Vermischtes
KNA – Steffen Grimberg

Springer hat mit dem „Daily Telegraph“ große Pläne

Der „Daily Telegraph“ gehört ab sofort auch ganz offiziell zu Springer. Mit dem konservativen Titel hat Konzernchef Mathias Döpfner viel vor – vor allem in den USA. Vorbild könnte dabei ausgerechnet der liberale „Guardian“ sein.

Berlin (KNA) – Auch wenn die Vertäfelung im Presseclub des Berliner Springer-Hochhauses aus den ehemaligen Büros der altehrwürdigen Londoner „Times“ stammt: Die Zeitung, hinter der Deutschlands internationalstes Pressehaus immer her war, ist der „Daily Telegraph“. Im Juni konnte Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner „mission accomplished“ melden. Der „Daily Telegraph“ und seine Schwesterpublikation „Sunday Telegraph“ gehören nach der Zustimmung diverser Wettbewerbsbehörden jetzt auch ganz offiziell zu Springer.


Seit Ende Juni führt Carolin Hulshoff Pol als neue CEO die Geschäfte in der 111 Buckingham Palace Road, London, SW1W 0DT. Zuvor hatte das Springer-Gewächs – Hulshoff Pol hatte ihre Karriere 1997 mit der Ausbildung zur Verlagskauffrau im Konzern begonnen – schon die „Welt“- und zuletzt die „Bild“-Gruppe des Konzerns geleitet.


Kurs Vereinigte Staaten
Doch London scheint nur ein Zwischenstopp in den kühnen Plänen des Springer-Chefs zu sein. Döpfners Ambition ist schließlich, mit Springer zu einem der wichtigsten Medienhäuser in den USA aufzusteigen. Der traditionell konservative „Telegraph“ könnte jetzt zu einem wichtigen Baustein dieser Vision werden.
Das hat Döpfner auch gleich nach der Freigabe der Übernahme durch die Kartellbehörden den Mitarbeitenden in London verkündet: „Der Daily Telegraph kann ein globaler Telegraph werden“, habe Döpfner bei seinem Antrittsbesuch in London erklärt, berichtet der „Guardian“. Das sei „eine kühne Vision, aber warum nicht“, so Döpfner weiter. Das Mitte-Rechts-Spektrum sei in vielen demokratischen Staaten weltweit „stark unterversorgt“. Und die größte Chance böte sich im größten Medienmarkt der Welt – den USA: „Was für ein großer weißer Fleck, den sich der Telegraph zunutze machen kann“, zitierte der „Guardian“ den Pioniergeist von Döpfner.


Konkurrenz zum „Wall Street Journal“
Nun ist die USA an konservativen bis rechtspopulistischen „Outlets“, wie Medienbetriebe hier gern im Branchenjargon heißen, nicht gerade arm. Fox News und weitere Sender führen das Feld an, die von Bari Weiss gegründete The Free Press ist heute Teil des Paramount/Skydance-Konzerns, wo Weiss die News-Sparte der Konzerntochter CBS führt. Doch neben liberalen Blättern wie der „New York Times“ dominiert bei den eher konservativen Titeln im landesweiten Zeitungsgeschäft klar Rupert Murdochs „Wall Street Journal“.


Dabei ist das „WSJ“ weit mehr als ein überregionales Blatt mit wirtschaftsliberal-konservativer Ausrichtung: Das „Journal“ ist die Wirtschaftszeitung der USA, hat aber auch ein veritables internationales Geschäft – und vor allem eine erfolgreiche Digitalstrategie. Ob daneben noch Platz für ein weiteres, presseähnliches Medium ist, wird unter US-Experten schon länger heiß diskutiert.
Zwar sind die meisten Branchenanalysten optimistisch, rechnen aber mit enormen Kosten. „Die am meisten gestellte Frage ist denn auch, ob Döpfner und sein Team für die enormen Herausforderungen und vor allem die Kosten gewappnet sind, um es in den USA mit einem British act zu schaffen“, schreibt der „Guardian“.


„Guardian“-Strategie als Vorbild?
Und dort weiß man schließlich, worum es geht. Denn eigentlich ist die britische Zeitung das „Rolemodel“ für Springer und „Telegraph“. Der „Guardian“ gehört mit seiner nur online erscheinenden US-Ausgabe mittlerweile fest zum „relevant set“ im amerikanischen Medienbetrieb. 2007 startete das Ganze als Guardian America, holte sich versierte Verlagsexperten von Blättern wie der „Washington Post“ und „Newsweek“ und setzte von Anfang an wie das britische Mutterblatt in London auf frei verfügbaren Online-Content.


2011 erfolgte ein Relaunch und die Umbenennung in Guardian US. 2014 gewann die US-Ausgabe einen Pulitzer-Preis für ihre Berichterstattung über die illegalen Spionagemaßnahmen der National Security Agency. Wenn es ein „British Act“ im Medienmarkt der USA geschafft hat, ist es der „Guardian“.
Von Springers „Telegraph“ trennen ihn allerdings Welten. Zum einen ist der Guardian auch in Großbritannien als klassisch sozialliberale, im Zweifel Labour-nahe Stimme das glatte Gegenteil des „Telegraph“, der seinen Ehrentitel als „Bibel der Konservativen“ so stolz wie zu Recht trägt und lange einen gewissen Boris Johnson zu seinen höchstbezahlten Kolumnisten zählte.


Freiwillige Zahlungen statt Paywall
Auch die Konzernstruktur ist völlig anders. Die Guardian Media Group gehört dem 1936 vom Sohn des legendären „Guardian“-Chefredakteurs J. P. Scott gegründeten Scott-Trust, einer stiftungsähnlichen Konstruktion, die über die redaktionelle Unabhängigkeit und Integrität des „Guardian“ wacht. Das schließt knallharte Wirtschaftsmaßnahmen nicht aus: 2024 trennte sich die Guardian Media Group ohne viel Federlesens von ihrer verlustbringenden Sonntagszeitung „The Observer“, die sie 1993 übernommen hatte.


Weil er keine Paywall hat, finanziert sich Guardian US über Online-Abos und freiwillige Zahlungen seiner Nutzerinnen und Nutzer. Nach Branchenangaben kamen so 2025 rund 44 Millionen US-Dollar aus den USA und Kanada zusammen. Dabei profitiert der Titel in liberalen US-Kreisen klar von seiner Trump-kritischen Haltung und generell von dem Ruf, dank seiner britischen „Mutter“ in London ein wenig über den alltäglichen Auseinandersetzungen in den USA zu stehen. Nach einem ganz ähnlichen Modell funktioniert auch das Online-Angebot Guardian Australia.


Dass sich Guardian US neben liberalen Blättern von Weltruf wie der „New York Times“ und der heute unter ihrem Eigentümer Jeff Bezos in schwieriges Fahrwasser geratenen „Washington Post“ behaupten kann, dürfte für Springers „Telegraph“-Pläne Aufwind bedeuten.


Kein plumper MAGA-Populismus
Brancheninsider rechnen damit, dass eine US-Version des „Telegraph“ der MAGA-Bewegung mit ihrem plumpen Populismus eine klare Absage erteilt. Das wäre ein Bruch mit den „Telegraph“-Traditionen. Zudem ist Springer in den USA auch mit Politico am Start, einer in Washington beheimateten Zeitung für die politische Elite mit vielen teuren Fachdiensten für vertiefte Hintergrundberichterstattung.


Döpfner könnte sich vielmehr an den Plänen des beim „Telegraph“-Verkauf nicht zum Zuge gekommenen Konsortiums um den ehemaligen CNN-Chef Jeff Zucker orientieren, das für eine mögliche Expansion des „Telegraph“ in den USA eine marktliberale, konservative Linie wie in der Ära von US-Präsident Ronald Reagan Ende der 1980er Jahre vorsah.


Über Mittel für nötige Investitionen verfügt der Konzern in jedem Fall. Und nach dem Ausstieg des US-Finanzinvestors KKR im vergangenen Jahr und dem Rückzug von der Börse firmiert Springer wieder als reines Familienunternehmen – bei dem nicht mehr Mitgesellschafter oder lästige Kleinaktionäre zufriedengestellt werden müssen, sondern neben Friede Springer nur noch einer das Sagen hat: Mathias Döpfner.

 

 

 

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