Vermischtes
KNA – Jana Ballweber

„Tagesschau“-Digitalchefin Leopold zum Aus des Wissensressorts

Die „Tagesschau“ streicht ihr Wissensressort und will sich stärker auf die Tagesaktualität konzentrieren. Digital-Chefredakteurin Juliane Leopold erklärt, wie das in eine Zeit passt, in der allerorten nach Kontext aus der Wissenschaft verlangt wird.

Hamburg (KNA) – Als die „Tagesschau“ in den Ausläufern der Corona-Pandemie 2022 das Ressort „Wissen“ neu ins Leben rief, war die Euphorie bei den Verantwortlichen groß. Es sei eine „Investition in die Zukunft“, freute sich der Erste Chefredakteur von ARD-aktuell, Marcus Bornheim, seinerzeit. Damit werde die gesamte Marke „Tagesschau“ gestärkt.


Vier Jahre später ist damit schon wieder Schluss. Die „Tagesschau“ löst das Team auf und gibt Sparzwänge als Grund an. In Zukunft sollen Wissensinhalte vom Kompetenzcenter Wissen unter Federführung von BR, SWR und WDR zugeliefert werden. Juliane Leopold, Chefredakteurin Digitales bei ARD-aktuell, erklärt im Interview des KNA-Mediendienstes, wie es zu der Entscheidung kam, wie die Wissenschaftsberichterstattung der „Tagesschau“ in Zukunft aussehen wird und welchen Stellenwert Wissensthemen für die Redaktion haben.


Warum wird das Wissensressort der „Tagesschau“ gestrichen?
Juliane Leopold: Wir haben uns die Entscheidung nicht leicht gemacht und machen natürlich viel lieber etwas Neues auf, als dass wir etwas beenden. Trotzdem mussten wir diese Entscheidung treffen, weil die ARD sich verändern muss. Sie muss sich effizienter aufstellen. Wir haben ein konkretes Sparziel. Dazu kommt, dass wir das Jahr 2025 wirtschaftlich nicht ganz so abgeschlossen haben, wie wir lange dachten, und deswegen handeln mussten.


Warum hat es dann gerade das Wissensressort getroffen?
Die ARD hat sich vor ein paar Jahren mit den Kompetenzcentern, zum Beispiel zu Wissen oder Gesundheit, auf den Weg gemacht, Redaktionen, die zu den gleichen Themenkomplexen arbeiten, zu bündeln. Darauf bauen wir auf, aber noch läuft unser interner Prozess. Die Idee ist, Themen aus dem Wissensbereich auf tagesschau.de weiter stattfinden zu lassen, den Rahmen aber anders zu organisieren. Die Kompetenzcenter liefern schon jetzt 70 Prozent der Inhalte für dieses Ressort. Wir setzen da eine erfolgreiche Zusammenarbeit fort, die wir noch weiter verstetigen wollen. Womöglich werden wir dann auch höhere Erwartungen an die Kompetenzcenter haben, was die schlüsselfertige Anlieferung von Inhalten für uns angeht.


Sie sagen, der Prozess läuft noch. Wo gibt es noch Unsicherheiten, wie die Berichterstattung über Wissen und Wissenschaft in Zukunft aufgestellt sein soll?
Es gibt keine Unsicherheiten, aber wir besprechen miteinander, was geht, intern und mit den Kompetenzcentern. In der bisherigen Berichterstattung ist das meiner Ansicht nach ein bisschen missverstanden worden, dass wir hier Wissenschaftsjournalismus machen würden oder Wissenschaftsjournalisten hätten. Wir sind eine Nachrichtenredaktion und hatten auch das Wissensressort maßgeblich mit Nachrichtenredakteuren besetzt. Die werden künftig wieder im Newsroom eingesetzt. Die Frage wird sein, wie wir aus der täglichen Arbeit heraus gut mit Wissensinhalten umgehen. Wir rücken näher an den Kern der Marke zurück, und der Kern der Marke ist die Tagesaktualität.


Bei einem Sparkurs wägt man ja immer ab, an welchen Stellen gekürzt werden soll. Was hat denn konkret gegen das Wissensteam gesprochen, dass gerade an dieser Stelle gespart wurde?
Es hat gar nichts gegen dieses Team gesprochen, das sind großartige Kolleginnen und Kollegen, die einen hervorragenden Job gemacht haben. In der Abwägung ging es uns vor allen Dingen darum, was der Kern der Marke als General-Interest-Nachrichtenanbieter ist und wo wir starke Partnerschaften aufgebaut haben. Es geht nicht darum, sich die Themen zu sparen, sondern sich so aufzustellen, dass die ARD effizienter wird.


Das Wissensteam hört im September auf und die Mitarbeiter wechseln zurück in den Newsroom. Wie wollen Sie denn Einsparungen erreichen, wenn die Leute alle bleiben?
Die Einsparungen versuchen wir dadurch zu erlangen, dass wir mehr Kapazität in den Newsroom stecken und in der Lage sind, dort die Schichten besser zu besetzen, mit dem Personal, das uns da zur Verfügung steht.


Wie sehen Sie denn die Rolle von Wissensthemen und Wissenschaftsthemen in der tagesaktuellen Berichterstattung? Ist das dann tatsächlich vor allem Expertise, die man bereitstellt, wenn Themen in der Aktualität aufkommen? Oder gibt es auch Themen aus dem Wissenschaftsbereich, die genuin eigene Nachrichtenthemen sind?
Ich glaube, dass beides relevant ist. Für uns ist aber der erste Aspekt der wichtigere, in der Phase, in der wir uns auf den Kern unserer Marke besinnen müssen. Das bedeutet: Wenn in der Aktualität Spezialkompetenzen gefragt sind, die wir in der generalistischen Nachrichtenredaktion nicht haben, wird die Unterstützung der Kompetenzcenter wichtiger. Das gilt im Übrigen auch für die Frage, wann die „Tagesschau“ eine Studie aufgreift und wann sie die Finger davon lassen sollte. Da brauchen wir eine spezielle Kompetenz, und wir wären ja verrückt, die nicht weiter abzufragen, wenn es sie in der ARD gibt. Mir ist aber auch wichtig, zu betonen, dass wir Themen wie den Klimawandel und alles, was er mit unserer Gesellschaft macht, künftig nicht ignorieren werden. Wir hören nicht auf, über die Hitzewelle in Europa zu berichten, nur weil wir eine redaktionelle Umstrukturierung vornehmen.


Das bedeutet, eine wissenschaftliche Einschätzung zu einem Thema wie der Hitzewelle wäre für die „Tagesschau“ eher ein Thema als der neue Klimabericht, der ja ein Nachrichtenanlass wäre, der direkt aus der Wissenschaft kommt.
Wir werden sicher beides weiterhin machen. Die „Tagesschau“ ist eine Redaktion, die immer anlassgetrieben berichtet. Das gehört zu unserem Versprechen, dass man einmal am Tag – online natürlich auch gerne häufiger – alles erfährt, was heute relevant ist. Da wird dann auch ein neuer Copernicus-Bericht weiter stattfinden. Aber ich tue mich schwer mit diesen apodiktischen Versprechen, weil jeder Nachrichtentag anders ist. Da gibt es manchmal Missverständnisse, dass Themen redaktionell unterbelichtet oder der Redaktion unwichtig sind. Das Markenversprechen ist, die Aktualität des Tages seriös und übersichtlich abzubilden. Das ist ein anderes Markenversprechen als bei einem Special-Interest-Medium, das sich vertiefender als wir auf Wissensinhalte stürzt.


Das Wissensteam war ja noch relativ jung und wurde 2022 in den Ausläufern der Pandemie aufgebaut. Damals hatten Sie das noch mit einer Stärkung der Marke „Tagesschau“ beworben. Wenn Sie jetzt wieder in eine Extremsituation wie eine Pandemie kommen würden, wo die Einschätzungen aus dem wissenschaftlichen Bereich an vielen Stellen Nachrichtenkern waren, könnten Sie das auch mit dem Kompetenzcenter wuppen, oder müssten Sie – mit Ihren Erfahrungen aus der Pandemie – dann noch mal umdenken?
Das ist eine berechtigte Frage. Die Pandemie war eine absolute Ausnahmesituation. Eine solche Rolle der Wissenschaft als Leitstern hatte es zuvor nicht gegeben, ebenso wenig wie die große Verunsicherung und starke Orientierung an den Vorgaben der Politik. Das war sehr außergewöhnlich. Meine Erwartung ist, dass die letzten Jahre, in denen die Kompetenzcenter angelaufen sind, dazu geführt haben, dass die ARD da gut aufgestellt ist. In einem Ereignisfall könnten wir auf geballte Kompetenz und Ressourcen zugreifen, die nicht unbedingt bei uns sitzen müssen. Das Kompetenzcenter Gesundheit haben wir beim NDR nebenan, da wäre mein Wunsch, dass ich in der nächsten Pandemie ins Nebenhaus gehen kann und wir anfangen, uns zu überlegen, wie wir die Berichterstattung gut aufstellen können.

 

Macht das einen Unterschied, wenn so ein Kompetenzcenter im eigenen Haus sitzt?
Eigentlich nur insofern, als man sich vielleicht häufiger mal in der Kantine sieht und zur Stimme am Telefon ein Gesicht hat. Meiner Erfahrung nach ist es bei der ARD in den letzten Jahren ein Vertrauensthema. Man muss sich vertrauen, dann kann man gut zusammenarbeiten. Das Vertrauen müssen wir uns immer wieder neu erarbeiten, weil die Konstellationen, wie jetzt mit den Kompetenzcentern, immer wieder neu sind. Aber ich sehe da eine große Offenheit und Bereitschaft, weil wir ja auch eine sehr relevante Plattform mit großer Reichweite und Sichtbarkeit für die Kolleginnen und Kollegen sind.

 

Sind Sie mit den Sparmaßnahmen fürs Erste durch oder gibt es weitere Bereiche, bei denen man sich darauf einstellen kann, dass die in Kompetenzcenter aufgehen? Können Sie da eine Richtung vorgeben, was vielleicht geplant ist?
Das kann ich leider nicht, weil ich nicht in die Glaskugel schauen kann. Ich kümmere mich jetzt erst mal um diese Beitragsperiode. Ich kann sagen, dass wir weitere Sparpotenziale ausloten müssen. Allerdings glaube ich nicht, dass wir das im Bereich der Ressorts weiter tun. Wir haben andere Ideen, die wir prüfen. Unser Ziel ist es, dass es im Programm keine negativen Spuren hinterlässt.

 

Und Sie sind hoffnungsvoll, dass das beim Wissensthema funktioniert, dass man dem Programm nicht anmerkt, dass es das Team nicht mehr gibt?
Man wird die Einschnitte jetzt erst mal sehen, so realistisch muss man sein, weil wir mit der neuen Zusammenarbeit neue Prozesse aufgleisen müssen. Das geht nicht von heute auf morgen. Aber meine Erwartung ist, dass wir im Fall der Aktualität natürlich handlungsfähig sind.

 

 

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