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Sieben Denkfallen, die Journalisten kennen sollten

Sieben Denkfallen, die Journalisten kennen sollten Mareike Makosch (Foto: privat)

Wie entstehen unbewusste Verzerrungen in der journalistischen Arbeit – und wie lassen sie sich vermeiden? Mareike Makosch erklärt zentrale Denkfehler und zeigt konkrete Routinen für bessere Recherche und ausgewogenere Berichterstattung.

Berlin – Sind Katzen besser als Hunde? Fragt man die Suchmaschine, bekommt man je nach Perspektive unterschiedliche Antworten. Genau dieses einfache Beispiel nutzt im „medium magazin“ Jeanne Wellnitz im Gespräch mit der Psychologin und Journalistentrainerin Mareike Makosch, um zu zeigen, wie stark unser Denken von kognitiven Verzerrungen geprägt ist – und welche Folgen das auch für journalistische Arbeit hat.


Die Kognitionsforschung beschreibt zahlreiche dieser sogenannten „Biases“, die unbewusst steuern, welche Informationen wir wahrnehmen, wie wir sie bewerten und welche Geschichten wir daraus machen. Für Journalistinnen und Journalisten ist das besonders relevant – denn der Anspruch, möglichst objektiv zu berichten, trifft auf ein Gehirn, das systematisch Abkürzungen nimmt. Makosch erklärt sieben zentrale Denkfehler – und wie Redaktionen ihnen begegnen können:

 

1. Der Bestätigungsfehler: Wir finden, was wir suchen (Confirmation Bias)
Was passiert? Das Gehirn bevorzugt automatisch Informationen, die eine bestehende Annahme stützen. Das heißt: Wer mit einer These startet, wird Belege dafür finden. Widersprüchliches wird nicht bewusst unterdrückt, es fällt einfach nicht auf oder wird geringer gewichtet.


Beispiele: Als klar war, dass der ehemalige US-Präsident Biden merklich alterte und Fehler machte, fielen Journalisten genau solche Momente überproportional auf, während Situationen, in denen er unauffällig funktionierte, kaum registriert wurden.


Anderes Beispiel: „Einem Journalisten, der als implizite Annahme hat, dass Migration gut ist, werden mehr Beispiele für gelungene Integration auffallen“, sagt Makosch. „Das passiert ihm automatisch, den Gegenbeispielen misst sein Gehirn weniger Gewicht bei. Genauso passiert es einer Journalistin, die kritisch fragen möchte, ob Migration negative Seiten hat: Ihr werden mehr Beispiele für kriminelle Migranten begegnen, sie wird mehr Artikel über überforderte Kommunen finden.“
Warum gefährlich? So entstehen einseitige Recherchen, die für Menschen mit gegenteiliger Meinung wie Stimmungsmache aussehen.


So entschärfen: Egal, was das Ergebnis einer Recherche ist: Medienmenschen sollten immer auch das Gegenteil in Erwägung ziehen. Das Bonn Institute nennt diese Strategie „Teufelsadvokat“. Was wäre, wenn der Protagonist doch unschuldig ist? Oder das Unternehmen es gut meint? Das Institut hat eine Liste mit unerwarteten, lösungsorientierten Fragen veröffentlicht (t1p.de/KonstruktiveFragen), die weiterhelfen, wenn es darum geht herauszufinden: Könnte es auch anders sein?


Makosch rät außerdem, das Material anderen, etwa im Redaktionsteam, vorzulegen und zu fragen, zu welchen Ergebnissen sie kommen. Vorsicht: Die Frage sollte nicht suggerieren, was man gerne hören würde. Deshalb für diesen Test niemals die eigene These nennen, nicht fragen: „Siehst du hier auch, dass ...?“ oder „Zeigt das nicht, dass ...?“. Viel besser sind offene Fragen wie: „Was fällt dir auf?“

 

2. Der Negativitätsbias: Das Schlechte bleibt hängen (Negativity Bias)
Was passiert? Wir nehmen negative Reize deutlicher wahr als positive, verarbeiten sie tiefer und erinnern uns besser an sie. „Evolutionspsychologisch ist das schlüssig, negative Informationen waren aus Überlebenssicht wichtiger als positive“, sagt Makosch. Das Prinzip „If it bleeds, it leads“ ist also nicht zwingend eine redaktionelle Entscheidung, es ist eine menschliche Grundeinstellung. Der Bias ist ein doppeltes Problem: Er ist tief in der menschlichen Psyche verankert und das journalistische System verstärkt ihn noch, weil es auf Abweichung und Negativität als Nachrichtenwert setzt.


Beispiel: 2005 berichteten Medien nach dem Hurrikan Katrina über Plünderungen und bürgerkriegsähnliche Zustände. Später stellte sich heraus: Es gab zwar einige Plünderungen, aber die meisten Bürgerinnen und Bürger verhielten sich ruhig und solidarisch. Die verzerrten Berichte hatten gar zu mehr Chaos und Panik geführt. Der Negativity Bias wurde zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung.
Warum gefährlich? Nachrichtenvermeidung steigt massiv, weil die permanente Negativität das Publikum vertreibt. „Die User klicken ja nicht die anderen Sachen an, sondern machen die ganze Seite zu“, sagt Makosch.


So entschärfen: Bewusst Gegenbeispiele setzen. „Wenn wir objektiv und ausgewogen sein wollen, dann müssen wir konstruktiver berichten“, sagt Makosch. Hier hilft auch das Credo, gezielt nach Lösungsansätzen zu suchen. Die Journalistin Ronja von Wurmb-Seibel brachte das auf die Formel: „Scheiße plus X“. Journos sollten immer nach dem X Ausschau halten.

 

3. Der Verfügbarkeitsfehler: Präsentes scheint häufig vorzukommen (Availability Bias)
Was passiert? Menschen halten Ereignisse für wahrscheinlicher, wenn sie ein Beispiel dafür im Kopf haben.


Beispiele: Nach einem Flugzeugabsturz nimmt die Flugangst zu – obwohl die Statistik sich nicht geändert hat. Nach 9/11 mieden so viele Amerikaner das Flugzeug, dass schließlich deutlich mehr Personen bei Autounfällen starben. Ein anderes Beispiel sind mietbare E-Scooter: „Da Journalisten häufig in Städten leben, in denen E-Scooter ständig im Weg standen, also im Gehirn verfügbar waren, schrieben sie auch viel darüber“, sagt Makosch. Für Teile der Leserschaft sei das überhaupt nicht relevant gewesen, weil es etwa in ländlicheren Räumen gar keine oder kaum mietbare E-Scooter gab. Makosch: „Hier hat die Verfügbarkeitsheuristik zu einer schlechten Themensetzung geführt.“


Warum gefährlich? Im Redaktionsalltag zeigt sich der Bias, wenn ein Thema überall imzu sein scheint. Ein negativer Fall sensibilisiert, plötzlich fällt jeder weitere auf und es wird erneut darüber berichtet.
So entschärfen: Immer Statistiken prüfen: Ist das Phänomen tatsächlich häufiger geworden oder nur sichtbarer? Rotationsprinzip bei der Themenauswahl einführen, um nicht in Aufmerksamkeitsschleifen zu geraten.

 

4. Der illusorische Wahrheitseffekt: Scheinwahrheiten durch Wiederholung (Illusory Truth Effect) 

5. Der Heiligenscheineffekt: Wenn der erste Eindruck zählt (Halo Effect) 

6. Der Rahmungseffekt: Die Wortwahl lenkt die Wahrnehmung (Framing) 

7. Der Konformitätseffekt: Niemand will Spielverderber sein (Groupthink) 

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