Vermischtes
KNA – Steffen Grimberg

Mit Marco Giordani in der medienpolitischen Versuchsküche: Erster Auftritt des neuen ProSiebenSat.1-Vorstandschefs

Bei der „DLM im Dialog“-Konferenz der Landesmedienanstalten spricht der neue Vorstandschef von ProSiebenSat.1, Marco Giordani, über gutes Kochen, böse Plattformen und warum die USA kein Vorbild mehr sind.

Berlin (KNA) – Es ist kein ungeschickter Schachzug, sich für den ersten größeren öffentlichen Auftritt in einem neuen Umfeld ein passendes Setting zu suchen. Marco Giordani, der Group-CEO der ProSiebenSat.1 Media SE, tat es am Dienstagabend in der Kantine des Publix – Haus für Journalismus in Berlin-Neukölln. Eingeladen hatte die Direktorenkonferenz der Landesmedienanstalten (DLM), die hier erstmals ihre jährliche Konferenz „DLM im Dialog“ abhielt.

 

Das stiftungsfinanzierte Publix will eine neue Heimat bieten für alle, die Journalismus machen, Öffentlichkeit gestalten und so die Demokratie stärken, kurzum: ein „Medienhaus für Morgen“ sein. Etwas mediale Morgenröte würde auch der jetzt von Media for Europe (MFE) aus Italien geführten ProSiebenSat.1-Sendergruppe guttun, die auch nach der Übernahme durch die von der Familie Berlusconi geführte MFE in einer schwierigen Lage ist.

 

Doch darum ging es am Dienstag nicht. Giordani pries vielmehr sehr zur Freude der Medienregulierer den Wert von Public Value: „Wir sind große Verteidiger von Public Value.“ Außerdem machte er in den großen Tech-Plattformen, um deren Regulierung es auch zuvor im Konferenzteil gegangen war, den gemeinsamen Gegner aus.

 

Europäische Versäumnisse

„Europa hat die technologischen Veränderungen, den Change, nicht verstanden und ist der US-Auffassung gefolgt, es ginge hier nur um dumme Plattformen, die außer technischer Distribution nichts könnten“, so Giordani. Doch jetzt seien die Plattformen Publisher und entschieden mit ihren Algorithmen und Datenmassen auch über Inhalte und „was wir zu sehen und zu hören bekommen“. Heute sage „Spotify, was wir hören sollen oder wollen – vielleicht hat es sogar recht, aber es ist ein bisschen der Verlust von Freiheit“, sagte Giordani, der seit über 25 Jahren im MFE-Vorstand sitzt: „Das ist der Grund, warum wir jetzt den Public Value und die jungen Generationen schützen müssen.“

Kinder heute vor das Fernsehen zu setzen, sei „absolut sicher“ – ihnen ein Handy zu geben nicht, „weil wir nicht wissen, was sie da sehen“. Auch Fernseher seien aber heute nicht mehr „so doof wie noch vor fünf Jahren. Heute bieten sie uns Content an, aber wir wissen nicht, von wem und warum“, meinte Giordani mit Blick auf Smart-TV.

 

Und passend zur Publix-Kantine hatte der 64-jährige Mailänder dann auch gleich die entsprechende Analogie im Einkaufskörbchen. Medienkonsum sei ja „like having lunch“, also wie das Mittagessen: „Da kann man sich ein Fertiggericht aus dem Kühlschrank nehmen“, das wären dann die von den Plattformen zugespielten Inhalte. „Aber wir kochen jeden Tag selbst, und wir nutzen die besten Zutaten“, so Giordani: „Unsere Journalisten sind wertvolles Rohmaterial, mein Vater war 40 Jahre lang Journalist und ich höre seine Schreibmaschine. Typing is cooking“, Tippen ist Kochen. Die MFE-Strategie sei dabei klar: Der klassische TV- und Radio-Konsum gehe zurück, „aber Journalismus bleibt die Basis unserer Arbeit“.

 

Kooperationen bei Technik

Natürlich müssten sich traditionelle Medienunternehmen verändern und hätten bei der digitalen Transformation enorme Ausgaben für Technik, Software und Engineering – es sei aber ein Fehler, dafür Geld aus dem Content-Bereich abzuziehen. Die paneuropäische Idee bei MFE soll das ändern, kündigte Giordani an. Beim nun in Italien, Spanien, Deutschland, Österreich und der Schweiz vertretenen Unternehmen soll „alles zusammen gemacht werden, um Ressourcen zu sparen, mit Ausnahme von Content“.

 

„Wir müssen uns selbst verändern, das kann Regulierung nicht leisten, höchstens dabei helfen“, meinte Giordani und pries auch ganz branchenübergreifend das große Miteinander: Die privaten Sender könnten von den Öffentlich-Rechtlichen lernen und umgekehrt, „ich kooperiere auch mit unserem schlimmsten Konkurrenten, gleich hier und jetzt“, wobei offenblieb, ob er damit eher RTL oder ARD und ZDF meinte.

 

Die Angebote müssten sich „bei der Qualität unterscheiden, nicht im Klein-Klein der Technik. Wir glauben an Partnerschaft“ – und an Europa: „We have to move to better content than the Americans“, die Inhalte müssten besser werden als die aus Amerika. „Europe is the answer“, sagte Giordani.

 

Infotainment und Unterhaltung

Deshalb sei von allen dagegen zu arbeiten, „dass Geld aus Europa woanders hin abfließt“, Plattformen müssten offener sein und dort Steuern zahlen, wo sie Geld verdienen, so die nicht ganz neue Forderung. „Was fehlt bei Plattformen, ist Transparenz. Die Bürger wollen entscheiden, aber sie müssen wissen, was und warum“, wurde Giordani also noch einmal grundsätzlich. „Wenn man als Kanal nur informiert und nicht auf die eine oder andere Art populistisch ist, hört dich keiner. Aber das zerstört die Demokratie.“

 

Hier wolle ProSiebenSat.1 dagegenhalten. Nicht mit der x-ten klassischen Nachrichtenoffensive, sondern mit einem Mix aus Information und Unterhaltung. Dabei werde auch Künstliche Intelligenz helfen: „Wir werden unsere News umbauen“, die reinen Nachrichten kämen dann vielleicht „etwas kälter, steriler“ daher – und mit „weniger menschlicher Beteiligung“. Man werde hier „Mittel abziehen und in Infotainment investieren, leichter daherkommen“. Darin sei MFE gut: „Wir können das“, so Giordani.

 

Dazu müsse ProSiebenSat.1 wachsen, auch wenn das schwer werde: „Yes, it’s tough. Wir wissen, dass wir nicht so profitabel sind wie die Plattformen“, sagte Giordani. Und setzte seine Hoffnung wie schon frühere Vorstände der Sendergruppe auf die Kooperation mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk: „Wir reden ja längst. Wir waren Konkurrenten, aber ich bin sehr optimistisch und hoffe, dass wir hier zueinanderfinden“, meinte Giordani, musste auf Nachfragen aber einräumen, dass bei allem Optimismus der ganz große Durchbruch noch nicht in den nächsten Wochen oder Monaten erfolgen wird.

 

USA keine Bezugsgröße für Demokratie

Aber manchmal hilft dann ja die Beschwörung des gemeinsamen Gegners. Zu einem reifen Medienmarkt gehöre natürlich auch immer eine gewisse Konsolidierung, sagte Giordani mit Blick auf die jüngsten Übernahmen und Fusionen großer US-Medienkonzerne: „Die Entwicklung in den USA ist aber nicht gerade pluralistisch und sollte kein Vorbild für uns sein.“ Vielmehr habe man doch allmählich verstanden, dass die USA „kein Reference Point“, also keine Bezugsgröße „in Sachen Demokratie mehr sind, daher sollten wir da nicht hingucken.“

 

Worauf zum guten Schluss dann auch die Landesmedienanstalten noch ein paar Streicheleinheiten bekamen: „Wir sind aber in Europa und haben einen Rechtsrahmen, der Diversität, Pluralität und lokale Inhalte schützt.“ Und zu dessen Einhaltung und Ausbau sich die DLM den ganzen Tag über wortreich bekannt hatte.

 

 

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