Vermischtes
KNA

Mastodon-Nutzer stimmen über Eilmeldungen der „Tagesschau“ ab

Ab wann ist eine Nachricht wichtig genug, dass sie eine Eilmeldung wert ist? Weil es auf diese Frage keine eindeutige Antwort gibt, lässt ein Mastodon-Bot die Nutzer jetzt abstimmen – mit mitunter überraschenden Ergebnissen.

Bonn (KNA) – Das Nachrichtengeschäft wird immer schneller. Redaktionen überbieten sich, wer die News am schnellsten unter die Leute bringt, digitale Technologien ermöglichen Information beinahe in Echtzeit. Da will keiner hinterherhinken. Viele Medienhäuser nutzen deshalb auf ihren Webseiten und in ihren Apps Eilmeldungen, um Nutzer über besonders wichtige Ereignisse zu informieren.

 

Aber was ist eigentlich ein besonders wichtiges Ereignis? Darauf gibt es keine eindeutige Antwort. Deshalb hat Oliver Thissen, IT-Architekt für ein Versicherungsunternehmen, als privaten Spaß einen Bot gebaut, der automatisiert alle Eilmeldungen der „Tagesschau“ einsammelt und die Nutzer des Kurznachrichtendienstes Mastodon über die Frage abstimmen lässt: „Ist es eine Eilmeldung?“ Im Interview mit dem KNA-Mediendienst berichtet der 45-Jährige über die Eilmeldung, die ihm die Idee für das Projekt gab, den schmalen Grat zwischen Humor und ernsthafter Medienkritik und seinen Tipp an die „Tagesschau“-Redaktion.


Was war die „Tagesschau“-Eilmeldung, die bei Ihnen die Motivation ausgelöst hat, Ihren Mastodon-Bot zu starten?

Oliver Thissen: Ich habe versucht, das nachzuvollziehen, aber es hat sich eher über längere Zeit aufgestaut. Den Knaller fand ich im letzten Jahr die Eilmeldung „Bahn gibt Pünktlichkeitsziele auf“. Das ist schon ziemlich beeindruckend, da eine Eilmeldung draus zu machen. Was mich ein bisschen wurmt: Als ich den Bot scharf geschaltet habe, habe ich um 30 Minuten die Gruppenauslosung der Weltmeisterschaft verpasst. Die ging auch als Eilmeldung raus.


Ich höre leise Kritik daran heraus, dazu später mehr. Zunächst würde mich interessieren, wie viel Arbeit in dem Projekt steckt.

Es steckt weniger Arbeit drin, als ich eigentlich gedacht hätte. Ich entwickle beruflich Software im Versicherungsbereich, da kommen die Erfolgsmomente eher am Ende einer längeren Projektlaufzeit. Deswegen ist es cool, wenn man mal etwas an einem Nachmittag hinhacken kann. Die erste Programmierung hat eineinhalb Stunden gedauert, entsprechend minderwertig sieht der Programmcode auch aus. Danach kam noch ein bisschen Zeit drauf, in der man noch kleine Fehlerchen findet.


Wie funktioniert der Bot genau?

Wenn man auf die Webseite der „Tagesschau“ geht und es ist gerade eine Eilmeldung rausgegangen, ist die farbig hervorgehoben, mit einem kleinen magentafarbenen Label „Eilmeldung“. Das Programm sieht regelmäßig nach, ob dieses Eilmeldung-Label gerade da ist. Und wenn es da ist, werden der Text und der Link rausgeholt und gemeinsam mit einer Umfrage automatisiert auf Mastodon gepostet.


Wenn Sie es prozentual beziffern müssten, wie viel Spaß steckt in dem Projekt und wie viel ernsthafte Medienkritik?

Neunzig Prozent Spaß.


Können Sie die zehn Prozent Medienkritik noch ein bisschen genauer beschreiben?

Ich weiß nicht, ob es direkt Medienkritik ist. Ich bin in erster Linie auch nur Konsument und habe keine Ahnung von Journalismus und Medienrecht. Ich finde es halt seltsam, wenn man Belanglosigkeiten als Eilmeldung raushaut. Auf der anderen Seite weiß ich aber auch, dass gerade die Öffentlich-Rechtlichen und die „Tagesschau“ in einem blöden Spannungsfeld sind mit dem Reformstaatsvertrag und der Presseähnlichkeit …


… also den Vorgaben, dass sie online nur Text veröffentlichen dürfen, wenn es dazu auch Bild- oder Tonberichterstattung gibt, oder eben als Eilmeldung.

Mir ist schon klar, dass es auch ein Schlupfloch ist, um etwas an die Öffentlichkeit rausgeben zu können, obwohl man noch keinen Rundfunk- oder Fernsehbeitrag dazu hat. Das habe ich auch als Rückmeldung bekommen, dass ich da nicht so drauf einhacken soll, was ich aber auch nicht tue. Es liegt ja auch immer im persönlichen Ermessen, ob man jetzt eine Sache als Eilmeldung sieht, ob erst irgendwo Außerirdische angreifen müssen oder ob die Gruppenauslosung schon eine Eilmeldung wert ist.


Wie sehen denn die Rückmeldungen zum Projekt und zu den einzelnen Umfragen sonst so aus?

Viele Reaktionen gehen in die Richtung: „Ich wusste nicht, dass ich so etwas haben möchte, bis ich es gesehen habe.“ Die Rückmeldungen sind im Großen und Ganzen positiv und oft auch humorvoll.

 

Nach meinem Eindruck gehen die Umfragen sehr oft zu Ungunsten der Eilmeldung aus, und egal in welche Richtung, sind die Ergebnisse oft sehr eindeutig. Warum ist das so?

Das liegt vielleicht auch daran, dass wir im Fediverse unterwegs sind. Ich glaube, die Leute ticken da auf eine ähnliche Art und Weise. Die Gruppenauslosung hätte wahrscheinlich niemand wirklich ernst genommen, aber wenn man sich die Ergebnisse anschaut mit allem, was zu Venezuela gelaufen ist, da kippt die Bewertung, da misst man der Sache offenbar eine deutlich höhere Relevanz bei. Es gibt auch ausgeglichene Ergebnisse: „EU-Länder stimmen für Mercosur-Freihandelsabkommen“, da haben wir 45 zu 55 Prozent. Das ist was anderes als „DAX steigt erstmals über 25.000 Punkte“, das fanden drei Prozent relevant.


Gibt es denn einen Grund, dass Sie sich für Mastodon und das Fediverse entschieden haben?

Weil ich da privat bin. Ich war lange bei Twitter, habe mich aber schon 2019 bei Mastodon angemeldet, und als Elon Musk angefangen hat, rumzuwüten, war ich bei der ersten Welle dabei, die wirklich alle Zelte abgerissen hat und ganz zu Mastodon rübergegangen ist. Außerdem ist Mastodon technisch eine dankbare Plattform für automatisierte Projekte, das hat bei Twitter nie richtig gut funktioniert. Und natürlich ist Mastodon das nettere soziale Netzwerk.


In den Kommentaren finden sich immer mal wieder Rückmeldungen von Menschen, die der Meinung sind, dass es nur Eilmeldungen geben sollte, wenn für sie akuter Handlungsbedarf besteht. Welche Kriterien würden Sie sich für Eilmeldungen wünschen?

Auch ich habe bei einer Eilmeldung immer so ein Katastrophenfilm-Szenario im Kopf, wo Leute auf einer Kreuzung stehen, in den Himmel starren und nicht wissen, wie ihnen geschieht. Aber das kann es wahrscheinlich nicht sein. Ich glaube schon, dass ein Relevanzkriterium sein müsste, dass es einen Einfluss auf die Leute hat, die diese Nachricht sehen. Das ist aber natürlich eine sehr persönliche Sache. Man merkt es ganz gut bei allem, was in Venezuela passiert. Das war eindeutig eine Überraschung und ein Thema, das jetzt für die nächsten Wochen den Lauf der Welt beeinflussen wird. Andere vergleichen es damit, worüber am nächsten Morgen am Kaffeeautomaten gesprochen wird. Das ist aber dann eine sehr boulevardmäßige Sicht auf so eine Eilmeldung. Ich bräuchte nicht unbedingt tote Sänger oder Sportmeldungen.


Wobei über Sportmeldungen ja vermutlich am Kaffeeautomaten sehr viel gesprochen wird.

Das bekommt man aber vermutlich auch bei einem spezialisierten Medium mit. Wer sich für die Gruppenauslosung interessiert, hängt vielleicht sowieso bei Sport1 rum. Ich weiß nicht, ob die „Tagesschau“ der Ort sein muss, wo ich alle Informationen sofort herbekomme, oder ob sie sich vielleicht nur auf Politik und Weltgeschehen beziehen sollte. Aber das bin jetzt halt wieder ich, weil ich Politik und Weltgeschehen für das Relevantere halte.


Wenn Sie der „Tagesschau“-Redaktion einen flotten Tipp geben könnten, welcher wäre das?

Unabhängig von Eilmeldungen: Nutzt das Fediverse nicht nur als Output-Kanal, sondern benutzt es als Social-Media-Plattform für echte Interaktion. Und mehr und schnellere Faktenchecks – die sind gut, da darf es mehr von geben.

 

Sie möchten aktuelle Medien-News, Storys und Praxistipps lesen – und sich über Jobs, Top-Personalien und Journalistenpreise aus Deutschland informieren? Dann abonnieren Sie jetzt unseren kostenlosen Newsletter.

Sie haben Personalien in eigener Sache oder aus Ihrem Medienhaus? Oder ist Ihnen in unseren Texten etwas aufgefallen, zu dem Sie sich mit uns austauschen möchten? Dann senden Sie Ihre Hinweise bitte an georg.taitl@oberauer.com.