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Die "Geheimwaffe" der Zeitungen im digitalen Zeitalter? Papier!

"In der Welt des Multitasking, in der es immer schwieriger wird, etwas präzise in den Fokus zu rücken, ist die Loslösung der Printmedien vom Internet eine aufkommende Stärke."

Papier ist eine Insel des Friedens im digitalen 'Chaos', das für die Medien 'zunehmend an Stärke' gewinnt und auch vermehrte Überprüfung fordert, sagte ein führender amerikanischer Medienkritiker auf der jährlichen Konferenz "Leserschaft" des Weltverbands der Zeitungen in Amsterdam am Donnerstag (16. Oktober).

"Was Zeitungen tun ist etwas, das die Welt braucht - unbedingt braucht" so William Powers, der Medienkolumnist des US-Magazins 'The Nation' und Autor von ?`Hamlet's Blackberry`, einem Essay über die unvergängliche Kraft des Papiers.

"Die digitalen Medien verfügen über durchaus bekannte Vorteile. Doch viele Menschen übersehen oft, dass es Dinge gibt, die im Druck einfach besser sind", sagte er. Zeitungen wären gut beraten, diese qualitativen Vorteile zu nutzen. Unter anderem "macht Papier den Kopf frei zum Denken", so Powers weiter.

"Die grosse Stärke der Zeitung ist, dass sie ein Eintauchen in den friedlichen Zustand erlaubt, in dem unser Denken am besten ist. Sehr viel schwieriger ist es, diesen Zustand beim Lesen in einem digitalen Medium zu erreichen mit den endlosen Informationen und den so vielen möglichen jederzeit durchführbaren Aufgaben. Im Internet gibt es keinen Anfang und kein Ende".

Das grenzenlose Internet ist zwar "in vieler Hinsicht wundervoll", doch seine ungeheure Weite ist auch sein grösster Makel", sagte Powers, der zur Zeit ein Buch über die Geschichte und unvergängliche Kraft von Papier schreibt.

"Wenn sie einen Artikel auf einem Bildschirm lesen, sind die anderen nur einen Klick entfernten Informationen - von Ihrer Inbox bis zu den neuesten Schlagzeilen, bis zu Ihrem Bankkonto, bis zu einer Milliarde You-Toube-Videos ständig in Ihrem Bewusstsein vorhanden. Statt nun während des Lesens anderen Forderungen an Ihre Aufmerksamkeit entfliehen zu können, erwehren Sie sich dieser mental jeden Augenblick, den Sie am Schirm verbringen".

"Dass Papier losgelöst ist vom digitalen Netz, ist keineswegs ein negatives Merkmal - es ist eine Tatsache, und nachweislich die 'Geheimwaffe' von Papier.

"In der Welt des Multitasking, in der es immer schwieriger wird, etwas präzise in den Fokus zu rücken, ist die Loslösung der Printmedien vom Internet eine aufkommende Stärke. Papier ist ein Ruhepunkt für das Bewusstsein, es ist ein Ausweg aus dem endlosen Hantieren und den Zwängen des Schirms.. Es ist eine Insel im Chaos. Der Slogan für 'Papier' sollte vielleicht nicht heissen 'Alles und zu jeder Zeit', sondern eher 'Nur diese eine Sache'.

Powers sagte weiter, Zeitungen müssten mehr dafür tun, das Bewusstsein der Öffentlichkeit für solche wesentlichen Gesichtspunkte zu stärken.

"Ein grosser Teil der Medienberichterstattung über digitale Technologie liest sich wie Produktmarketing. Neue digitale Einrichtungen werden eingeführt und von den darüber berichtenden Journalisten behandelt, als ob es sich um neues Kino handelte. Das Ganze hat den Anstrich einer Hurrahveranstaltung, einer Art Medienrummel", sagte er.

"Wenn wir uns ausschliesslich auf das konzentrieren, was neu und heiss ist auf dem Markt der Technologie, verlieren wir das Gesamtbild aus den Augen. Wir tragen nicht dazu bei, dass die Menschen ihr Leben mit der Technologie verstehen und organisieren können. Ich glaube, dass wir uns in einer Ära befinden, in der die Öffentlichkeit gründliche Kenntnis und Führung dringend sucht und braucht, die sie bisher nicht bekommt. Wesentlich ist, dass wir alle lernen, intelligenter zu denken über unsere digitalen Geräte und Vorrichtungen und zwar nicht nur darüber, wie sie funktionieren, sondern wie sie in unser Leben passen. Wir müssen sicherstellen, dass diese für uns arbeiten und nicht wir für sie".

William Powers hielt die Grundsatzrede auf der 11. Konferenz 'Leserschaft', zu der Hunderte Führungskräfte der Zeitungen in Amsterdam zur Beratung der Strategien, wie die Leserzahlen der Zeitungen sowohl in Print- als auch Digitalausgaben in schwierigen Zeiten zu steigern sind. Seine vollständige Präsentation findet sich hier: www.wan-press.org/article17905.html

Zusammenfassungen aller Präsentationen der Konferenz lassen sich hier einsehen: www.wan-press.org/amsterdam2008/home.php