Print vom 06.10.2012
Kahlschlag bei "El Pais": Ein Drittel der Belegschaft muss gehen
Das Bekenntnis in der ersten Ausgabe von "El Pais" baute auf den Grundsatz der Demokratie. An die „Tradition der großen liberalen Presse Spaniens anzuknüpfen und dem Leser ein Blatt zu bieten, das auf der Höhe der Zeit ist... Die Verteidigung der Demokratie und ein aufrichtiger Europäismus sind für uns zwei unwiderrufliche Basislinien“, dazu bekannten sich ihre Gründer in den 70er Jahren. Jetzt hat der spanische Medienkonzern Prisa erstmals in seiner Geschichte Entlassungen bei seinem Flaggschiff, der größten Tageszeitung Spaniens, angekündigt. Eine Hiobsbotschaft für die spanische Zeitungslandschaft, in der in den vergangenen Jahren schon tausende Redakteursposten verschwunden sind.
Madrid - Von den 466 Arbeitsplätzen bei der Tageszeitung sind 150 Jobs gefährdet. Die Argumentation von Konzern-Chef Juan Luis Cebrian klingt ähnlich wie die seiner Kollegen in Deutschland bei ähnlichen Entwicklungen. Schuld sind die fallenden Verkaufszahlen, außerdem schalten immer weniger Firmen Werbung im Blatt.
Der große deutsche Publizist Hans Magnus Enzensberger hat "El Pais" einmal als "eines der besten Blätter der Welt" bezeichnet, das Blatt unter Chefredakteur Javier Moreno hat die Qualität einer deutschen "Die Welt", eines österreichischen "Standard" oder einer "Neuen Zürcher Zeitung", es ist neben "El Mundo" das Leitmedium in Spanien und auch in Südamerika.
Ohne "El Pais", und das ist die Tragik in dieser ganzen Diskussion um die Notwendigkeit und die Schwierigkeit von Print, würde es diesen ganzen Prisa-Konzern mit seinen Radiosendern, Fernsehkanälen und Magazinen nicht geben. Auch ist der Medienkonzern, an dem der deutsche Karstadt-Eigentümer Nicolas Berggruen Anteile hält, an der französischen "Le Monde" beteiligt, 15 Prozent der Aktien gehören dem spanischen Unternehmen. Doch die Zeiten, in denen "El Pais" samstags eine Millionenauflage hatte, sind schon lange vorbei. Heute verkauft das Blatt, die Erstausgabe erschien am 4. Mai 1976, noch knapp 350.000 Exemplare.
Laut Prisa ist die Auflage der Tageszeitung in den vergangenen fünf Jahren um 18 Prozent gefallen, der Anzeigenrückgang in der Tageszeitung beträgt sogar 53 Prozent. Wie die Nachrichtenagentur AFP berichtet, hat Vorstandschef Cebrian vor seinen Mitarbeitern angekündigt, dass er ältere Mitarbeiter früher in Rente schicken möchte. Zudem sollen sich weniger Redakteure um die Regionalausgaben in Barcelona, Seville, Valencia, Bilbao, Santiago de Compostela kümmern. Aber auch die Stammredaktion in Madrid wird bluten müssen.
In einem Leitartikel hat das Blatt am 10. September davor gewarnt, die Unzufriedenheit der Menschen in Spanien und Portugal zu unterschätzen: "Diese Maßnahmen, wie sie jetzt in Portugal beschlossen wurden, verschärfen die Ungleichheit bei der Verteilung der Kosten der Krise und vertiefen die ungleiche Einkommensverteilung, die es in Portugal und Spanien schon vor der Krise gab. Der Ärger der Bürger und die Skepsis der Investoren machen ein Überdenken der falsch verstandenen Sparpolitik nötig. Zumindest sollte man erwägen, die Maßnahmen über einen längeren Zeitraum zu verteilen, um eine Depression zu vermeiden. Eine Depression, die sich nicht nur auf die Wirtschaft bezieht, sondern die sich auch in der Bevölkerung ausbreitet und die Identifikation der Menschen mit der europäischen Einheit belastet." Irgendwie passt die Einschätzung auf die Stimmung in der Redaktion.
Juan Antonio Giner, Gründer vom Zeitungsberatungs-Unternehmen Innovation Media Consulting in London und Kenner der europäischen Medienlandschaft, warnt inzwischen davor, unabhängigen Journalismus in Spanien auf dem Altar des Kommerzes zu opfern. Aber wie soll man mit Eigentümern diskutieren, die 2011 einen Gesamtverlust von 451 Millionen Euro einfuhren, im zweiten Qurtal 2012 einen Verlust von 53 Millionen Euro angehäuft haben und einfach nicht wissen, wie sie im Internet Geld verdienen sollen? Am Dienstag will Konzernchef Cebrian sich erklären.
Irgendwie fehlen die Lichtblicke im Journalismus 2012, von gutbezahlten neuen Jobs ganz zu schweigen.
Bülend Ürük
