ist seit 1. Dezember Chef der Behörde und konstatierte, „wir leben davon, dass Zeitungen kritisch auf Ermittlungen blicken.“ Die Bevorzugung einzelner Journalisten bei der Pressearbeit sei nicht sein Stil. Er wolle mehr Offenheit in seiner Behörde erreichen, denn so könnten Fehler vermieden oder zumindest korrigiert werden.

Die Gesellschaft müsse sich fragen, unter welchen Bedingungen Journalismus gemacht werde, empfahl Tanja Thomas. Seit Jahren werde beklagt, dass in Redaktionen zu wenig Journalisten mit migrantischem Hintergrund arbeiteten.  Auch das abendliche Podium habe hier keine Ausnahme gemacht, so Kritik einer Vertreterin der Neuen Deutschen Medienmacher, die zuvor gelobt wurden.

Positiv sei allerdings, so die Wissenschaftlerin, dass die Sensibilisierung bei Journalisten für Straftaten mit rechtsextremen Hintergrund gestiegen sei. Journalist Förster wünschte sich, dass die Arbeitsbedingungen für Journalisten verbessert werden müssten, besonders Mittel für Recherche müssten verstärkt bereitgestellt werden. Er habe allerdings die Hoffnung, dass der Journalismus aus den Fehlern in der Berichterstattung zu den NSU-Morden gelernt habe. Das Fazit des Abends war also, dass Journalisten weniger vertrauensselig im Umgang mit Informationen von Behörden sein sollten und ansonsten schlicht ihren Job machen sollten. Und der ist es eben, alles kritisch zu hinterfragen.

Gut, dass mit der Studie von Fabian Virchow, Tanja Thomas und Elke Grittmann nun eine detaillierte Analyse des Versagens der Berichterstattung über die NSU-Morde vorliegt. Hoffen wir, dass in den kommenden drei Jahren daraus Lehren gezogen werden.

Christoph Nitz

Newsroom.de-Service: Informationen und Download der Studie „Das Unwort erklärt die Untat“ bei der Otto Brenner Stiftung