Vermischtes
KNA – Tobias Käufer

Kritik an Haft des US-Journalisten Don Lemon nach Kirchenprotesten – „Sie wollen uns Angst machen“

Die vorübergehende Verhaftung des TV-Journalisten Don Lemon in den USA hat eine Debatte darüber ausgelöst, ob freie Berichterstattung gegen regierungskritische Proteste überhaupt noch möglich ist.

Washington (KNA) –  Für die einen ist er ein Gottesdienst-Störer, der das Recht auf Religionsausübung verletzte, für die anderen ein Verteidiger der Menschen- und Bürgerrechte. Der Fall Don Lemon, langjähriger Anchor beim US-Nachrichtensender CNN und inzwischen als freier Journalist in den USA unterwegs, bewegt in den Vereinigten Staaten die Gemüter. Schon darüber, was vorgefallen ist, gehen die Ansichten weit auseinander.

 

Lemon übertrug während eines Gottesdienstes in der Cities Church in Saint Paul, Minnesota, einen Protest gegen die US-Einwanderungsbehörde (ICE) per Livestream. Und genau das sorgte anschließend für eine hitzige Debatte. Hintergrund sind die aktuellen Proteste in Minnesota gegen das brutale Vorgehen der Behörde. In Minnesota wurden in den letzten Wochen gleich zwei Menschen im Rahmen von Protesten gegen die restriktive Migrationspolitik von US-Präsident Donald Trump von ICE-Agenten getötet. Für die Kirche, aus der Lemon berichtete, soll ein Pastor mit Verbindungen zur ICE tätig sein. In den sozialen Netzwerken behaupteten Trump-Anhänger, Lemon habe gemeinsam mit Aktivisten die Proteste vorbereitet und initiiert. Beweise dafür gibt es allerdings keine.

 

Menschen bei ihrem Gottesdienst zu unterbrechen, sei ein Vergehen, sagte die ehemalige republikanische Abgeordnete Marjorie Taylor Greene dem Sender „Fox News“, und verstoße gegen das Recht auf freie Religionsausübung. Lemon habe sich wie ein Aktivist verhalten und nicht wie ein Journalist. Taylor Greene gehörte lange zu den loyalsten Verbündeten von US-Präsident Donald Trump in der republikanischen Partei, ehe sie sich jüngst kritisch über Trump äußerte und das Parlament verließ.

 

„Ich bin kein Demonstrant“

Der bekannte TV-Moderator Stephen A. Smith wies die Kritik an Lemon zurück: „Ob es Ihnen gefällt oder nicht, Don Lemon ist ein Mitglied der Presse. Don Lemon ist seit 30 Jahren im Journalismus tätig.“ Nur weil Lemon nach 17 Jahren nicht mehr bei CNN arbeite, könnten ihm nicht seine journalistischen Qualifikationen aberkannt werden, sagte Smith. Auch Lemon stellte klar, dass er als Journalist unterwegs war: „Ich bin kein Demonstrant, und ich bestehe auf dem ersten Verfassungszusatz“, sagte Lemon laut „New York Times“. „Das ist das Fundament unserer Demokratie.“ Der erste Verfassungszusatz garantiert die Religions-, Presse- und Meinungsfreiheit in den USA. Er garantiert die Trennung von Kirche und Staat und schützt fundamentale demokratische Freiheiten.

 

Die Justizbehörden sahen das allerdings anders und warfen Lemon ein „Eindringen in eine Kirche“ und das „Verursachen von Tumulten“ vor. Trump und US-Justizministerin Bondi forderten ein hartes Durchgreifen gegen den Journalisten, der festgenommen und erst am nächsten Tag wieder aus der Haft entlassen wurde.

 

Scharfe Kritik vom Journalistenverband

Der amerikanische Journalistenverband Society of Professional Journalists (SPJ) reagierte mit scharfer Kritik: „Journalisten, die über Demonstrationen berichten, spielen eine entscheidende Rolle bei der Dokumentation von Ereignissen von öffentlichem Interesse, der Gewährleistung von Transparenz und der Rechenschaftspflicht von Institutionen – insbesondere in Zeiten erhöhter Spannungen“, sagte SPJ-Präsident Chris R. Vaccaro.

 

Lemon sieht hinter dem repressiven Vorgehen der US-Behörden klar einen anderen Grund. In der TV-Sendung von Jimmy Kimmel sagte Lemon, in Wahrheit gehe es darum, Journalisten unter Druck zu setzen. „Sie wollen sie in Verlegenheit bringen. Sie wollen sie einschüchtern. Sie wollen ihnen Angst einjagen. Und deshalb haben sie es so gemacht.“

 

In den sozialen Netzwerken vermuteten einige Kommentatoren, die US-Behörden hätten deswegen so drastisch reagiert, weil sie sich durch die dokumentierende Arbeit von Journalisten und Aktivisten gestört fühlten. Ohne deren Arbeit wären etwa die Videoaufnahmen von der Tötung der beiden Menschen in Minnesota durch ICE-Agenten nicht an die Öffentlichkeit gelangt.

 

 

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